Aufbruch zum Sportunterricht. Ein Viertklässler beleidigt den anderen und wird kräftig zurückbeleidigt. Es fällt der Ausdruck: „Du bist Penis mit Ketchup“ – dann beginnt die Prügelei und die junge Sportlehrerin, nennen wir sie Frau Kuchenbecker, verfügt, dass die beiden Störenfriede in der Schule bleiben sollen. Doch auf dem Weg wird munter weiter beleidigt: Ein Mädchen, das ziemlich zugenommen hat in der Corona-Zeit, wird „dick und dumm“ und „Doppel-Big Mac“ genannt.

Bei der Sporthalle angekommen, sagt die Lehrerin: „So! Jetzt reicht’s! Heute machen wir keinen Sportunterricht, sondern sprechen über gutes Benehmen.“ Während sie die Tür aufschließt, wird ihre Ansage unwillig kommentiert: „Kein Sportunterricht, das ist voll Kacke! Frau Kuchenbecker ist voll Kacke!“ Ein Junge zischt ihn an: „Halt deine Hundefresse, die hört das doch!“ Darauf die Antwort: „Ich hab keine Fresse, ich hab ein Gesicht.“ Darauf: „Halt die Fresse, werd nicht frech, bevor ich komme und dir die Nase brech!“

Frau Kuchenbecker versammelt die Klasse in einem Halbkreis und hält einen Vortrag über gewaltfreie Kommunikation. Die Kinder beruhigen sich, nach zwanzig Minuten holt Frau Kuchenbecker die Bälle raus und lässt sie eine Partie Brennball spielen. Am Ende des Spiels kommt es erneut zu einer kleinen Prügelei. Da reißt der Geduldsfaden der Lehrerin, sie schreit: „Ihr seid wirklich beschissen. Aber wisst ihr was? Mir ist es egal, wenn ihr auf die schiefe Bahn geratet! Denn in sechs Wochen arbeite ich sowieso nicht mehr an dieser Schule!“

Die Kinder schweigen, schauen sich betreten an. Mit so einem Ausbruch haben sie nicht gerechnet. Nicht lange danach ziehen die ersten Mütter auf WhatsApp über Frau Kuchenbecker her. Diese unverschämte Lehrerin, hat sie es doch tatsächlich gewagt, ihre Kinder „beschissen“ zu nennen, und sagt, es sei ihr egal, wenn sie auf die schiefe Bahn geraten! Unmöglich! Das geht gar nicht! Diese Frau hat wohl den falschen Beruf gewählt.

Kein Schüler, nur die Lehrerin wird zur Schulleiterin zitiert

Manche ärgern sich, dass ihre unschuldigen Kinder wieder und wieder mit den schuldigen Kindern in einen Topf geworfen – und dann kollektiv bestraft werden. „Ja genau, das muss aufhören!“, schreibt die Mutter des Jungen, der zu den größten Aggressoren in der Klasse gehört.

Andere fordern, dass die Lehrerin vor die Schulleiterin zitiert wird, dass sie sich entschuldigen muss. Der Elternsprecher sekundiert und verspricht, sich in den nächsten Tagen um ein Gespräch zu bemühen. Er ist leidgeprüft, denn im letzten Jahr musste sein etwas klein gewachsener Sohn aushalten, dass seine Mitschüler ihm heimlich auf den Turnbeutel gepinkelt haben. Zwei Mal musste er neue Sportschuhe kaufen für seinen Sohn, weil die vollgepinkelten so gestunken haben, dass er sie nicht mehr anziehen konnte.

Susanne Schleyer
Die Kolumne

Eva Corino schreibt bei der Berliner Zeitung über ihre Herzensthemen Bildung und Familie. Ihre Kolumne handelt von Erziehungsthemen, die eine „subkutane Aktualität“ haben und modernen Familien unter die Haut gehen.

Anyway. Nur am Rand des hin und her wogenden Chats gibt es ein paar vernünftige Stimmen, die daran erinnern, dass die Klasse sich absolut respektlos verhalten hat und es ja eigentlich Aufgabe der Eltern sein sollte, ihre Kinder für eine gewaltfreie Kommunikation zu sensibilisieren.

Tage später erzählt der Elternsprecher, dass er zwar mit der Schulleiterin sprechen konnte, aber Frau Kuchenbecker auf seine Anrufe nicht reagiert. Es heißt, sie sei für eine Weile krankgeschrieben. -

Warum ich diese Geschichte erzähle? Haben sich Probleme angestaut, kommen die Lehrerinnen nicht mehr weit mit den disziplinarischen Möglichkeiten, über die sie verfügen. In früheren Zeiten hätten Eltern ihre Kinder über die Bank gelegt, wenn die Lehrerin ihnen mitgeteilt hätte, dass sie sich ihr gegenüber respektlos verhalten. Heute wird – bildlich gesprochen – die Lehrerin von den Eltern über die Bank gelegt. Natürlich will ich keine Rückkehr zur Prügelstrafe. Aber man spürt: dass hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Heutige Eltern verbringen immer mehr Zeit mit ihren Berufen, vernachlässigen ihre Kinder bisweilen, treten dann aber mit einer wahnsinnigen Anspruchshaltung an den „Dienstleister“ Schule heran. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Denn Werte-Erziehung ist nun einmal eine gemeinsame Aufgabe von Elternhaus und Schule.