Schüler mit Tablets.
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Wie sieht die traurige Realität an vielen Berliner Schulen aus? Also in puncto Digitalisierung? Ein kleines Computerkabinett mit hoffnungslos veralteten Geräten, die der Physiklehrer in seiner Freizeit vergeblich zu warten versucht. Im Wahlfach Informatik lernen die Kinder Programmiersprachen aus den 80er-Jahren und Dinge, die sie längst wissen. Keiner der Lehrer hat einen digitalen Arbeitsplatz oder so etwas Nützliches wie eine schuleigene E-Mail-Adresse. Wie anders kann das aussehen.

Neulich sprach ich mit einem Siebzehnjährigen, der auf eine angesehene internationale Schule in England gegangen war. Das Gespräch gab mir eine Ahnung davon, wie die digitale Zukunft an deutschen Schulen aussehen könnte – vorausgesetzt, wir hätten genug Fantasie und Tatkraft, um das zur Verfügung stehende Geld in eine neue Wirklichkeit zu verwandeln.

Die besagte Schule hatte Wlan in sämtlichen Räumen. In jedem Klassenzimmer gab es eine elektronische Tafel und einen Desktop. Auf diese Weise waren die Lehrer nicht ständig damit beschäftigt, Tafelbilder zu erstellen, sondern konnten ihre zu Hause vorbereiteten Folien einfach projizieren und sich auf das Wesentliche konzentrieren: nämlich das lebendige Gespräch mit ihren Schülern! Alle Lehrer und Schüler (ab Klasse 10) waren im Besitz eines eigenen Laptops. Alle Schüler, die sich kein eigenes Gerät leisten konnten, bekamen ein Leihgerät der Schule.

Durch ein einfaches Login hatten Lehrer und Schüler Zugang zu derselben gut funktionierenden Schul-Cloud. Dort gab es für jeden Kurs einen digitalen Klassenraum, in dem die Lehrer ihre Unterrichtsmaterialien hinterlegen konnten. Also die körperlose Version der verwendeten Fachbücher, die Folien der Lehrer, Sammlungen von Übungsaufgaben und Klausuren. Die Schüler konnten ihre Hausaufgaben und Referate hochladen – die Lehrer konnten sie direkt kommentieren, die Schüler die Kommentare aufnehmen. Auch die Gruppenarbeit der Schüler wurde auf diese Weise viel einfacher.

Klar war, dass den Mitgliedern der Schule ein IT-Team zur Seite stand, das dafür sorgte, dass die technische Ausstattung instand gehalten und beständig modernisiert wurde. Lehrer und Schüler wurden mit deren Nutzung vertraut gemacht. Ein Informatiker führte sie in die Kunst des Programmierens ein. Das Erlernen einer zeitgemäßen Programmiersprache begriff man an dieser Schule wie eine zweite und unverzichtbare Alphabetisierung der Schüler.

Klingt das technikhörig? Das soll es nicht. Zwar brauchen wir eine hochwertige technische Ausstattung an unseren Schulen, um das Wissensmanagement auf ein neues Niveau zu heben – doch zugleich ein waches Bewusstsein dafür, wie wichtig die menschliche Begegnung für das Lernen ist, die Beziehung zum Lehrer und der Austausch mit den Klassenkameraden. Die Schulen müssen auch dafür sorgen, dass die Jugendlichen im Unterricht nicht ständig ihre Köpfe hinter Bildschirmen verstecken, sondern genug Zeit haben, um bildschirmfrei miteinander zu lernen und zu leben.

Viele haben in der Corona-Zeit ja diese doppelte Erfahrung gemacht: Zum einen das Staunen über die digitalen Möglichkeiten. Darüber, wie man trotz Lockdown mit der Welt verbunden sein konnte. Und zum anderen das große Ungenügen an einem Zustand, wo man nicht Aug’ in Auge mit den anderen Menschen sprechen kann – und deutlich spürt, wie sehr die Kommunikation an Wärme, Witz und Überraschung verliert. Man denke nur an das neue Phänomen der Zoom-Kopfschmerzen und die große Erleichterung der Schüler, nach Monaten endlich wieder ein paar echte Lehrer zu Gesicht zu bekommen. Und den Lehrern ging und geht es ähnlich. Auch diejenigen, die souverän auf die Herausforderungen des Homeschoolings reagiert haben, sind jetzt voller Vorfreude auf die Zeit nach den Sommerferien, wo Schule wieder ein soziales und spontanes Geschehen werden kann.

Durch Corona haben wir den Wert der menschlichen Präsenz wieder anders zu schätzen gelernt. Und ja, in einer zunehmend digitalen Welt brauchen wir sie noch immer: Die Geistesgegenwart der Lehrer, ihre Aura und ihre Fähigkeit, in den Gesichtern der Schüler zu lesen.