Berlin„Die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck müsste mal aus dem Keller geholt werden.“ Diesen Satz sprach die Freundin heute Morgen beim Frühstück beiläufig aus. Menschen, die in langjährigen Beziehungen leben, kennen diese Art des Formulierens. Es ist der Delegativ. Der kommt zum Einsatz, wenn du willst, dass dein Partner oder deine Partnerin Aufgaben erledigt, die du – aus welchen Gründen auch immer – nicht selbst übernehmen möchtest. Die Aufforderung, den Müll herauszutragen, wird beispielsweise häufig durch den Delegativ kommuniziert: „Der Müll müsste mal runtergebracht werden.“ Blumengießen, Fensterputzen und Altglasentsorgung sind ebenfalls beliebte Delegativ-Themen.

Zur Wahrung des partnerschaftlichen Friedens darf der Delegativ auf keinen Fall aktivisch formuliert werden. Sonst könnte es Widerspruch, dann Streit und schließlich Tränen geben. Durch die Verwendung des Delegativs gibst du deiner Partnerin oder deinem Partner stattdessen die Möglichkeit, die Aufgabe quasi aus freien Stücken zu erledigen, was die Beziehung mit Harmonie und Frieden erfüllt.

Die Freundin verwendet den Delegativ, wenn sie Sachen aus dem Keller benötigt, weil es dort Spinnen gibt. Viele und große Spinnen. Und die Freundin ekelt sich ganz fürchterlich vor ihnen. Ich selbst bin auch kein großer Fan von Kellergängen. Da wir in einem Altbau wohnen, ist der Weg dorthin beschwerlich, es ist da unten modrig-muffig und außerdem hält sich dort außerordentlich viel Ungeziefer auf. Alles sehr gute Gründe, den Keller zu meiden. Deswegen gehe ich auch nur zwei Mal im Jahr in den Keller: Im Spätherbst lagere ich mein Fahrrad ein und hole die Weihnachtsdekoration hoch, im Frühjahr steige ich wieder hinab und tausche den Christbaumschmuck gegen das Rad aus.

Der Abstieg beginnt

Als guter Partner komme ich der delegativischen Bitte der Freundin nach und mache mich nach dem Frühstück auf den Weg in den Keller. Der Sohn begleitet mich. Er ist sieben und der Einzige in der Familie, der gerne in den Keller geht. Er hofft, dass wir einen Schatz finden. Oder wenigstens ein Skelett. Seit im letzten Winter eine tote Ratte vor unserem Kellerverschlag lag, ist mein Bedarf an Keller-Leichen gedeckt.

Mit einer Mischung aus Neid und Verachtung schaue ich in den Kellerraum neben unserem. Der ist befremdlich penibel aufgeräumt und wesentlich ordentlicher als unser Wohnzimmer. Wobei die Messlatte da auch nicht allzu hoch liegt. An den Wänden des Kellerraums stehen mehrere Regale, in denen verschiedene Kisten akkurat verstaut sind. Zusätzlich gibt es eine Werkbank und eine kleine Kommode, in der Nägel, Schrauben und Dübel aufbewahrt sind. An einer Wand hängen außerdem ein paar Werkzeuge fein säuberlich an der Wand.

Ich selbst besitze nur sehr wenig Werkzeug. Das meiste davon hat mir mein Vater geschenkt. Wenn er zu Besuch kommt, ist er immer begeistert, wie pfleglich ich damit umgehe, sodass es auch nach Jahren so gut wie keine Gebrauchsspuren aufweist.

Der Kellerraum links von unserem ist ebenfalls ein Kuriosum. Dort steht eine einzige Kiste mitten auf dem Boden. Sonst nichts. Gar nichts. Der Sohn fragt, ob die Nachbarn keine Sachen hätten. Ich erkläre, sie litten wahrscheinlich an einer psychischen Zwangsstörung, wegen der sie unnütze Dinge unverzüglich wegwerfen, anstatt sie wie normale Menschen in den Keller zu stopfen und bis zum nächsten Umzug zu vergessen. Der Sohn schaut in unseren Kellerverschlag und ist erleichtert, dass wir diese Krankheit nicht haben.

Unser Keller ist die Antithese der beiden benachbarten Räume. Er ist bis zur Decke vollgemüllt mit altem Ramsch. Selbst für versierte Chaostheoretiker ist in der Anordnung der alten Möbelstücke, Kisten und Müllsäcke kein Ordnungssystem auszumachen.

Um den Kellerverschlag zu betreten, muss ich zunächst einen ausrangierten Kinderstuhl, einen Tapeziertisch und ein sperriges Puppenhaus beiseite räumen. Dann erwarten mich viele Kisten. Sehr viele Kisten. Unzählig viele Kisten. Selbstverständlich ist keine von ihnen beschriftet. Deswegen muss ich jedes Jahr in jede Kiste schauen, bevor ich in der letzten die Weihnachtsdekoration entdecke. Es ist vollkommen egal, in welcher Reihenfolge ich sie öffne. Der Weihnachtsschmuck ist immer in der letzten Kiste.

Foto: Laurin Schmid
Zur Person

Christian Hanne, Jahrgang 1975, ist bekannt geworden durch seinen Blog "Familienbetrieb.de". Jeden Freitag kuratiert er den witzigsten Familientweet der Woche. Er ist Autor von vier Büchern, Ratgeber und Humoresken, die von den Fallstricken der modernen Vaterschaft handeln und von den anstrengenden, aber auch heldenhaften Zeiten der Familiengründung. Im Herbst ist sein Buch "Papa braucht ein Fläschchen: Überlebenstipps für das erste Jahr als Vater" erschienen. Hanne ist Kommunikationsberater, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in Berlin. 

Im schummrigen Licht mache ich mich am ersten Karton zu schaffen. Er enthält ein paar alte Klamotten, die sich beim Kita-Flohmarkt als unverkäuflich erwiesen haben. Ich frage mich, wie sie in die Kiste gekommen sind und die Kiste wiederum in unseren Keller gelangt ist. Und warum sie immer noch dort steht, wo doch schon seit zweieinhalb Jahren keines unserer Kinder mehr in die Kita geht.

Derweil entdeckt der Sohn in einer Tüte seine alten Dinosaurier-Figuren. