Wenn die Kinder älter werden, ist es wichtig, regelmäßig mit ihnen über die Aufgabenverteilung in der Familie zu sprechen. 
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BerlinEs fühlt sich an, als hätten sie vor kurzem noch buddelnd im Sandkasten gesessen. Nun kleben die Kinder vor dem Computer fest. Wenn überhaupt etwas aus ihnen herauskommt, sind es Beleidigungen. Und die Mitarbeit im Haushalt tendiert gegen null. Wenn ihre Kinder in die Pubertät kommen, fragen sich Eltern oft, was sie falsch gemacht haben – und ob sie Versäumnisse in der Erziehung ausgleichen können.

„Wir haben ja alle keine Ausbildung als Eltern und sind auch keine Roboter, die alles richtig machen – zum Glück“, sagt die Kölner Diplom-Psychologin und Autorin Elisabeth Raffauf. Sie leitet Gruppen für Eltern pubertierender Jugendlicher. Sie betont, dass alle Mütter und Väter Fehler machen.

Eltern sollten nicht auf eigenen Fehlern herumreiten

Der Erziehungsberater und Autor Jan-Uwe Rogge rät, sich auf das zu besinnen, was man richtig gemacht hat. Für Jugendliche sei es weder gut, wenn Eltern auf den eigenen Versäumnissen herumreiten – noch, wenn sie sich zu selbstgefällig geben.

Die Pubertät sei eine Zwischenzeit, in der sich junge Menschen neu orientieren. Da sei es hilfreich, wenn auch Eltern diesen Weg mitgingen und sich selbst hinterfragten. „Heranwachsende wollen niemanden, der alles zu hundert Prozent richtig macht“, sagt Rogge.

Wenn sich das eigene Kind in sich zurückzieht, beleidigend wird, klaut oder Drogen nimmt, kann das Selbstzweifel nähren. Mangelnde oder übertriebene Hygiene, Aufmüpfigkeit, Unpünktlichkeit, Alkoholkonsum, schlechte Schulnoten – dies alles seien Begleiter der Pubertät. „Ihre Kraft verwenden sie nicht auf Noten, sondern auf die Umwandlung ihres Kinderkörpers in einen Erwachsenenkörper“, sagt Rogge.

Grenzüberschreitungen gehören in dieser Phase dazu, sagt die Hamburger Pädagogin, Autorin und Erziehungsberaterin Angela Kling. „Es hat mit hirnphysiologischen Entwicklungen zu tun, dass Jugendliche nach Kicks suchen.“

Sich an eigene Teenager-Zeit erinnern

In Workshops ermutigt sie Eltern, sich an die eigene Teenager-Zeit zu erinnern. „Dann merken sie, dass sie genau das Gleiche erlebt haben.“

Elisabeth Raffauf empfiehlt Eltern grundsätzlich, nicht persönlich gekränkt zu sein: „Das ist das Wichtigste und zugleich das Schwierigste überhaupt.“ Gleichzeitig dürfe man nicht einfach alles schlucken. „Bei Beleidigungen ist es erst einmal wichtig zu sagen: So reden wir nicht miteinander.“

Die Psychologin rät, schwierige Situation nicht sofort, sondern in Ruhe zu klären – beispielsweise bei einem Spaziergang. Es sei wichtig, sich nicht in Kämpfe verwickeln zu lassen. „Feindseligkeit erzeugt Feindseligkeit“, sagt Raffauf.

Für Erziehung ist es nie zu spät

Vermeiden sollten Eltern Vorwürfe, Verhöre und Vorträge. Wichtig hingegen seien drei andere Begriffe mit „V“: Vertrauen, Vorbildfunktion und Verstehen. Eltern, die glauben, für Erziehung sei es in der Pubertät zu spät, macht sie Mut. „Ich bin da optimistisch.“

Es sei durchaus möglich, mit dem Kind offen über Versäumnisse zu sprechen – ohne die Probleme als Vorwurf zu präsentieren. Eltern könnten beispielsweise sagen: „Ich habe dich früher zu wenig in den Haushalt einbezogen, aber es ist viel zu tun. Was könntest du übernehmen?“

Dadurch signalisiere man Kindern, dass sie einen wichtigen Platz im Familiengefüge einnehmen. Solche Gespräche stießen bei den Jugendlichen nicht unbedingt auf pure Freude, räumt Elisabeth Raffauf ein. „Aber es ist wichtig, sich klarzumachen, dass das richtig ist – und dabei zu bleiben.“

Verhandeln statt anordnen

Wenn Kinder älter werden, müssen Eltern in Verhandlung treten, statt einfach Dinge anzuordnen, sagt Angela Kling. Sie empfiehlt, sich einmal pro Woche mit allen Familienmitgliedern zusammenzusetzen und Aufgaben zu besprechen. Dabei sei es wichtig, dass Eltern sich nicht mit vagen Zugeständnissen abspeisen lassen. „Sie müssen dem Kind ganz klar sagen: Wir haben eine Gemeinschaft und da musst du dich einbringen.“

In solchen Familienkonferenzen lernen die Jugendlichen zu argumentieren, statt bloß das Gesicht zu verziehen und abzuhauen, sagt Kling. Die Pädagogin ermuntert Eltern, auch die positiven Seiten der Pubertät zu sehen – denn viel zu oft werde diese Phase nur in negativem Licht dargestellt. „Dabei ist das eine ganz witzige, kreative und notwendige Zeit, in der sich Talente entwickeln.“

Diese Talente seien wichtig für die Gesellschaft, sagt Kling und nennt als Beispiel junge Hacker, die auf Sicherheitslücken in der IT aufmerksam machen. „Wenn Jugendliche nur das tun, was sie sollen, sind wir dem Untergang geweiht.“

Die Pubertät sei nicht nur für Kinder, sondern auch für Eltern ein herausfordernder Prozess. Schließlich müssen sie lernen, dass sie die Kinder nicht mehr vor allem schützen können. „Eltern können nicht mehr über das Leben der Kinder bestimmen, sie können nur noch Begleiter sein. Das ist mit Trauer, Schmerz und großer Unsicherheit verbunden“, betont Kling.

Pubertät heißt Abschied nehmen

Die Trauer zuzulassen, dass es mit der Kindheit vorbei ist, sei ein erster Schritt. Jan-Uwe Rogge rät, sich auf die Zeit der Pubertät einzulassen, statt sich dagegen zu sträuben. Nicht erzieherische Techniken seien entscheidend, sondern die Grundeinstellung.

„Die Haltung heißt: Es kann auch etwas passieren, dass ich nicht möchte – und das ist okay.“ Auch, wenn das Kind alkoholkrank wird oder Drogen nimmt: Es bleibe das eigene Kind. Die Aufgabe der Eltern ist, ihm einen Rahmen zu geben, in dem es sich sicher und angenommen fühlt.