Digitalisierung der Schulen.
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Stellen Sie sich vor, wir hätten vor Corona vorgeschlagen, Homeschooling einzuführen, als Versuch, als Experiment, und das über mehrere Wochen oder gar Monate. Nichts wäre radikaler gewesen, nichts hätte uns mehr beschäftigt als der geplante Start eines flächendeckenden Homeschooling-Programms.

Es hätte Debatten und Diskussionen gegeben, wie das gehen soll, was Schüler*innen können müssen, wie Eltern das leisten sollen, wie Lehrer*innen sich darauf vorbereiten können, wer das organisiert, wie das technisch machbar ist? Vermutlich hätten wir es uns nicht zugetraut. Weder Lehrer*innen, noch Eltern, noch Schüler*innen, noch Bildungspolitiker*innen. Kaum einer hätte den Mut aufgebracht. Und selbst wenn wir uns dafür entschieden hätten, dieses Experiment für ein paar Wochen zu testen – wir hätten Monate, vermutlich Jahre gebraucht, um es vorzubereiten. Viele Bedenken, viele Einwände hätten berücksichtigt werden müssen, Einwände wie dass die Schüler*innen zuhause doch nur Fortnite zocken würden, statt Latein zu lernen. In den sozialen Netzwerken wären die Meinungen hochgekocht. Am Ende hätten wir uns doch nicht getraut zu springen.

Und dann sind wir gesprungen. Im Corona-Lockdown hatten wir weniger als eine Woche Vorbereitungszeit. Dann waren alle Schülerinnen und Schüler im Homeschooling. Das Virus erwies sich als sehr wirkungsvoller Nachhilfelehrer an unseren Schulen. Ja, man kann sogar sagen: Corona war die effektivste, flächendeckendste Fortbildungsmaßnahme, die unser Schulsystem je erlebt hat – vor allem beim Thema Digitalisierung.

Über Nacht waren Eltern, Lehrer*innen und Schüler*innen gezwungen, sich mit digitaler Schule zu beschäftigen. Etwas, über das wir vorher jahrelang nur gesprochen hatten. Etwas, das wie eine ferne Vision erschien. Jetzt haben wir sehr konkrete Bilder im Kopf, wie die Digitalisierung der Schulen aussehen kann. Und diese neue gedankliche Freiheit werden wir im Neuen Land nutzen.

Fangen wir an – auch im Sinne unserer Kinder –,  die Schule von morgen zu denken, den Unterricht neu zu denken, die Bildung des Neuen Landes neu zu denken. Im Hinblick auf den Schulunterricht brauchen wir tatsächlich viel weniger, als wir glauben. Wir werden nicht immer mehr Lernstoff unterbringen können. Das Curriculum muss entschlackt werden. Wer werden uns klar vom Lernprinzip entfernen: Buch für Buch, Seite für Seite. Vielmehr wird es ein Unterricht sein, der stärker das Ziel als den Weg vorgibt.

Ein Unterricht, in dem die Lehrkraft zum Lernbegleiter wird– und zwischen analogem und digitalem Unterricht wechseln kann. Nutzen wir dazu die Technologie, die für uns alle längst Alltag ist. Was spricht dagegen, für das Fach Geschichte einen Podcast aufzunehmen. Die Weimarer Republik auf die Ohren? Warum nicht? Jugendliche sind Dauer-Podcasthörer, und es wäre nur konsequent, das Medium auch mit ihren eigenen Gedanken und Inhalten zu füllen. Ermutigen wir unsere Kinder, eigenen Content zu erstellen, statt reine Konsumenten zu sein. Erstellen wir ein eBook im Sachkundeunterricht über Ozeane. Das ist alles machbar, und sicher nicht nur eine nette „Ergänzung“ zum „eigentlichen“ Unterricht.

