Die Umstellung auf Homeoffice macht vielen Menschen zu schaffen.
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BerlinAlexander von Bethmann war ein erfolgreicher Unternehmensberater bei BCG, bevor er eine Familie gründete und sich einen Job suchte, der mit der Betreuung der Töchter vereinbar ist. Seit sechs Jahren arbeitet er bei einem schnell wachsenden Start-up, das medizinische Dienstleistungen in bundesweiten Netzwerken, über Telefon und im Internet anbietet.

Der Familienvater arbeitete schon vor der Coronakrise im Homeoffice. Wir wollten von ihm wissen, wie man es anstellen muss, um im Homeoffice effizient zu arbeiten und die Kinder nicht aus den Augen zu verlieren.

Herr von Bethmann, als Sie noch bei der Boston Consultig Group (BCG) gearbeitet haben, waren Sie immer auf Projekten in anderen Städten, hatten eine Siebzig-Stunden-Woche, waren fast nie zu Hause. Fiel es Ihnen schwer, davon Abschied zu nehmen?

Nein, mit Ende zwanzig war es genau das Richtige. Aber mir war klar, dass dieser Job mit einem Familienleben unvereinbar ist. Mit Mitte dreißig habe ich mich frohen Herzens davon verabschiedet. Aber die Frage, wie man Unternehmen und tägliche Abläufe effizienter gestalten kann, interessiert mich immer noch.

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Zur Person

Alexander von Bethmann studierte Biologie und Volkswirtschaft, war von 1998 bis 2004 Projektleiter bei BCG, arbeitete in der Medizintechnik-Industrie und in verschiedenen Start-ups. Seit 2014 leitet er die Geschäftsentwicklung der Firma IVP.

Die vierköpfige Familie lebt in Berlin, von Bethmann spielt Oboe und interessiert sich leidenschaftlich für klassische Musik.

Jetzt arbeiten Sie im Homeoffice. Was mögen Sie daran?

Dass man keine Zeit mit dem Weg zur Arbeitsstelle verliert, keine Anzüge tragen muss. Dass man besser nachdenken kann als im Tages-Heckmeck des Büros … Besonders das konzeptionelle Arbeiten fällt mir zu Hause leichter. Und das Telefonieren mit Kunden ist angenehmer, wenn man nicht ständig von anderen angesprochen und gestört wird.

Im amerikanischen Bestseller „Remote (office not required)“ wird das Firmenbüro als „Factory of Interruptions“ bezeichnet. Als Fabrik, die am laufenden Band Unterbrechungen produziert.

Kein schlechter Ausdruck.

Dort wird auch von Menschen erzählt, die zwei verschiedene Paar Hausschuhe tragen – je nachdem, ob sie zu Hause leben oder arbeiten. Brauchen Sie solche Formen der Selbstüberlistung?

(Lacht) Bisher nicht.

Was ist beim Homeoffice die größte Falle?

Den Verlockungen des Internets zu erliegen, private E-Mails, soziale Netzwerke und Online-Nachrichten sind ja gigantische Zeitfresser. Genau wie im Büro, aber dort sind die Hemmschwellen größer, das exzessiv zu nutzen. Doch egal, wo man arbeitet, natürlich gibt es diese Ausrutscher-Tage, an denen man nicht richtig produktiv ist.

Ist es Ihnen am Anfang schwer gefallen, sich zu Hause zu disziplinieren?

Nein, aber ich war schon immer ein sehr strukturierter Mensch und brauche keinen Druck von außen.

Fehlt Ihnen das Sozialleben aus dem Büro, die Anregungen?

Nein, dafür habe ich ja das Familienleben. Außerdem arbeite ich nur drei Tage pro Woche im Homeoffice, bis zur Coronakrise war ich zwei Tage pro Woche unterwegs – zum Beispiel, um im Hamburger Headquarter Kollegen zu treffen.

Austausch und Stille. So können Sie die Vorteile von Büro und Homeoffice kombinieren! Welche technische Ausstattung haben Sie zu Hause?

Einen Laptop, ein Festnetz- und ein Mobiltelefon, mehr brauche ich nicht. Und ans Telefon gehe ich zuverlässig, auch wenn ich meine Tochter mal zum Fußball begleite.

Wie sieht ein normaler Tag aus bei Ihnen?

Ich stehe immer als erstes auf und mache das Frühstück, meine Frau weckt die Kinder. Nach dem gemeinsamen Porridge brechen die Kinder in die Schulen auf. Ich mache dann noch das berühmte bisschen Haushalt: Tisch abdecken, aufräumen, Wäsche ansetzen. Um Punkt neun sitze ich am Schreibtisch – und bin konzentriert bei der Sache.

Fangen Sie jeden Morgen um neun Uhr an?

Ja, diese einfachen Regeln helfen mir sehr beim effizienten Arbeiten: Eine feste Uhrzeit für den Arbeitsbeginn, und Haushalt nur davor, in der Mittagspause oder nach Arbeitsende.

