Als Bestatter ist man täglich mit Trauer und Tod konfrontiert, aber auch mit Nähe und Liebe. 
Foto: imago images / Panthermedia

BerlinDie letzten Wochen waren hart bei uns, sicherlich nicht so hart, wie für die Angehörigen in unseren Begleitungen, aber auch an uns sind die Tage nicht spurlos vorbei gegangen. Da waren junge Menschen, da waren sehr junge Menschen, da waren Gauner, da waren absurdeste Unfälle.

Gerade bei Fällen, die uns alle über ein normales Maß hinaus bewegen, müssen wir uns als Team und vor allem als Menschen immer wieder einnorden. Warum mache ich das alles, habe ich das Beste für die Familie getan, und warum hat mich dieser Fall mehr berührt als ein anderer? Ist das gut oder ist das schlecht? Also: Was bringt es mir eigentlich, Bestatter zu sein? „Gestorben wird immer“, raunt man. Schenkelklopfer.

Nachdem es in den ersten Jahren immer wieder Situationen gab, in denen sich meine Freunde viele Drinks durch Wetten verdienten, in denen Dritte raten durften, was ich beruflich mache, hat sich mittlerweile etwas eingeschlichen, was ich unfassbar genieße: Normalität. Ich bin eben Bestatter und Trauerbegleiter.

Es ist wichtig, Nähe zuzulassen

Natürlich ist es irgendwie auch anmaßend, jetzt den täglich Umgang mit Trauer und Tod zur normalsten Sache der Welt zu machen. Aber so fremd mir selbst die ganze Thematik war, bevor ich selbst den Beruf ergriff, so normal ist er für mein Umfeld geworden. Und das ist sicherlich eines der Dinge, weswegen ich gerne Bestatter bin: Es geht immer darum, dem Ganzen etwas Normales mitzugeben, aber auch nur, damit sich Menschen dem Tod besser nähern können.

Aber was mache ich, wenn mir die Fälle zu nahegehen, wenn ich nicht mehr unterscheiden kann, ob ich Begleiter oder Mitbetroffener bin, und warum mache ich es dennoch gerne? Ich finde es wichtig, Nähe zuzulassen. Und ich kann behaupten, dass mich jeder Verlust bewegt, den ich begleite – aber es gibt eben Fälle, die mehr nachhallen als andere.

Dazu muss man wissen: Trauer ist wie ein Spiegel, in den man schaut. Wo ich mich am meisten selber erkenne und wo meine Urängste getroffen werden – da erwischt mich die Trauer, obwohl ich selber gar nicht betroffen bin. Deswegen werden Verluste von Kindern umso mehr beweint von Dritten als eben der Tod eines 92-jährigen. Aber ich darf und will nicht unterscheiden zwischen dem 17-jährigen Mädchen, die meine Tochter sein könnte, und dem alten Herrn, auch wenn mir das nicht immer gelingt.

Nicht nur Tod und Trauer

Persönlich ist Nähe etwas, das mir abseits des Berufes fehlt. Natürlich habe ich Nähe zu meiner Familie, zu meinen Freunden, aber im weiteren Feld ist Nähe eben etwas, das nur zu gerne vermieden wird. Ich meine Nähe im Sinne von Ehrlichkeit, Nähe im Sinne, keine Masken zu tragen, um etwas zu sein, das man nicht ist. Vielleicht, weil ich so selbst am liebsten bin: unverklärt.

Ich finde es selbst manchmal irritierend, Nähe genau dann zu finden, während andere trauern. Aber ich brauche wiederum genau diese Nähe, um Familien bestmöglich begleiten zu können. Wie oft wünsche ich mir, dass Menschen diese Nähe auch über die Traurigkeit hinaus bewahren. Es klingt wie ein Kalenderspruch, aber Trauer kann genau diese Kraft entwickeln.

Ich versuche allen klar zu sagen, dass es niemals wieder so gut wie früher wird. Aber es wird wieder anders gut. Und der Schmerz, die Nähe, die Ehrlichkeit und auch ein gesundes Einen-Scheiß-Geben auf unwichtige Sachen – das alles kann ein elementarer Bestandteil dieses neuen Guten sein.

Die Trauer wird bleiben, das Leben geht weiter

Ich glaube die Bereitschaft, das zuzulassen, ist einer der wichtigsten Bausteine, um in Zukunft wieder mit seinem Leben zurechtzukommen. Die Trauer wird bleiben, das Leben geht weiter.

Und ich? Ich genieße es, zu sehen, wie viel Nähe und Liebe in den Menschen steckt, auch wenn es dafür manchmal den Katalysator der Trauer braucht. Ich schnappe mir meine Tochter, schalte zum Missfallen meiner Kolleginnen mein Handy aus und gehe mit ihr segeln. Ich will nicht darauf warten, dass erst ein Todesfall mir sagen muss, wie wichtig alles andere ist, was man sonst nur so gerne beiseitewischt.