In neue Formate sollen einerseits klassische Lerninhalte einfließen, andererseits sollen Schüler*innen ganz selbstverständlich mit Zukunftskompetenzen vertraut gemacht werden. Kompetenzen, die wir im Neuen Land benötigen. Wann, wenn nicht jetzt wollen wir sie unseren Kindern beibringen? Wir sind ein großes Land – die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt –, und das muss auch absolut unser Selbstverständnis sein. Auf dem Rohstoff Bildung muss im rohstoffarmen Deutschland das Hauptaugenmerk liegen – aber eben auch auf der Tatsache, dass Bildung zwingend mit dem verknüpft sein sollte, was einer gegenwärtigen und künftigen Lebens- und Arbeitsrealität entspricht.

Es gibt beispielsweise sehr gute Gründe, Latein zu unterrichten. Gründe, die nicht unmittelbar erkennbar sind, die aber die Art und Weise des Lernens positiv beeinflussen, die ein Fundament für das Verständnis von Wissen schaffen und logisches Denken schulen können. Aber genau das kann das Programmieren oder Coding auch. Warum sehen wir Coding nicht als das Latein der Zukunft? Warum verankern wir das Programmieren nicht viel tiefer in den Schulalltag? Nicht, weil jeder Programmierer*in werden muss. Sondern weil uns Coding Zukunftskompetenzen beibringt: Problemlösekompetenz, Fehlerkultur, Teamfähigkeit und Entscheidungsfreudigkeit.

Im Neuen Land werden digitale Geräte in den Unterricht eingebunden. Und zwar nicht als Spielerei oder weil Digitalisierung gerade in aller Munde ist, sondern weil es unser Anspruch an das Bildungssystem sein muss, Kinder zu mündigen Bürgern der Zukunft auszubilden. Und dazu gehört fast schon zwingend der Umgang mit digitalen Geräten, Inhalten, Tools und Kompetenzen. Das ist das Handwerkszeug der Zukunft. Das ist die Lebens- und Arbeitsrealität von morgen.

Darin sehe ich auch den Kern des Neuen Landes: Man wagt etwas, bevor man urteilt. Man probiert etwas aus, bevor man es schlechtredet. Es empfiehlt sich generell, einen anderen Blick auf die Dinge zu werfen, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen. Übrigens auch, wenn es um Haltung und Wahrheit geht. Schule heißt ja auch, das kritische Denken zu schulen, Dinge beurteilen, sich nichts vormachen lassen. Dabei geht es um die Frage: Wo liegt die Wahrheit? Wie findet man sie heraus?

Bringen wir unseren Kindern in der Schule von morgen bei, Haltung zu zeigen, eine Meinung zu vertreten. Debattierclubs werden Teil des Unterrichts sein. Wie auch die Fähigkeit, Petitionen zu starten, online wie offline, oder Argumente vorzutragen und sie zu verteidigen. Lernen wir voneinander – lassen wir Schüler*innen von anderen Schüler*innen lernen, gehen wir an Projekttagen nicht nur ins Museum, sondern besuchen wir andere Schulen, schauen uns dort etwas ab. Arbeiten wir miteinander an neuen kreativen Lösungen, bilden wir schulübergreifende Projektgruppen, trauen wir uns mehr Praxis, mehr Realität zu.

Und wenn wir schon dabei sind, Unterrichtsinhalte neu zu denken, denken wir doch gleich den Lernort Schule neu. Denken wir in Kleingruppen, denken wir an mehr Videokonferenzen auch für Schüler*innen. Die Digitalisierung ermöglicht schon längst mobiles, zeit- und ortsunabhängiges Lernen. Und Kinder und Jugendliche können sich besser selbst organisieren, als wir denken, trauen wir ihnen das einfach auch in Zukunft zu – und vermitteln wir ihnen, dass sie es schaffen können.

Denn, was wir in den vergangenen Monaten auch festgestellt haben: Kein Roboter der Welt wird jemals Lehrer*innen ersetzen können. Es war das soziale Miteinander, das in den Krisenmonaten gefehlt hat, die Interaktion. Nicht die Fülle an Aufgaben, Wissensvermittlung und Lernprogrammen. Gefehlt hat vor allem die Nähe zu den Lehrer*innen. Der Austausch. Natürlich haben Schüler*innen ihre Mitschüler*innen vermisst, aber auch den Menschen, der sie beim Lernen begleitet, im Idealfall motiviert und inspiriert. 

