Homeoffice im Hotelzimmer.
Foto: camcop media / Andreas Klug

Berlin -Prenzlauer BergKabelsalat auf dem Küchentisch, Kinder, die Videokonferenzen kapern und entnervte Eltern, die im Homeoffice Stunden dazu brauchen, eine simple Mail fehlerfrei zu beantworten. Es gibt Gründe genug, warum einem nach Wochen der Heimarbeit die Decke auf den Kopf zu fallen droht. Auf der anderen Seite gibt es in der Stadt derzeit Tausende Hotelzimmer, die leer stehen und Hoteliers die nach Umsatzmöglichkeit suchen. Zusammen ergibt das eine Geschäftsidee, die mehr und mehr  Liebhaber findet: Hotels in Berlin bieten ihre Zimmer tageweise als Büroersatz an. Ruhe, W-Lan, ein Schreibtisch. Mehr braucht es doch oft nicht zum Büroarbeiterglück. Einen Versuch wert ist es allemal.

Normalerweise ist mein Weg in die Redaktion entlang der Schönhauser Allee ein Krampf. Heute aber surfe ich den Radweg entlang, als wäre es der Sunset Boulevard. Ich küsste Mann und Kinder zum Abschied, es fühlte sich an, als würde ich auf eine aufregende Reise gehen. Meine  Geschäftsreise für einen Tag beginne ich im Hotel Oderberger in der gleichnamigen Straße im Prenzlauer Berg pünktlich um neun Uhr. Einchecken, Passwort für den Internetzugang und schon surrt der Fahrstuhl in den zweiten Stock. Ruhig ist es hier, keine aufgeregten Gäste, die die Stadt nach dem Frühstück erkunden wollen. Nur eine weitere konzentrierte Arbeiterin strebt in ihr Zimmer nebenan.

Die Tür klappt zu. Zu Hause müsste ich spätestens jetzt aus dem Schlafzimmer-Office brüllen, weil die Kinder mit dem neuen Metalldetektor vor der Tür hantieren. Es gibt sehr viel Metall in so einer Dreizimmerwohnung, es piept ohne Unterlass und gleich beginnt die Morgen-Konferenz. Hier in Zimmer 214 reiße ich die Fenster auf, schaue auf die Oderberger Straße und atme tief durch.

55 Euro pro Tag im Hotel-Homeoffice

„Die Idee flatterte schon seit längerem in Branche herum“, erzählt mir Verena Jaeschke, die Hoteldirektorin im Oderberger. Für den Familienbetrieb, der neben dem Oderberger auch das Schwesternhotel „Die Schule“ betreibt, war schnell klar: „Da machen wir mit. Die Hotels waren den für Gästeverkehr geschlossen, wir waren aber dennoch tagsüber da“, sagt Jaeschke. Viel Marge bleibe natürlich nicht, aber es helfe dennoch. „Für uns Hoteliers ist die derzeitige Situation eine absolute Herausforderung. Doch alles, was wir an Umsatz generieren können, hilft uns die laufenden Kosten zu decken, die fallen ja weiter an.“

Eine normale Übernachtung mit Frühstück in dem Hotel im alten Stadtbad kostet 160 Euro, ein Tag im Homeoffice schlägt mit 55 Euro zu Buche. Viele nutzen das Angebot gern tageweise, sagt Verena Jaeschke. Gerade Eltern mit Kindern zu Hause stimmten sich ab, wer kommen darf um ungestört zu arbeiten. Einige buchten wochenweise andere gleich einen ganzen Monat. Etwa fünf bis zehn Gästen kommen am Tag. Von 9 bis 17 Uhr ist das Bürozimmer im Hotel geöffnet.

„Abgesehen vom finanziellen Aspekt ist es auch auf menschlicher Ebene hilfreich. Menschen machen Hotels, wir fühlen uns hier wie Rennpferde, die nicht laufen dürfen“, sagt Verena Jaescke.  „Wir haben einfach gern Gäste und Leben im Haus.“

Es ist halb eins und mein Text ist zur Hälfte fertig. Ohne Ablenkung arbeitet es sich wesentlich effektiver. Auch wenn die Hotels am 25. Mai wieder öffnen dürfen, werden einige wie das Hotel Oderberger das Angebot weiter bereithalten. „Wir sind realistisch: die Touristen werden noch nicht wieder so kommen, wie vor Corona.  Früher hatten wir den Luxus regelmäßig  ausbucht zu sein, das wird es wohl so schnell nicht wieder geben.“