Walter Womackas Bauchbinde am Haus des Lehrers in Berlin (Ausschnitt).
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinIn dieser Folge soll es um einen Lehrer gehen, der schon ungefähr dreißig Jahre tot war, als ich auf die Welt kam. Die Geschichte spielt im Ferienlager. Ich muss nur die Augen schließen, und schon bewege ich mich auf Kinderbeinen über die fladenbestückten Kuhwiesen mit Elektrozäunen oder durch knacktrockene Wälder mit sandigen Wegen.

Der tote Lehrer war vermutlich gar nicht Lehrer von Beruf, sondern Soldat. Er dürfte in den letzten Kriegsmonaten gestorben sein, ohne dass es weiter beachtet wurde. Dorfbewohner werden ihn irgendwann gefunden und am Waldrand begraben haben. Die wacklig umzäunte Erhebung war mit einem Stahlhelm gekennzeichnet. Eine kleine und unverbindliche Mahnung. Das Grab lag ungefähr zwei Kilometer vom Ferienlager entfernt und kam in Wegbeschreibungen als Orientierungspunkt vor. An irgendeine Art von ehrendem Innehalten kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß noch nicht einmal, ob es sich um einen deutschen oder sowjetischen Soldaten handelte. 

In unserem eher kleinen Betriebsferienlager gab es viele, heute schwer vorstellbare Freiheiten. Jedenfalls hatten wir, die Älteren, also Zehn- bis Zwölfjährigen, zusammen mit unserer sechzehnjährigen Gruppenleiterin ausgemacht, eigenmächtig eine Gruselnacht für die Kleineren auszurichten. Wir entwarfen einen naturalistischen Parcours des Schreckens, hantierten mit Bettbezügen und roter Farbe, verteilten die Rollen und Stationen und blieben, als es so weit war, bis nach Mitternacht auf. Darin waren wir einigermaßen geübt, weil wir auch in anderen Nächten warten mussten, bis die Erwachsenen schliefen, damit wir für Knutschversuche ins Mädchenzimmer schleichen konnten. (Kurz mal die Augen zu für eine kleine Gedenkminute.)

Ich hatte mir das Soldatengrab ausgesucht, hier sollte die Nachtwanderung enden. Während die Kleinen aus den Federn gerissen wurden und langsam lostrottelten, rannte ich voraus in die Dunkelheit. Ich kannte den Weg, durchs schlafende Dorf, durch den schlafenden Wald, brauchte keine Taschenlampe. Unmerklich erst, dann aber mit jedem Schritt fühlte ich mich freier. Ich erreichte das Grab und lauschte an meinem eigenen Atem vorbei in die Stille. Mein Plan war einfach. Ich wollte mich auf das Grab legen und dann, wenn die Kleinen kämen, aufspringen und röchelnde Schreie ausstoßen: „Bauchschuss! Verdammt, diese Schmerzen! Ich will sterben!“

Ich legte mich auf das Grab, die Zeit stand still. Meine Gedanken sackten einen Meter tiefer, zu den Gebeinen des Toten. Wie ist es, jede Nacht hier zu liegen. Unbekannt. Vergessen. Tot. Meine Aufregung legte sich. Aus dem Gras, in das der Unbekannte gebissen hatte, stieg Wärme auf. Und mit ihr ein Glücksgefühl des Begreifens: Diese Nacht, dieser Wald, die Freunde, der Sommer mit seinen Sternen, die wenigen Küsse, die ich schon gepflückt hatte, und die vielen Küsse, die noch auf mich warteten. Ich werde groß. Mein Leben gehört mir. Du da unten hast deins verloren. 

Natürlich verpatzte ich den Auftritt. Beim ersten Rascheln sprang ich auf, mein Todesschrei blieb stecken, die Kinder gähnten, jemand sagte sehr trocken: „Hallo Uli! Los komm, die Kinder wollen ins Bett.“ Ich ließ meinen toten Lehrer allein.