Abschiedskuss via Skype? 
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OtavaloEines Tages war es soweit. Unsere ältere Tochter ging nach dem Abi fort, um als Freiwillige in Ecuador zu arbeiten. Sie stand mit ihrem großen Rucksack auf dem Flughafen in Tegel. Abschiedstränen flossen. Wir wussten: Nun ist das Kind, das so lange täglich bei uns lebte, für ein ganzes Jahr weg. Ich erinnerte mich,was jemand über sein Austauschjahr in den USA vor 30 Jahren erzählt hatte: Es gab nur zwei Telefongespräche, zu Weihnachten und zum Geburtstag. Briefe waren ewig unterwegs.

Doch unsere Tochter meldete sich schon einige Abende später, und zwar per Skype. Plötzlich saß sie auf dem Bildschirm vor uns. Sie drehte sich mit ihrem Laptop, zeigte ihre Unterkunft, den Flur, das Bad, den Blick aus ihrem Fenster. Dort lag eine Straße mit niedrigen Häusern, im Hintergrund herrliche Berge. Dort hinauf fuhr unsere Tochter jeden Tag, um in einer Bergschule Indio-Kinder zu betreuen.

Die Möglichkeit, sich jederzeit zu sehen? 

Die kleine Stadt Otavalo liegt in 2500 Metern Höhe. Kaum zu fassen, dass es sogar in diesem Nest WLAN gab. Für Eltern mit Kindern in der Ferne ist die moderne Kommunikationstechnik ein Segen. Doch nach einigen Wochen merkten wir: Die Möglichkeit, sich jederzeit austauschen zu können, ja sogar zu sehen, hat auch Tücken. Denn die Kinder wollen ja eigentlich „weit weg“, eigene Erfahrungen machen. Und als Eltern gönnt man sie ihnen ja auch.

Wir mussten also die Balance finden zwischen dem Wunsch nach Kontakt und dem notwendigen Loslassen. Wir suchten feste Zeiten, meist abends, wenn die Tochter gerade von ihrer Arbeit zurückgekehrt war und bei uns schon Mitternacht herrschte. Sechs Stunden betrug der Zeitunterschied zwischen Berlin und Ecuador. Bei unserer jüngeren Tochter, die später für ein Jahr nach Santiago de Chile ging, waren es „nur“ vier Stunden.

Zwei Charaktere, zwei Weisen zu skypen

Aber nicht nur die Zeiten waren unterschiedlich, sondern auch die  Art und Weise, in der die Töchter mit uns skypten. Die Jüngere war eher der effiziente Typ: Sie erzählte viel und schnell, zeigte, dass unser Päckchen gut angekommen war, fragte nach Vorgängen zu Hause. Irgendwann musste sie zu einer Party, und war weg.

Die Größere war eher der Gastgeber-Typ. Sie hatte uns gerne einfach so bei sich. Wir saßen um zwei Uhr morgens am Bildschirm und gähnten, während sie für ihre Schule ein Plakat über das richtige Zähneputzen bastelte, Mate-Tee trank und gelegentlich fragte, was sie noch besser machen könnte. Wenn wir vor Müdigkeit fast vom Stuhl rutschten, fragten wir: „Ist noch was? Willst du noch was erzählen?“ Und wenn nicht, baten wir, sie uns gnädig zu entlassen.

Keine GPS-Eltern

Dass sie uns gerne bei sich hatte, lag wohl daran, dass wir eben keine sogenannten GPS-Eltern waren, die ständig den Aufenthaltsort des Kindes checken und überhaupt alles kontrollieren müssen. Aber ein Vorteil bei Skype ist: Man sieht manchmal auch Lebensumstände, die das Kind lieber verschweigt, und die man am Telefon vielleicht nicht mitbekommen hätte: Zum Beispiel, wenn es sehr blass und übernächtigt wirkt.

Eine Bekannte erzählte, dass sich ihr Sohn wochenlang die Fingernägel nicht geschnitten habe. Sie starrte beim Skypen auf seine vampirhaften Nägel, traute sich aber dann doch nicht, die Sache anzusprechen, weil ihr Sohn sie gerade in ein Krisengespräch verwickelt hatte.

Apropos Krisen, davon erfährt man meistens erst hinterher: Dass das Kind bei einer Busfahrt beinahe die Tasche mit allen Papieren verloren hatte, dass es den 6268 Meter hohen Vulkan Chimborazo besteigen wollte und mittendrin umkehren musste wegen einer drohenden Höhenkrankheit… In solchen Momenten verwünscht man dieses ewige Geplauder auf Skype und denkt, es wäre besser, das Kind wäre ganz auf sich allein gestellt, ohne jede Chance, die Eltern zu kontaktieren.

Doch dann kommt Weihnachten, die Zeit des größten Heimwehs. Man sitzt vor dem geschmückten Baum und hat die ferne Tochter ganz nah bei sich – per Skype. Sie packt ihr Päckchen aus, das zum Glück pünktlich angekommen ist. Man singt gemeinsam „Oh, Tannenbaum“. Irgendwann verlöschen die Kerzen, man sagt „Gute Nacht und träum schön!“. Und dann ist es so, als habe es die 10.100 Kilometer Entfernung zwischen Köpenick und Otavalo nie gegeben.