Aus Hygienegründen auseinandergerückte Schulbänke.
Foto: dpa/Sebastian Kahnert

BerlinDer erste Tag in der Schule seit vielen Wochen, und was macht der Deutschlehrer? Er gibt gleich in der ersten Stunde die Tests zurück, die im März, kurz vor der Schließung der Schule, geschrieben wurden. 

Eine Geste der Hilflosigkeit. Ein Versuch, so zu tun, als könnte einfach angeknüpft werden an den Alltag vor Corona. Als könnte und müsste alles wieder „normal“ und wie „früher“ sein. Die Schülerinnen hätten nach so langer Schulabstinenz allerdings etwas anderes gebraucht. Zum Beispiel, davon zu erzählen, wie es ihnen mit dem Homeschooling ergangen ist.

Das Beispiel ist etwas unfair. Denn Schulen leisten gerade Unglaubliches in ihrem Bemühen, völlig neue logistische Probleme zu lösen und gleichzeitig gut für die Kinder und Jugendlichen da zu sein. Neue Unterrichtsformen werden erfunden und ständig transformiert. Die meisten Schüler dürften besser begrüßt worden sein. Trotzdem sei das Beispiel durchaus paradigmatisch, sagen die Choreografin Jo Parkes und die Tanzwissenschaftlerin Martina Kessel, die beide zum Vorstand von Aktion Tanz, dem Bundesverband für Tanz in Bildung und Gesellschaft gehören.

Kinder und Jugendliche, so Martina Kessel, werden zurzeit von Politik und Medien brutal auf ihre Funktion als Schüler reduziert. Klar, in einer Krise wie der Corona-Pandemie müssen als erstes die funktionalen Strukturen etabliert und gesichert werden. Aber gerade Kinder und Jugendliche brauchen mehr als das – und sie brauchen es erst recht in diesen Zeiten gesellschaftlicher Umwälzungen. Etwas davon ist nun endlich auch bei der Politik angekommen. Franziska Giffey hat die Abstandsregelungen für Kita- und für die kleineren Grundschulkinder nicht nur für nicht praktikabel, sie hat sie auch als für die Kinder nicht zumutbar erklärt. Sie hat den Begriff Kinderrechte in den Raum gestellt, leider ohne zu erläutern, was damit aus ihrer Sicht gerade alles schiefläuft.

Fest steht, Kinder brauchen körperliche Nähe. Alle Menschen brauchen das, aber Kinder in einem ganz anderen Maß. Welche seelischen Schäden das Einbläuen von Abstandsregeln und die Angst, anderen nahezukommen bei Kindern langfristig anrichten werden, ist zurzeit überhaupt nicht absehbar. Da das aber die Bedingungen sind, die das Virus diktiert, sollte die Frage nicht nur sein, ab welchem Alter Kindern eine solche Abstandspflicht überhaupt zugemutet werden kann. Es müssen auch Konzepte entwickelt werden, um die seelischen Belastungen für die etwas Größeren so gering wie möglich zu halten.

Die Bildungspolitik konzentriert sich derzeit sehr auf den Unterricht der Kernfächer. Auch besorgte Eltern machen Druck. Sie wollen von den Lehrern vor allem wissen, wie sie die entstandenen „Lernrückstände“ aufholen wollen. Aber es stellt sich die Frage: Rückstände wovon? Inwieweit können und dürfen die aktuellen Lehrpläne und ihre Zielvorgaben weiterhin der Maßstab sein?

Auf Kinder muss viel mehr als ganzheitliche Menschen eingegangen werden als es derzeit der Fall ist, fordern Parkes und Kessel. Um die derzeit entstehenden Defizite auszugleichen, müssten neue Formen für ihr Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft gefunden werden. „Unsere Körper enden nicht an unserer Hautgrenze“, sagt Jo Parkes, die für ihre Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Tanzpreis Zukunft ausgezeichnet wurde. „Im Tanz können wir uns durch Choreografie auch in größeren Gruppen miteinander verbinden – ohne, dass eine konkrete körperliche Berührung stattfindet.“

Eben das ist etwas, woran es derzeit dramatisch mangelt. Die Überlegungen, die Parkes, Kessel und andere Akteurinnen von Aktion Tanz derzeit anstellen, sind radikal. Aus ihrer Sicht sollte die Krise als Chance begriffen werden, um an Schule etwas zu verändern und Prozesse zu befördern, die sowieso bereits im Gang sind. „Wenn die Klassen gesplittet werden müssen und es an Lehrern fehlt, könnten Künstler mit dem zweiten Teil der Gruppe arbeiten. Sie könnten sich mit ihnen jeweils durchaus mit den gleichen Unterrichtsthemen befassen, nur eben auf eine andere als einer rein kognitiven Weise.“

Mit Methoden der kulturellen Bildung wird auch im regulären Unterricht in den meisten Grundschulen bereits gearbeitet, doch die Bedeutung, die die Beteiligung von Körpern und Gefühlen an Lernprozessen hat, wird nach wie vor unterschätzt. Die Gehirnforschung mag dazu seit Jahrzehnten klare Statements liefern, es fehlt immer noch an entsprechenden Methoden. Der Entwicklungsbedarf ist hoch.

Vor allem aber sind Parkes und Kessel davon überzeugt, dass es in den Schulen viel mehr Raum braucht, damit die Kinder von ihren eigenen Erfahrungen erzählen können. Und das nicht nur in Frage-Antwort-Gesprächen, sondern auch mit Tanz, Theater, Musik und Kunst. „Tanz und natürlich auch die anderen Künste“, sagt Kessel, „ermöglichen den Kindern andere Zugänge zu ihren Erlebnissen und ihren Emotionen - und eben auch die Möglichkeit sie künstlerisch gestaltend zu verarbeiten.“

Vor kurzem hat ein Forschungsteam des Instituts für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim und der Goethe-Universität Frankfurt in einer bundesweiten Studie 6000 Jugendliche zu ihren Erfahrungen in der Corona-Krise befragt. Aus den Äußerungen wurde deutlich, dass sich die Jugendlichen von der Politik nicht gesehen und gehört, und dass sie sich auf ihre Funktionen als Schüler, Auszubildende und Studierende reduziert fühlen. „Über uns wird zwar in der ‚Tagesschau‘ berichtet, aber selbst gefragt werden nicht“, brachte es einer auf den Punkt. Politische Teilhabe sieht anders aus, sagen Parkes und Kessel. Und dass es an Schule statt der Fokussierung auf Kernfächer künstlerische Formen auch braucht, um Kindern eine Stimme zu geben.