Berlin -  Es sind zweifellos gute Nachrichten für Berliner Studierende: Nach mehr als einem Jahr des Digitalstudiums von zu Hause luden Bürgermeister Michael Müller, Staatssekretar Steffen Krach und HU-Präsidentin Professor Sabine Kunst gestern zur Pressekonferenz über Öffnungsschritte der Universitäten. Und die Pläne klingen gut. Ab dem 4. Juni soll es Öffnungen der Bibliotheken und Mensen geben sowie kleine Praxisformate, ab dem 18. Juni soll die Anzahl der Teilnehmenden nochmal erhöht werden.

„Es ist nun mal das Wesen der Hochschule, sich direkt zu begegnen“, äußert Michael Müller kurz bevor er verkündet, dass es nun vermehrt Präsenzformate geben solle. Doch wie sehen diese konkret aus? Und gelten sie für alle Fachrichtungen gleichermaßen? Die Hochschulen selbst lassen hier noch immer viele entscheidende Fragen offen. Blickt man auf die konkreten Lehrplanungen mancher Berliner Dekanate für das übrige Sommer- und das kommende Wintersemester, könnte man gar den Eindruck gewinnen, sie bräuchten ihren Bürgermeister, um sich das Wesen der Hochschule noch einmal erklären zu lassen.

So seien Planungen und Gespräche zur konkreten Umsetzung des Wintersemesters laut Krach und Kunst aufgrund des unvorhersehbaren Pandemiegeschehens aktuell noch im Gange. In den internen Leitlinien mancher Dekanate dagegen kann man nachlesen, dass das Wintersemester als mehrheitliches Digitalsemester geplant wird und die Lehrplanung bald abzuschließen ist. Wie das zusammenpassen soll, ist von außen nur schwer nachvollziehbar.

Solche Unklarheiten betreffen ebenso die in Aussicht gestellten Öffnungen ab Juni. So könne eine Öffnung nur in solchen Kursen stattfinden, die zu Beginn des Sommersemesters bereits im Vorlesungsverzeichnis als „Blended Courses“ deklariert wurden, wie die HU gegenüber der Initiative NichtNurOnline in einem Gespräch darlegte. Hier gibt es jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den jeweiligen Fachbereichen. Studiert man beispielsweise Jura, trifft dies glücklicherweise auf einen Großteil der Veranstaltungen zu. Studiert man dagegen Mathematik, Philosophie oder Geschichtswissenschaft auf fast keine bis gar keine Veranstaltung. Öffnungen also nur für manche?

Öffnung nur für manche? Die Fachbereiche werden ungleich behandelt

Hier herrscht dringend Klärungsbedarf. Die Hochschulen müssen sichergehen, dass es nicht zu starken Ungleichbehandlungen kommt. Einige Fachbereiche berichten zudem, dass eine umfassende Umsetzung hybrider Lehre nicht möglich sei, da es keine ausreichende technische Ausstattung gebe. Auch hier müssen die Universitäten handeln und nachholen, was sie bisher versäumt haben. Die Umsetzung sollte und darf nicht an fehlenden Ressourcen scheitern.

Seit Ausbruch der Pandemie wird eines zudem besonders deutlich: An den Universitäten gibt es ein Kommunikationsproblem. Die hochschulinternen Entscheidungsstrukturen sind aus Studierendenperspektive oft nicht nachvollziehbar. Mitbestimmung und Debattenkultur – akademische Kerntugenden – sind dadurch deutlich erschwert.

„Universitäten stehen dafür, dass sie voller Kompetenz und voller Ehrgeiz diverse Dinge umzusetzen können“, hält Bürgermeister Müller fest. Was wie ein Lobspruch auf die innovative Kraft der Universitäten klingt, kann ebenso gut als Ermahnung verstanden werden. Wie genau es verstanden werden soll, liegt nun in der Hand der Hochschulen. Der Rahmen durch die Landespolitik ist gesteckt. Jetzt muss er auch verantwortungsvoll und für Studierende konkret spürbar ausgefüllt werden.


Johannes Hofmann studiert Philosophie an der Humboldt-Universität und Psychologie an der Universität Heidelberg. Er ist Mitglied der studentischen Initiative #NichtNurOnline, die sich seit einigen Monaten für eine vorsichtige Öffnung der Universitäten einsetzt.