Koreanische Schüler haben Arbeitstage wie Spitzenmanager.
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SeoulDie Zehn-Millionen-Metropole Seoul kommt an einem Vormittag im Jahr zum Stillstand: Als am 14. November 2019 rund Fünfhunderttausend südkoreanische Oberschüler zur Universitätseingangsprüfung antraten, öffneten die staatlichen Firmen und Börsenmärkte eine Stunde verspätet – damit die Pendler nicht die U-Bahnen und Busse zum Schulweg verstopfen.

 Während des 35-minütigen Hörverständnistests in Englisch wurde gar der Flugraum landesweit gesperrt. Und bereits Tage zuvor waren die buddhistischen Tempel mit besorgten Müttern gefüllt, die mit Räucherstäbchen und Kerzen für die Zukunft ihrer Kinder beteten. Der neunstündige Prüfungsmarathon ist schließlich für einen jeden Südkoreaner der wohl entschiedenste Tag im Leben.

Wie in vielen ostasiatischen Ländern gilt auch im konfuzianisch geprägten Südkorea Bildung als Schlüssel zum gesellschaftlichen Aufstieg.

In allen Disziplinen vorn

Das spiegelt sich eindrucksvoll bei den am Dienstag vorgestellten Pisa-Ergebnissen wider: Die südkoreanischen Schüler landeten durchweg in der Spitzengruppe, oft nur geschlagen von den asiatischen Stadtstaaten Singapur und Hongkong.

Im Vergleich mit Deutschland hat Südkorea in allen getesteten Disziplinen – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – im direkten Vergleich die Nase vorn. Ebenfalls ist das Bildungssystem der Koreaner vergleichsweise integrativ: Der soziale Hintergrund der Eltern spielt eine geringere Rolle verglichen mit dem OECD-Durchschnitt.

Schattenseiten des Bildungssystems

Tatsächlich war noch nach dem Koreakrieg (1950–53) der Großteil der Bevölkerung analphabetisch. Heute gibt es in keinem Land der Welt mehr Uni-Absolventen als in Südkorea. Dabei hat das rigide Bildungssystem auch seine Schattenseiten, die sich nicht zuletzt in einem gängigen Sprichwort der südkoreanischen Jugend widerspiegeln: Wenn du drei Stunden schläfst, wirst du den Test bestehen. Vier Stunden Schlaf – und du fällst durch. Die Oberschüler des Landes stemmen Arbeitstage wie Spitzenmanager.

Dabei findet der wichtigste Teil des Büffelns nicht im Schulgebäude statt. Je näher es an den entscheidenden Universitätseingangstest geht, desto desinteressierter und schläfriger werden die Schüler in den Klassenzimmern. Der wirklich wichtige Teil beginnt nachmittags in den Nachhilfeinstituten, „Hagwon“ genannt. Dort wird nämlich effizient und gezielt für die Prüfung am Ende der Oberschule gebüffelt.

Büffeln bis zehn Uhr abends

Die massiven Kosten außerschulischer Bildung sind längst zum gesellschaftlichen Übel geworden. Seit Jahren versucht das Bildungsministerium in Seoul den Nachhilfesektor zu regulieren, um die Chancengleichheit für Kinder aus weniger privilegierten Haushalten zu gewährleisten. Bislang jedoch ist der Widerstand aufgebrachter Eltern zu stark.

Der vielleicht bislang größte Erfolg: Seit einigen Jahren müssen die südkoreanischen „Hagwons“ um zehn Uhr abends schließen, damit die Kinder genug Schlaf bekommen.

Am 7. November hat das Bildungsministerium in Seoul nun die Abschaffung seiner rund 80 Elite-Schulen angekündigt. „Ich nehme die Sorgen der Öffentlichkeit ernst, dass die Ungleichheit im Schulsystem auch zur Ungleichheit zwischen den gesellschaftlichen Schichten führt“, begründete Ministerin Yoo Eun-hae die Maßnahme.

Gleichmacherei bedeutet das jedoch nicht: Ab 2025 wird in südkoreanischen Oberschulen ein sogenanntes „Credit-System“ nach dem Vorbild von Universitäten eingeführt: Dann können die Schüler weitestgehend selber bestimmen, welche Kurse sie belegen wollen.