Januar

Wir feiern Silvester mit Freunden in Friedrichshafen. Das große Feuerwerk auf dem Bodensee fällt leider aus. Egal, denke ich, wird schon kein böses Omen für 2020 sein.

Februar

Die Medien berichten von einem hochansteckenden Virus aus China. Was soll’s, denke ich, China ist weit weg.

März

China und das Virus sind doch nicht so weit weg. Zur Eindämmung des Coronavirus wird das öffentliche Leben runtergefahren, die Schulen schließen. Die Tochter (17) und der Sohn (14) sind begeistert. Sie verwechseln anscheinend Home-Schooling mit schulfrei. Nun gut, denke ich, ist ja ihre erste Pandemie.

Wir richten uns häuslich im Home-Office und -Schooling ein. Wenn die Wohnung groß genug, der Kühlschrank gefüllt und das Wlan stabil ist, geht es eigentlich mit dem Lockdown. Wir freuen uns über die gemeinsame Zeit und sind guten Mutes.

Zwei Tage später fällt das Wlan übers Wochenende aus. Wir sind semi-guten Mutes.

April

Die Kinder finden Gefallen am Home-Schooling. Ausschlafen, mit Freunden chatten oder zocken, zwischendurch chillen und abends spät ins Bett, ist ganz nach ihrem Geschmack. Nur die Schulaufgaben nerven sie. Und mich auch. Jeden Morgen drucke ich Arbeitsblätter im Umfang der Encyclopedia Britannica aus. Naja, denke ich, wenigstens werde ich nicht nach Integralfunktionen und unregelmäßigen Verben gefragt.

Mai

Die Lehrer nutzen zunehmend die pädagogischen Möglichkeiten der Digitalisierung. Die Kinder müssen jede Woche mehrere Videos, Podcasts und Präsentationen erstellen, meiner Frau und mir werden die Rollen der Kamera- und Ton-Leute, Co-Regisseure und Grafik-Designer zugewiesen. Das, denke ich, ist wohl dieses lebenslange Lernen.

Nach fast zwei Monaten Lockdown verliert das gemeinsame Home-Office und -Schooling allmählich seinen Charme. Meine Frau räuspert sich im Nachbarzimmer unnormal häufig und außerdem telefoniert sie unnatürlich laut. Sie wiederum findet, ich würde unnormal laut tippen. Vielleicht sind unsere Wände aber auch einfach zu dünn.

Juni

Wir haben unseren ersten Zoom-Elternabend. Und hoffentlich auch letzten. Nervige Fragen von Eltern werden nicht weniger nervig, denke ich, wenn du dabei ihre hässliche Wohnungseinrichtung siehst.

Juli

Wir erholen uns im Föhr-Urlaub vom Corona-Stress. Die Strände sind groß genug, um ausreichend Abstand zu anderen Urlaubenden zu halten. Ein wichtiges Qualitätskriterium für Urlaubsorte, denke ich, nicht nur in Pandemie-Zeiten.

August

Die Schule geht wieder los. Zum Leidwesen des Sohns ist die Nordsee kein Corona-Hoch-Risikogebiet und er kann sich nicht in eine sechsmonatige Quarantäne begeben.

September

Die Kursfahrt der Tochter nach Edinburgh wird abgesagt. Fies, denke ich, so raubt Corona den Kindern ihre Jugenderinnerungen. Und die Erfahrung, verkatert und mit Restalkohol vom Klassenlehrer durch Museen gescheucht zu werden.

Oktober

Das Hygienekonzept der Berliner Schulverwaltung besteht in erster Linie aus regelmäßigem Stoßlüften. Die Kinder müssen sich durch den Unterricht frieren. Möglicherweise, denke ich, ist Präsenz-Unterricht überbewertet.

November

Die Corona-Zahlen steigen immer weiter, und der Lockdown light beginnt. Der Sohn findet, es ist kein Lockdown, wenn er in die Schule muss. Wenigstens einer, denke ich, der selbstlos gegen Corona kämpft und dafür sogar bereit ist, seine schulische Bildung zu opfern.

Dezember

Die Corona-Zahlen steigen immer noch, der harte Lockdown wird verkündet, die Schulen schließen wieder. Der Sohn ist zufrieden. Vor allem, weil deswegen zwei Klassenarbeiten ausfallen.

Wegen der Lockdown-Maßnahmen ist das große Feuerwerk am Brandenburger Tor abgesagt. Egal, denke ich, wird schon kein schlechtes Omen sein. 


Zur Person: 

Christian Hanne wurde durch seinen Blog Familienbetrieb.de bekannt. Jeden Freitag kuratiert er den witzigsten Familientweet der Woche. Er ist Autor von vier Büchern, Ratgebern und Humoresken, die von den Fallstricken der modernen Vaterschaft handeln und von den anstrengenden, aber auch heldenhaften Zeiten der Familiengründung. Im Herbst ist sein Buch „Papa braucht ein Fläschchen: Überlebenstipps für das erste Jahr als Vater“ erschienen. Hanne ist Kommunikationsberater, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in Berlin.

Christian Hanne ist unser Blogger des Monats: Die Berliner Zeitung lädt kreative Netz-Persönlichkeiten ein, ihre Arbeit in Interviews und ausgewählten Texten vorzustellen.