BerlinWenn Benjamin Beuger morgens um 8 Uhr aufsteht und in die Schule geht, hat er es nicht weit: Seine Schule liegt seit diesem Schuljahr in seiner Wohnung. Der Neuntklässler, 15 Jahre alt, will lieber nicht in der Zeitung lesen, warum der Regelschulbetrieb für ihn zu gefährlich wäre. Fest steht aber, er gehört zur Corona-Risikogruppe. Und daher darf er auf Antrag seiner Eltern seit 10. August „schulisch angeleitet zu Hause lernen“. So heißt das in Berlin.

Benjamin ist gleichzeitig einer von vielen – und erstaunlich wenigen. Eine Anfrage der grünen Abgeordneten Marianne Burkert-Eulitz, die der Berliner Zeitung exklusiv vorliegt, ergab, dass der Senatsschulverwaltung 450 Schülerinnen und Schüler bekannt sind, die im „schulisch angeleiteten Lernen zu Hause (saLzH)“ unterrichtet werden. Weitere 194 erhalten separaten Unterricht in Kleingruppen mit anderen Jugendlichen, die zu einer der Corona-Risikogruppen gehören. Damit nehmen nur knapp 0,2 Prozent von Berlins rund 360.000 Schülerinnen und Schülern nicht am Regelunterricht teil – bei den Kitakindern sind es nach Angaben der Senatsschulverwaltung rund 0,3 Prozent, also 500, die zu Hause betreut werden, weil eine Corona-Infektion für sie besonders gefährlich werden könnte.

Wie viele Schülerinnen und Schüler wiederum wirklich der Risikogruppe angehören, ist der Behörde nicht bekannt – Landeselternsprecher Norman Heise vermutet aber einen größeren Graubereich. „Wir wissen, dass viele Eltern ihre Kinder zur Schule schicken, auch wenn sie selbst oder jemand in der Familie zur Risikogruppe gehören“, sagte Heise der Berliner Zeitung am Donnerstag. „Weil sie wissen, dass das mit dem Unterricht sonst nicht funktionieren würde.“ Ein Sprecher von Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte der Berliner Zeitung, in der Behörde seien nur wenige Anfragen von Schulen zum Umgang mit diesen Schülern gekommen. Auch beim hauseigenen Beschwerdemanagement, an das sich auch Eltern wenden können, sei die Zahl der Anfragen „vergleichsweise gering“. Beim Landeselternausschuss, so Heise, sei allerdings schon die eine oder andere Klage über schlechte oder gar nicht stattfindende Betreuung für zu Hause gebliebene Kinder angekommen.

Es ist total entspannt. Ich kann mich besser konzentrieren, weil ich viel weniger abgelenkt werde.

Benjamin Beuger, Neuntklässler

Auch bei Benjamin Beuger, der vor Corona jeden Tag in die Spandauer Schule an der Haveldüne ging, begann es holprig: Am Anfang des Schuljahres sah es zunächst so aus, als bestünde sein „schulisch angeleitetes Lernen zu Hause“ nur darin, jeden Freitag aus der Schule Unterlagen zu bekommen, mit denen der Sekundarschüler den Stoff nacharbeiten sollte. Dann schlug es ins Gegenteil um: Benjamin bekam eine eigene Lehrerin zugewiesen, die jeden Tag sechs Stunden fast durchgehend mit ihm telefonieren wollte. Auch, während er seine Aufgaben machte. „Das war richtig anstrengend, viel zu viel“, sagt Beuger. Mit der neuen Lehrerin, die ebenfalls von zu Hause aus arbeitet, haben sie nun einen guten Rhythmus gefunden: Telefonate montags, mittwochs und freitags, E-Mail-Kontakt und einen festen Arbeitszeitraum von 9.10 Uhr bis 12 oder 13 Uhr und feste Pausenzeiten.

