Berlin - Angesichts der steigenden Inzidenzwerte, der drohenden dritten Welle stellt sich erneut die Frage, ob es sinnvoll ist, am Öffnungskurs der Schulen festzuhalten? Das, was die Bildungspolitiker im vergangenen Herbst wie eine Beschwörungsformel vor sich hin murmelten: Schulen und Schüler seien keine Treiber der Infektion, ist nicht wirklich richtig. Jedenfalls gibt es durchaus Indizien dafür, dass die Öffnung der Schulen zum Infektionsgeschehen beiträgt. Die Berliner Zahlen zeigen, dass es seit der Grundschulöffnung am 22. Februar in der Altersgruppe fünf bis neun Jahre einen Anstieg der Inzidenz von 40,8 auf 77,5 gegeben hat, wenn man die Meldewochen sieben und neun vergleicht.

Und obwohl man das zur Kenntnis nehmen muss, plädiere ich dafür, am Öffnungskurs festzuhalten. Denn viele Kinder, die jetzt noch nicht wieder in die Schule gehen dürfen, schauen mit einer unbändigen Vorfreude auf den Tag X. Und wir können ihnen seelisch nicht mehr zumuten, dass diese Vorfreude erneut ins Leere läuft.

In den vergangenen Wochen war oft davon die Rede, dass man das Recht auf Gesundheit gegen das Recht auf Bildung abwägen müsse. Aber inzwischen ist die Situation noch viel dramatischer: Man muss sozusagen das Recht auf körperliche Gesundheit gegen das Recht auf seelische Gesundheit abwägen. So viele Studien haben gezeigt, dass die Zahl der Depressionen bei Kindern und Jugendlichen deutlich zugenommen hat. Der Verlust an Außenwelt, an Kontakten führt bei ihnen zu einem extremen Mangel an Lebensfreude, den wir sehr sehr ernst nehmen müssen.

In dem Schüler-Padlet einer Berliner Oberschule, wo Schüler über ihre  Gefühle schreiben konnten, hieß es: „SO VIELE GLÜCKLICHE SCHÜLER VERWANDELN SICH ZU DEPRESSIVEN KAPUTTEN GESTALTEN. DAS MUSS AUFHÖREN. BITTE.“ Jugendliche, die vor dem Ausbruch keinen Hang zur Traurigkeit hatten, sehen heute keinen Grund mehr, morgens aufzustehen und sich vor ihren Computer zu hocken. Der schwarze Bildschirm scheint ihre ganze Lebensenergie in sich aufzusaugen. Das ist definitiv nicht die Form von Digitalisierung, die wir feiern sollten.

Auch in der Pandemie gibt es immer ein bestimmtes Budget für Kontakte – und wir als Gesellschaft sollten uns darauf verständigen, dass viel von diesem Budget den Kindern und Jugendlichen zusteht, weil bei ihnen die Folgen eines langen Lockdown besonders gravierend sind. Besser wäre es, die Friseure, Baumärkte und Kleidergeschäfte noch länger geschlossen zu halten.

Jetzt vergehen noch zwei Wochen bis zu den Osterferien. Und nach den Ferien beginnen schon die Abiturprüfungen. Wir müssen dem kompletten Abiturjahrgang unbedingt die Chance geben, sich ein paar Tage in Präsenz intensiv auf die Prüfungen vorzubereiten. 

Bis Dienstag sollen große Mengen an Selbsttests an die Schulen ausgeliefert werden. Die Oberschüler beginnen mit Präsenzunterricht, nächste Woche sollen die restlichen Schüler nachziehen. Helfen wir, dass diese neue Routine – jeder Schüler testet sich zweimal pro Woche - sich etabliert. Und hoffen wir, dass diese groß angelegte Teststrategie dazu beiträgt, die infizierten Personen an den Schulen schneller zu entdecken und zu isolieren.