Wenn Lehrer*innen die Fixsterne unseres Schulsystems sind, die Menschen, um die unsere Kinder in der Schule kreisen, die mithelfen, Talente in unseren Kindern zu entdecken und zu fördern, die maßgeblich dazu beitragen, ob unsere Kinder Spaß am Lernen und damit am Leben haben – warum haben sie dann nicht einen viel größeren Stellenwert in unserer Gesellschaft? Lehrer*innen veredeln den einzigen Rohstoff, den wir in diesem Land haben und nicht importieren müssen. Schenken wir ihnen deshalb mehr Anerkennung und Respekt. Und mäßigen wir unsere Leidenschaft, ständig Defizite bei „den“ Lehrer*innen aufzudecken. Das hätte einen enormen Effekt auf nachfolgende Generationen, die sich entscheiden, Lehramt zu studieren.

Und weil Bildung unser wichtigster Rohstoff ist, sollten wir dafür sorgen, dass keiner mehr durchs Raster fällt, dass alle eine Chance bekommen. Dass wir nicht diejenigen vergessen, die nicht die lauteste Stimme haben. Dass alle Schüler*innen einen Computer zu Hause haben – und dass ein Internetzugang eine Selbstverständlichkeit ist. Eine Selbstverständlichkeit wie Strom, wie Wasser, wie Wärme. Eine Selbstverständlichkeit, die wir allen ermöglichen. Und nehmen wir bei digitaler Bildung besonders die Mädchen mit. Sie sollen in Zukunft mit der gleichen Selbstverständlichkeit Programmiererinnen, Ingenieurinnen, User-Interface-Designerinnen und Astronautinnen werden.

Wenn ich Mädchen mit sechs Jahren in unseren Digitalwerkstätten beobachtet habe, wie sie mit Neugier und Begeisterung, sehr selbstbewusst und selbstverständlich an digitale Bildung herangegangen sind, dann war das ein anderes Bild, als wenn sie mit 13 oder 14 Jahren zum Girls Day kamen. Mit 13 war das Feuer oft schon erloschen. Es fehlten andere Mädchen, die die Begeisterung teilten. Es fehlte ein Zugang zu technischen Themen, und vor allem fehlte das Selbstbewusstsein, ein weiblicher Nerd sein zu dürfen.

Kurz und gut: Wir haben nach der Pandemie eine einmalige, fast schon historische Chance, Bildung völlig neu zu denken. Und aus Bewährtem und Neuem etwas Zukunftsfähiges zu schaffen. Von dem wir alle profitieren. Und mit alle meine ich alle. Also auch uns.

Viele von uns können keinen Wordpress-Blog selber aufsetzen, können kein Photoshop bedienen, können kein mit dem Smartphone aufgenommenes Video schneiden, keinen Podcast im Netz hochladen. Auch wir haben – wie die Lehrkräfte – Nachholbedarf bei Digitalkompetenzen. Dann lassen wir uns doch, gemeinsam mit oder von unseren Kindern fortbilden. Wir können gemeinsam mit ihnen digitale Anwendungen ausprobieren, Spiele programmieren oder Filme drehen. Entfachen wir diese kindliche Neugier ins uns wieder, lassen uns von unseren Kindern mitreißen.

Wachsen wir gemeinsam mit unseren Kindern, entwickeln wir den Anspruch, nicht nur Konsument*innen, sondern Gestalter*innen der Welt von morgen zu sein. Gestalten wir dazu die Schule neu, und schaffen wir ein neues Fundament für Bildung. Denn Bildung ist das Fundament des Neuen Landes.

Cover des Buchs, das Kapitel über die Bildung steht ganz am Anfang. 
Foto: Murmann Verlag