An Brennpunkt-Grundschulen, wo sie besonders gebraucht werden, fehlen die voll ausgebildeten Lehrkräfte.
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BerlinDie Ungleichverteilung der sogenannten Quereinsteiger an Berliner Schulen hat sich verschärft. Der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Joschka Langenbrinck (SPD) ist zu entnehmen, dass im laufenden Schuljahr die Gesamtzahl der Lehrkräfte ohne entsprechende Ausbildung um 16 Prozent angestiegen ist. Die 2168 Quereinsteiger machen damit laut Bildungsverwaltung 6,6 Prozent aller aktiven Lehrkräfte im Land Berlin aus – im vorherigen Schuljahr 2018/2019 waren es mit 1837 noch 5,7 Prozent.

Die Übersicht der Quer- und Seiteneinsteiger an den einzelnen Schulen zeigt, dass die Zahl der unausgebildeten Lehrkräfte ohne reguläres Lehramtsstudium zum vergangenen Schuljahr oft an den Schulen gestiegen ist, deren Kollegium sowieso schon zu einem vergleichsweise großen Anteil aus Quereinsteigern besteht.

Die Zahl der Schulen, an denen jede 4. oder 5. Lehrkraft ein Quereinsteiger oder eine Quereinsteigerin ist, ist seit dem vergangenen Jahr von 31 auf 38 gestiegen. 32 davon sind Grundschulen. Zusätzlich haben erstmals sieben Schulen die 30-Prozent-Marke erreicht oder sogar überschritten – alle sind Grundschulen, viele befinden sich in sozialen Brennpunkten.

Qualitätsverlust an genau der falschen Stelle

An der Carl-Bolle-Schule in Moabit, der Hermann-Schulz-Schule in Reinickendorf, der Grundschule am Sandhaus in Pankow und der Schule am Hasenhegerweg in Neukölln ist eine von drei Lehrkräften ein Quereinsteigender. An der Christoph-Ruden-Schule in Buckow und an der Schule im Ostseekarree in Lichtenberg sind es 31 beziehungsweise 30 Prozent.

Die höchste Quote an Quereinsteigern im Kollegium hat mit 36 Prozent die Gottfried-Röhl-Schule im Wedding. 16 von 46 Lehrkräften sind dort Quereinsteiger.

Das Arbeitsklima sei insgesamt gut, sagte Schulleiterin Almut Mohrmann der Berliner Zeitung. „Aber das bedeutet natürlich trotzdem einen immensen Qualitätsverlust.“ Von pädagogisch nicht voll ausgebildeten Lehrkräften könne man zum Beispiel nicht erwarten, dass sie eine Leserechtschreib- oder Rechenschwäche auf Anhieb erkennen.

36 Prozent Quereinsteiger im Kollegium – das bedeutet natürlich einen immensen Qualitätsverlust.

Almut Mohrmann, Schulleiterin der Gottfried-Röhl-Grundschule in Wedding

Joschka Langenbrinck, der eine entsprechende Anfrage bereits im vergangenen Schuljahr gestellt hatte, sagte am Montag: „Die Konzentration an einzelnen Schulen und vor allem in sozialen Brennpunkten geht nicht.“ Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) müsse den Einsatz von Quer- und Seiteneinsteigern an Schulen stärker steuern. Die Bildungsverwaltung gab an, ein „Konzept für eine größere Verteilungsgerechtigkeit unter den Schulen“ sei derzeit in der Abstimmung.

Wie könnte man Quereinsteiger besser verteilen?

Eine „aktive Personalpolitik“ fordert die Bildungsgewerkschaft GEW: „Die Schulen, die vollausgebildete Pädagogen besonders benötigen, haben die wenigsten“, kritisierte Sprecher Markus Hanisch.„Zwangsversetzungen“ an Brennpunktschulen hält die GEW allerdings für den falschen Weg, diese führe nur dazu, dass Lehrerinnen und Lehrer sich in andere Bundesländer verabschieden.

Dass die so genannte „Brennpunktzulage“ von 300 Euro, mit der Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) mehr ausgebildete Lehrkräfte an schwierige Schulen locken wollte, noch keine Wirkung gezeigt hat, wundert Heinisch nicht. Wichtiger als mehr Geld sei die Verbesserung der Arbeitsbedingungen als Anreiz: weniger verpflichtende Unterrichtsstunden und mehr multiprofessionelles Personal wie IT-Leute und Sozialarbeiter, die Lehrkräfte entlasten können.