So bereitete man sich in Berlin vor 110 Jahren auf den Heilberuf vor: Herren in Anzügen lauschten Herren in Weiß. Hörsaal der II. Medizinischen Klinik der Charité.

Foto:  Bildarchiv des Instituts für Geschichte der Medizin

BerlinEin leistungsfähiges Gesundheitssystem benötigt Menschen mit besonderen Fähigkei­ten. Nicht nur gute Ärzte werden gebraucht, sondern auch bestens qualifizierte Pfle­gekräfte, Hebammen oder Physiotherapeutinnen. In der modernen Klinik versehen diese Berufsgruppen zahlreiche Aufgaben, die früher Ärztinnen und Ärzten vorbehalten waren. Grund genug, ihre Qualifizierung regelmäßig den aktuellen Erfordernissen anzupassen.

Seit einigen Jahren verfolgt die Politik das Ziel, die Gesundheitsberufe zu akademi­sieren. Die dort verlangten Kompetenzen sollen also durch ein Hochschulstudium und nicht mehr durch die Berufsschule vermittelt werden. Das klingt nach einer höherwertigen Qualifizierung und grundlegenden Aufwertung, auch wenn die Argumente dafür oft nicht ganz passen. So wirkt der Hinweis, dass in anderen Ländern Hebammen und Physiotherapeuten ein Studium absolvieren müssen, ehe sie arbeiten dürfen, durchaus irreführend. Die duale Ausbildung mit einer guten Mischung aus Praxis und Theorie ist ein besonderes Merkmal des deutschen Qualifizierungssystems. Sie schließt üblicherweise die Vermittlung akademischer Komponenten ein. Ihre Standards sind daher nicht selten höher als in Ländern, die Pflegekräfte an Hochschulen qualifizieren.

Eine stärkere Akademisierung der Gesundheitsberufe ist dennoch kein falscher Schritt. Er kann als Alternative zu einer weiter bestehenden Praxisausbildung vollzogen werden, wie das seit 2017 bei den Pflegerinnen und Pflegern der Fall ist. Er kann aber auch zur sogenannten Vollakademisierung führen, bei der in Zukunft allein die Hochschulen für die Qualifizierung verantwortlich sind. Seit November 2019 gilt das zunächst für die Hebammen-Ausbildung. Nach den Vorstellungen einer Arbeitsgruppe mit Vertretern des Bundes und der Länder könnte das bald auch Bereiche wie die Physiotherapie oder die Logopädie betreffen. Das Bundesgesundheitsministerium legt hier ein erhebliches Tempo vor, um noch vor Ende der Legislaturperiode zum Ziel zu kommen.

Betrachtet man allerdings die konkrete Umsetzung, so zeigt sich ein großes Problem. Die Hochschulen beklagen eine mangelhafte Ausfinanzierung der neuen Studiengänge. Die Lage ist zumindest uneinheitlich, wie ein Blick auf die 16 Bundesländer verdeutlicht. Manche von ihnen stellen Mittel für den Aufbau von Studienplätzen zur Verfügung, andere haben bislang noch keine Kostenplanung durchgeführt. Der Bund verweist auf seine Nicht-Zuständigkeit, wenn es um die Finanzierung der Hochschulen geht – dabei hat er die Initiative zur Akademisierung der Gesundheitsberufe wesentlich angestoßen. Die Staatssekretäre, die in einer Arbeitsgruppe „Wissenschaft und Gesundheit“ über mögliche Wege aus dem Dilemma beraten, sehen immerhin die Notwendigkeit einer zügigen Lösung.

Es ist dringend geboten, dass die neuen Studiengänge auskömmlich finanziert werden. Denn sonst bleibt die politisch gewollte Aufwertung der Gesundheitsberufe ein leeres Versprechen. Damit die Tätigkeit als Hebamme oder Pfleger für Berufsanfänger attraktiv ist, bedarf es allerdings nicht nur der Akademisierung. Benötigt wird auch eine angemessene Bezahlung für solche qualifizierten Tätigkeiten, die in unserer Gesell­schaft ständig an Bedeutung gewinnen.

Der Autor ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.