Dann ist die Hausarbeit vielleicht sogar eine willkommene Abwechslung. Nach der Bildschirm-Sitzerei kann man sich bewegen und kommt auf andere Gedanken …

Mittags schmiere ich mir ein paar Brote, die ich neben dem Rechner vertilge. In Nicht-Corona-Zeiten kamen gegen halb drei die beiden Mädchen nach Hause, die jetzt zehn und vierzehn Jahr alt sind.

Wie strukturieren Sie als Familie die Zeit der Kinder?

Die beiden schreiben sich eine kleine To-do-Liste, die sie abarbeiten. Manchmal nehme ich mir etwas Zeit, um Vokabeln abzufragen oder bei einem Referat zu helfen. Aber wenn es nichts gibt, wo sie meine Hilfe brauchen, gehe ich weder an den Schreibtisch.

Brauchen Sie beim Homeoffice das, was die Schriftstellerin Virginia Woolf „A room of one’s own“, also ein Zimmer für sich alleine, genannt hat?

Ja, einen eigenen Raum mit Tür, um sie zu schließen und sich abzugrenzen.

Und dann versinkt die Welt um Sie herum …

Nein, natürlich nicht. Mit halbwachem Ohr höre ich, ob die Dinge scheinbar funktionieren. Von Zeit zu Zeit drehe ich eine Runde durchs Haus und schaue, ob das Smartphone vielleicht doch attraktiver war als das Referat über die alten Mayas. Oder ich sage Sätze wie: „Seltsam, ich habe noch gar keine Cellotöne gehört!“

Dürfen Ihre Kinder in Ihr Zimmer kommen, wenn Sie arbeiten?

Ja, aber nicht bei jedem Scheiß! Nervös werde ich, wenn die Kinder ihre selbstfabrizierten Pläne nicht erfüllen und ich stärker reingrätschen muss.

Wäre es nicht schöner, die Zeit mit den Kindern nicht so abmessen zu müssen?

Natürlich wäre das noch schöner. Herumzualbern statt Konzepte für Krankenkasse XY zu schreiben. Aber das ist der falsche Vergleich. Denn ich muss und will ja arbeiten. Wäre ich ein hundertprozentiger Büro-Hengst, denn würde ich um acht Uhr abends aus der S-Bahn stolpern und viel weniger vom Leben der Kinder mitbekommen. Deshalb bilanziere ich das positiv.

Wie lange arbeiten Sie?

Bis sechs oder sieben Uhr abends, dann bereite ich das Abendessen vor.

Dokumentieren Sie Ihre Arbeitszeit?

Ja, ich schreibe mir jeden Tag die Start- und Endzeiten auf, dokumentiere grob überschlagen auch meine Pausenzeiten, um sicher zu sein, das dienstliche Soll von mindestens 40 Stunden zu erfüllen, ein faires Gefühl zu haben sowohl gegenüber dem Arbeitgeber als auch gegenüber der Familie, und irgendwann auch vergnügt aufzuhören. Das alles trage ich in eine Excel-Tabelle ein. Dort notiere ich übrigens auch die Dinge, die mir persönlich wichtig sind: wie zurückgelegte Fahrradkilometer, Kieser-Training und Zeit fürs Oboe-Spielen.

Fühlt sich das nicht an wie ein selbst gebauter Käfig?

Manche mögen das für zwanghaft halten. Aber so kriege ich es hin, in der Rush Hour des Lebens regelmäßig Sport zu treiben und Musik zu machen.

Es gibt Menschen, die nennen diese Zeit gerade „Corona-Ferien“. Was machen Sie mit Ihrer Familie daraus?

Wir haben den Kindern gleich gesagt, dass das keine Ferien sein werden, weil wir Eltern arbeiten müssen und vorgesehen ist, dass sie etwas für die Schule tun. Also kein Schlendrian: Von wegen bis halb elf schlafen und dann vor Youtube abhängen. Das dürfen sie in den Osterferien. Aber bis dahin sollen sie jedenfalls die Vormittage sinnvoll nutzen.

Im Berater-Jargon nennt man das „klares Erwartungsmanagement“, oder?

(lacht) Wir schauen mal, wie viele Aufgaben die Schulen per E-Mail schicken. Wir hoffen, dass dann noch genug Zeit bleibt für freiere Projekte. Unsere Kinder sollten sich in den vergangenen Tagen überlegen, was sie gerne machen würden. Spanisch-Lernen war dabei, Fahrrad-Touren, Cookies backen, ein Zehn-Finger-Tipp-Kurs im Internet. Gemeinsam werden wir einen Stundenplan für das Homeschooling erstellen. Auch haben wir angeregt, dass sie älteren Nachbarn beim Einkaufen helfen. Aber leider haben wir bisher noch keine gefunden, die sich helfen lassen wollten.