Versöhnung ist mitten im Streit! 
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„Wir kommen gerade aus dem Streiten nicht mehr raus“, sagte mir kürzlich eine Freundin, Mutter einer 9-jährigen Tochter, sichtlich erschöpft. „War das bei euch auch so?“

Ich dachte zurück an die Jahre des Alleinerziehens mit meiner heute 19-jährigen, und was mir zuerst einfiel, hatte mehr mit mir zu tun als mit ihr. Manchmal, wenn wir stritten, meine Tochter und ich, bin ich aus dem Raum gerannt. Bis mir irgendwann klar wurde, dass ich da einem alten Muster folgte, das ich selbst nie richtig überprüft hatte. Mein Vater hatte die Art gehabt, Ärger oder auch Wut zu äußern und bevor man reagieren konnte, den Raum zu verlassen.

Ganz schlecht. Ich konnte nicht lernen, dass es beim Streiten ja gerade darum geht, sich mit einem realen Gegenüber auseinanderzusetzen. Seit mir das bewusst ist, versuche ich es zu ändern. Oder zumindest mehr darauf zu achten, „da zu bleiben“.

Umso mehr, als ich schon lange weiß, dass Streit in einer aus zwei Menschen bestehenden Kleinstfamilie härter für das Kind ist, als er wäre, wenn es auch mal zum Papa rennen oder sich mit einem Geschwister gegen die Mama verbünden könnte. So habe ich zumindest gelernt, nicht für lange Zeit sauer oder beleidigt zu sein, sondern schnell wieder den Kontakt zu suchen.

Denn Streiten ist ja etwas viel Grundsätzlicheres als eine „Meinungsverschiedenheit“. Lange bevor ein kleiner Mensch so etwas wie eine „Meinung“ haben kann, behauptet er sein eigenes Selbst, wenn er sich dem anderen Menschen entgegensetzt – er grenzt es ab und provoziert, um die Grenze des Gegenübers zu spüren.

Kinder sind ja darauf angewiesen, dass wir sie anders und eigen sein lassen, dass sie auch mal ätzend sein dürfen, die „falschen“ Freunde haben, die krassesten Meinungen, und wir sie trotzdem lieben und wertschätzen. Aber auch in post-autoritären Zeiten heißt „uneingeschränkt lieben“ natürlich nicht „alles erlauben“ oder gar „alles toll finden“.

Die Tochter packt Mutters Leggins in ihre Reisetasche, „die hast du ja zweimal, also fehlt sie dir gar nicht“. Der Sohn kriegt einen Wutanfall, wenn ihm nach zwei Stunden Gamen der Saft abgestellt wird: „Keine einzigen Eltern sind so streng wie ihr!“

Natürlich müssen Kinder immer wieder an Grenzen gehen und manchmal darüber, aber dann zeigen sie sich eben auch, die eigenen Grenzen. Ihr spürt sie. Nicht die Grenzen der coolen Mom von nebenan, der Eltern aus der Serie oder aus Mamas Ratgeber-Buch. Nein, mein Kind braucht meine ganz persönlichen Grenzen, weil es mit mir zusammenlebt und an meiner Seite die Welt erkundet und erfährt.

Ich habe es übrigens längst nicht immer geschafft und schaffe es auch heute nicht immer – DA zu bleiben, wenn wir streiten. Aber spätestens, wenn ich den Raum verlasse, merke ich: Sie braucht es aber, mein „Dableiben“. Sie muss spüren, wo ich stehe und wer ich bin. Und so habe ich unterschiedliche Weisen entwickelt, um sie das spüren zu lassen. In manchen Phasen haben wir uns gegenseitig Briefe unter der Tür durchgeschoben: Dann fand die Auseinandersetzung so statt. Manchmal schlägt eine von uns einen anderen Zeitpunkt und Ort vor: Hast du heute Abend Zeit für ein Gespräch in Ruhe? Etwas kann meine Tochter viel besser als ich: deutlich machen, dass es mal wieder Zeit für eine Umarmung ist – nach einem Streit, manchmal sogar mitten in einem Streit. Um zu spüren, dass Streiten ja nichts zu tun hat mit Sich-weniger-Lieben.

Denn ein Kind (oder Kinder) haben ist, finde ich, nicht nur eine Schule des Liebens, sondern auch eine Schule des Streitens. Mit niemandem sonst habe ich annähernd so sehr gelernt – und lerne ständig weiter –, dass es im Leben überhaupt nicht um Streitvermeidung gehen kann, sondern darum, eine für sich und die anderen gute, konstruktive Art des Streitens zu erlernen.

„Ja“, sagte ich zu der Freundin, „wir haben in manchen Phasen auch ziemlich viel gestritten.“ Streiten zu zweit ist Nahkampf. Mit der Chance, nicht als Sieger und trotzdem gestärkt aus dem Ring zu gehen.