Stress ist nicht immer schlimm - es kommt darauf an, was man daraus macht.
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Berlin"Bist du gerade im Stress oder können wir reden?" Wenn ich meinen Mann während der Arbeit anrufe, ist das meine erste Frage. Immer! Überhaupt spielt das Wort Stress eine überdimensional große Rolle in meinem Leben. Alle meine Freunde fühlen sich gestresst. Wer eine Arbeit hat, dem ist alles zu viel, und es gibt sowieso zu viel zu tun für zu wenige Kollegen. Und wer keine Arbeit hat, ist von der Jobsuche gestresst. Und auch darüber hinaus: Stress ist kein Phänomen der modernen Arbeitswelt, vielmehr eines der modernen Gesellschaft. So ist mein Eindruck. Aber stimmt der wirklich? Sind heutzutage alle Menschen von allem und jedem gestresst? Und wenn ja, wie schlimm ist das eigentlich?

Reaktion auf Herausforderungen

Ich treffe Hans Jürgen Kraux, den Leiter des Psychologenteams am Sana Krankenhaus Lichtenberg. In seinem Büro im zweiten Stock sprechen wir über diese sechs Buchstaben, die zusammengenommen ein fast schon beängstigendes Gefühl auslösen. Dabei ist Stress in erster Linie gar nichts anderes als die Reaktion des Menschen auf Herausforderungen, auf Umwelt-Veränderungen, auf Dinge, die auf ihn zukommen. "Der Begriff Stress kommt genau genommen aus der Mechanik und beschreibt die Fähigkeit, in seinen Ausgangszustand zurückzukehren, nachdem man eine Zeit lang von etwas befeuert wurde", erklärt Psychologe Kraux. "Wir haben zwei Reaktionsmöglichkeiten - raufen oder laufen. Entweder nehmen wir den Kampf auf oder wir laufen weg, wir fliehen."

Dabei ist Stress nicht per se etwas Schlechtes. Im Gegenteil. "Er ist sogar notwendig, damit der Mensch sich an seine Umwelt anpassen und in ihr überleben kann. Damit er sich weiterentwickelt", weiß Hans Jürgen Kraux. Das Problem heutzutage sei aber, dass Stress oft negativ besetzt ist. Und dass die zweite mögliche Reaktion auf Stress, das Weglaufen, im Laufe der Evolution an Bedeutung verloren hat. "Vor dem wilden Tier, das bei unseren Urahnen Stress ausgelöst hat, konnte man vor 10.000 Jahren noch fliehen. Heutzutage bedeutet, vor einem Problem davonzulaufen, in der Regel noch größeren Stress."

Vor dem wilden Tier, das bei unseren Urahnen Stress ausgelöst hat, konnte man fliehen. Heutzutage bedeutet, vor einem Problem davonzulaufen, in der Regel noch größeren Stress.

Psychologe Hans Jürgen Kraux

Was bleibt, ist die Tatsache, dass Stress eine Frage der Interpretation ist. Vom Psychologen Richard Lazarus gibt es eine Theorie, die besagt, dass Stress erst dann entsteht, wenn wir im Kopf eine Bewertung gemacht haben. "Wenn ich in eine heikle Situation komme, zum Beispiel wenn ich zu einer Patientin muss, die bei uns im Krankenhaus ein Kind verloren hat, versuche ich es nicht als Gefahr, sondern als Herausforderung zu sehen", erklärt Hans Jürgen Kraux. "Ich mache innerlich einen Schnellcheck. Was habe ich in den letzten Jahren gelernt, wie ist es mir bei ähnlichen Situationen ergangen? Wenn ich überall ein grünes Häkchen ran machen kann, ist es keine Gefahr mehr. Ich gehe natürlich mit einer Stresssymptomatik in das Gespräch, aber mit einer positiven Stimmung. Ja, ich werde es schaffen! Ähnlich wie bei einem sportlichen Wettkampf."

Gelingt diese positive Verknüpfung nicht, reagiert der Körper mit klassischem Stress. Der Herzschlag wird erhöht, dadurch hat man mehr Energie. Die Atmung wird schneller, wodurch der Muskel besser mit Sauerstoff versorgt wird. All das hilft, um stärker zu sein. Wir werden schweißig, damit wir im Kampf weniger griffig sind. Und der Schweiß reguliert die Wärme. Denn durch einen erhöhten Herzschlag wird unser Körper wärmer und das muss ausgeglichen werden, um keinen Kreislaufzusammenbruch zu bekommen. Das Gehirn wird mehr durchblutet, weil wir es brauchen, um die Situation zu erkennen und gut reagieren zu können. Die Durchblutung zieht sich zurück aus den Peripheren, also aus den Armen und Beinen. Dadurch kann es zu Kälteempfinden kommen. "Das alles sind uralte Reaktionen, die damals zum Überleben notwendig waren und die wir heute noch spüren, auch wenn es oft nicht mehr um Leben und Tod geht", weiß Psychologe Kraux.

Stress schönreden geht nicht

Könnte man seinen Stress also entspannter angehen? Ja, aber ... "Sich negativen Stress schön zu reden, ist Selbstbetrug. Das klappt nicht gut. Aber aus gewissen Zwängen heraus versuchen wir das gern. Ich kann meinem Chef schlecht sagen, ich schaffe das nicht, denn da hängt mein Arbeitsplatz dran. Oder ich kann dem Konflikt mit meiner Frau nur aus dem Weg gehen, denn ich will mich nicht scheiden lassen. Dann bleiben wir im Stress drin. Auch wenn wir ihn vielleicht nicht wahrhaben wollen", sagt Hans Jürgen Kraux.

Auf Dauer macht das aber krank. Die Weltgesundheitsorganisation hat Stress sogar zu "einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts" erklärt. Burnout und Depressionen, Herz-Kreislauferkrankungen oder Schlafstörungen sind nur einige der unmittelbaren Folgen. Wer Stress über lange Zeiträume zu ertragen versucht, schadet sich und seinem Körper also mitunter sehr.

Stellen wir uns also ehrlich die Frage: Erlebe ich den Stress positiv oder negativ? Natürlich bedeutet es für mich als Mutter mit Kleinkind Stress, den Vollzeitjob als Redakteurin und die Familie gut unter einen Hut zu bekommen. Aber: Für mich ist das positiver Stress. Sogenannter Eustress. Ganz nebenbei lerne ich in vielen Gesprächen mit Experten eine Menge für und über mich selbst und mein eigenes Leben.