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BerlinTattoos sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen und längst keine Seltenheit mehr. Sie erzählen Geschichten über das Leben oder sind einfach nur bunter Körperschmuck. Und manchmal sind sie auch ein Hindernis. Zum Beispiel bei der Suche nach einem passenden Job . Denn so akzeptiert Tattoos mittlerweile im persönlichen Alltag sind, so befremdlich wirken sie oft auf potenzielle Arbeitgeber. Katharina Starlay, Imageberaterin und Mitglied im Deutschen Knigge-Rat, verrät im Interview, wie man auch im Berufsleben souverän mit seinem Körperschmuck umgeht.

Weshalb sind Tattoos immer noch ein Tabu in vielen Branchen? Gehört es nicht einfach zu unserer heutigen Welt dazu?

Genau das ist der Punkt, einerseits sind sie in unserem privaten Alltag längst angekommen und gehören wie selbstverständlich dazu. Heute ist man mit einem Tattoo keine Ausnahmeerscheinung mehr. Andererseits aber sind die Geschichten dahinter oft so zutiefst privat, dass sie im Berufsleben als nicht passend empfunden werden. Professionelle Haltung verlangt vielfach Distanz – und die steht angesichts großflächiger geschichtenerzählender Hautpartien infrage. Das ist zu körperlich für die Distanz.

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In der Kleidung beobachten wir seit vielen Jahren Ähnliches: Heute ist die Klientel meist sehr leger unterwegs – Servicepersonal dagegen in einem formellen, angezogenen Dresscode. Denn was Kunden für sich selbst in Anspruch nehmen, wollen sie bei Vertretern einer Berufsgruppe lieber nicht sehen, da werden unterschiedliche Maßstäbe angelegt.

Zudem sollten wir nicht übersehen, dass Tattoos mit einem Viertel bis einem Drittel in unserer Gesellschaft zwar eine hohe Verbreitung haben – es aber auch genauso viele Menschen gibt, die dem Thema wenig abgewinnen können. Um alle zu erreichen und anzusprechen ist Neutralität die bevorzugte Wahl.

BUCHTIPP

Katharina Starlay: Tattoos im Job
Dieses Slim-Book räumt auf mit ein paar Vorurteilen und macht Mut zu einem konstruktiven Umgang damit. In „Tattoos im Job: Wie die Kunst am Körper auch unsere Arbeitswelt verändert“ kommen beide Seiten zu Wort – Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Kann man einen Menschen anhand seiner Tattoos beurteilen oder stecken wir sie damit in eine Schublade? Gehen tätowierte Menschen nicht genauso ihrer Arbeit nach und erledigen sie diese nicht genauso gut wie jemand der keine Tattoos hat?

Beurteilen sollte anhand dessen niemand. Tattoos lassen keine Rückschlüsse auf die Professionalität und die Fachkenntnisse zu – sie ziehen sich heute durch alle Berufsgruppen und alle Gesellschaftsschichten.

Aber es gibt auch eine kollektive Geschichte, Erinnerungen, Erfahrungen: Früher waren Tätowierungen ein Symbol krimineller Milieus und das steckt in manchen Köpfen oder Erfahrungen noch drin. Ich denke, die Popularität von Tattoos ist ein Anlass, die Toleranz, von der wir alle reden und die wir uns wünschen, auch zu leben. In beide Richtungen.

Wieso verändern Tattoos unsere Arbeitswelt? Verändern sie diese zum positiven oder negativen?

Sie bewegen Unternehmen und ihre Mitarbeiter dazu, miteinander in den Dialog zu gehen und zu überlegen, wie der Auftritt der Firma in Zukunft sein soll. Wer sind wir? Wofür steht unsere Marke – und wer sind unsere Kunden überhaupt? Das sind Gespräche, die verbinden und auch das Teamgefühl prägen können. Sie berühren den Markenkern und das, wofür die Firma steht, denn auch die hat eine Persönlichkeit und eine Ausstrahlung. Wenn ich Stil-Leitfäden entwickle, geht es genau um das. Gleichzeitig hilft die Kleidersprache, die Tätowierungen einschließt, herauszufinden, in welches Unternehmen man als Arbeitnehmer passen kann, um sich bestmöglich zu entfalten.

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Gibt es ein No-Go, beispielsweise Tattoos im Gesicht oder Hals?

„No-Go“ ist ein Begriff, den ich persönlich nicht mag. Aber ich werde oft danach gefragt. Gehen tut viel – es sollte nur an der passenden Stelle sein. Klassischerweise galt in der Berufswelt die so genannte T-Shirt-Grenze, die Körperpartien ausgespart, welche ein Kurzarm-Hemd nicht bedecken würde. Im Zuge der Mitarbeitergewinnung haben einige Firmen und Organisationen ihre Repräsentationsziele aber inzwischen angepasst – nicht zuletzt, um Nachwuchs für sich zu gewinnen und gute Leute an sich zu binden. „Employer Branding“ ist das Stichwort. Im Juli 2018 beispielsweise gab es beim Berliner Verwaltungsgericht einen Eilentscheid, dass „ein Verbot, sichtbare Tätowierungen zu tragen, ein erheblicher Eingriff in das Persönlichkeitsrecht“ sei. Ein Polizei-Bewerber hatte geklagt.

In den Bundesländern wird die Sichtbarkeit von Tattoos bei der Polizei allerdings sehr unterschiedlich gehandhabt. Ausgeschlossen bleiben diskriminierende, politisch heikle oder Gewalt verherrlichende Motive – aber das sollte ohnehin eine Ehrensache sein.

Haben Sie einen Tipp, wie ich als Bewerber den Fokus auf meine berufliche Qualifikation lenken kann?

Erstmal muss der Lebenslauf gut sein – ob ich tätowiert bin oder nicht: Komprimiert, chronologisch rückwärts aufgebaut und bezogen auf Projektkompetenzen sowie relevante und bereichernde Lebenserfahrungen. Außerdem sollte das Foto ehrlich sein. Im persönlichen Gespräch kann es – je nach Firma, bei der ich mich bewerbe – angemessen sein, zunächst auch den Unterarm zu bedecken. Damit signalisiere ich, dass es auch mir um die Inhalte geht. Bei diesem Termin sollten der Dresscode bezüglich Tattoos und die eigene Tätowierung außerdem unbedingt angesprochen bzw. abgefragt werden. So bleibt die Tätowierung das, was sie ist – ein Teil von mir selbst, der im Job dabei ist, aber nicht im Vordergrund steht.