Walter Womackas Bauchbinde am Haus des Lehrers in Berlin (Ausschnitt).
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BerlinFrau Becker war klein, zart, alt, bestimmt schon fünfzig, und von großer Niedertracht. Na gut, das letzte nehme ich zurück. Auch, weil manche Leserinnen und Leser dieser Serie den Verdacht äußern, dass wir unsere Schulerinnerungen extra eintrüben, um die DDR schlechtzumachen und selber als Helden rüberzukommen. Dabei haben wir hier auch schon so manchen Liebesbrief untergebracht. Zum Helden werde ich in dieser Folge allerdings. Wenn auch zu einem tragischen.

Also weiter hinab in die Erinnerung: Frau Becker amtierte als Hortnerin und hatte als solche sicher keinen guten Stand im Kollegium und erst recht nicht bei der Kinderschar. Ich weiß nicht, ob sie das störte, denn viel Ehrgeiz legte sie nicht in ihre Aufgabe. Sie machte Dienst nach Vorschrift, kleidete sich in einen praktischen Dederonkittel mit Blumenmuster, steckte die Hände in die aufgenähten Schürzentaschen und postierte sich an einen günstigen Punkt auf dem Schulhof, von wo aus sie die Feinde, pardon, Kinder im Blick hatte. Dank ihrer schneidenden Stimme konnte sie stehenbleiben, wo sie war, und doch das Gewusel in den fernsten Ecken mit kurzen Kommandos und Strafandrohungen strukturieren. Egal, wie schnell man rannte, ihr Gekreisch war schneller, packte einen am Nacken und riss einen zurück. Kann sein, dass ich übertreibe.

Beaufsichtigen heißt das. Nach ein paar Malen nutzte sich unser Respekt ein bisschen ab, vielleicht weil nach den Kreischattacken meist nichts weiter folgte. Denn so vernichtend die Androhungen auch waren (Einträge ins Muttiheft), oft verspielte sich das, und irgendwann hatten wir auch heraus, dass Frau Becker lieber auf ihrem Posten blieb, als uns leibhaftig zu verfolgen. Irgendwann war es uns auch egal, ob sie es hören konnte, wenn wir uns über „die blöde Becker“ lustig machten. Hin und wieder tauschten wir in aller Einvernehmlichkeit ein sadistisches Lächeln mit ihr.

Und dann kriegte sie mich doch. Ich hatte vor ihren Augen einen schuleigenen Ball auf das Vordach geschossen. „Das“, sagte sie mit leiser, warmer Stimme, „gibt einen Tadel.“ Um den Urteilsspruch als letztinstanzlich zu markieren, drehte sie sich weg. Ein Tadel, so hatte man uns angedroht, bedeutete den Rauswurf aus der Russischklasse, in die man wegen guter Leistungen delegiert worden und dafür zu ewigem Dank und gutem Benehmen verpflichtet war. So diffus meine Karrierepläne auch waren, ein Tadel bedeutete aus damaliger Sicht deren unvermeidliches Scheitern und ein Ende in der Gosse.

Es gab nur eine Lösung. Ich sprang ein Stück an der Wand hoch, hielt mich an einem Sims fest, um mich hochzuziehen. Ich war schon auf ganz andere Dächer geklettert! Doch Frau Becker hatte mich natürlich beobachtet. Sie holte Luft und schickte einen angespitzten Schrei direkt in meine Fingerkuppen, die sofort erstarben, worauf ich den Halt verlor und zu Boden ging. Auch für das Klettern auf Schuldvordächer stand das Strafmaß fest, und wenn es diesmal auch in einer markzersplitternden Stimmlage verkündet wurde, hieß es doch wieder: „Tadel!“

Ich konnte also der Strafe nicht entgehen. Blieb der Ball oben, würde ich büßen müssen. Versuchte ich, ihn herunterzuholen, ebenfalls. Mein tragisches Dilemma war Frau Beckers Triumph. Ich ging als gebrochener Mensch nach Hause und wartete auf die Ankunft des Scharfrichters oder zumindest eines blauen Briefes. Und wenn ich noch lebe, warte ich noch heute.