Die Gesamtzeit, die Benjamin im Unterricht zu Hause verbringt, ist damit sicher kürzer als im Unterricht in der Schule. Aber das Ergebnis könnte durchaus das gleiche sein: Benjamin hat sich so gut eingewöhnt, dass er die Klassenatmosphäre überhaupt nicht vermisst: „Es ist total entspannt. Ich kann mich besser konzentrieren, weil ich viel weniger abgelenkt werde.“ Die Lehrerin und er verstehen sich gut, und er fühlt sich von ihr in jedem Fach gut unterrichtet: „Sie bekommt die Arbeitsblätter von den anderen Lehrern per Mail und kann mitlesen. Eigentlich unterrichtet sie zum Beispiel kein Deutsch und Englisch, kann das aber trotzdem gut mit mir machen“, findet Beuger.

Momentan überlegen sie, wie sie seine Leistungen erheben können: Bald stehen die ersten Klassenarbeiten an, Englisch „und ich glaube, Deutsch war das“, sagt Benjamin. Der Plan bisher: Benjamin kriegt den Test und macht ihn, während sein Vater neben ihm sitzt und aufpasst. „Damit die Lehrerin weiß, dass ich nicht geschummelt habe.“ Für die Prüfungen zum berufsbildenden Abschluss, die ja in der neunten Klasse anstehen, würde er allerdings schon gerne in die Schule gehen, freiwillig, unter Einhaltung aller nur möglichen Sicherheitsmaßnahmen.

Standleitung zu Direktoren, Lehrern und Gesamtelternvertretern

Auch Vater Marcel Dern ist inzwischen rundum zufrieden mit dem, was die Schule an der Haveldüne seinem Sohn statt Präsenzunterricht anbietet. Bei ihm kommt aber auch an, wie ungewohnt die Situation auch für das Schulpersonal ist, und was im laufenden Prozess noch alles ausbaldowert werden muss. „Es gibt einige Lehrer, die manchmal versuchen, da ihr eigenes Ding zu machen“, so Derns Eindruck. Eine Lehrerin zum Beispiel wollte plötzlich eine Art Eigenständigkeitserklärung von Benjamin haben – wie sie normalerweise Studierende unterschreiben, um zu versichern, dass sie ihre Hausarbeit ohne fremde Hilfe verfasst haben.

Eins bleibt also auch im Heimunterricht gleich: Damit es mit der Schule klappt, braucht es engagierte Eltern. Dern hat eine Standleitung zu Schulleitung, Lehrkräften und Gesamtelternvertreter, um unnötige Forderungen abzuschmettern und offene Fragen zu klären. „Aber wir können uns wirklich nicht beklagen“, sagt der Vater, seit diesem Schuljahr auch stolzer Elternvertreter in der Grundschule seiner jüngeren Kinder. „Die Schulleitung an der Haveldüne kommuniziert super mit den Eltern und hat uns sogar in den Ferien Info-Briefe über die aktuelle Corona-Situation geschickt.“

Und dem Sohn droht auch keine Vereinsamung: Benjamin hat so viele Patchwork-Geschwister, dass sie ihm im Gespräch auf Anhieb gar nicht alle einfallen. Fünf davon wohnen im gleichen Gebäude wie er. Seine siebenjährige Schwester bastelt manchmal neben ihm am großen Schreibtisch – wenn sie aus der Schule zurück ist, denn Benjamin ist der einzige unter seinen Geschwistern, der zu Hause lernt. Auch das: überhaupt nicht schlimm für den unaufgeregten 15-Jährigen. So hat er vormittags seine Ruhe.

Benjamin hält seine Quarantäne streng ein, geht nur alleine an die frische Luft oder sonntags mit der Familie spazieren. Seine Freunde trifft er nicht, auch nicht im Freien: „Man weiß ja nicht, was die haben“, sagt er nüchtern. Aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen fühlt er sich trotzdem nicht: Im Whatsapp-Gruppenchat ist er weiterhin, und wenn was Wichtiges aus der Kategorie „Abseits des Unterrichts“ passiert, ruft ihn schon jemand an und weiht ihn ein. Zeit mit den anderen verbringen kann er online: Benjamin und seine Freunde verabreden sich zur Zeit oft zu einem Videospiel, das Ähnlichkeiten mit „Werwolf“ hat. Es heißt „Among us“. Unter uns.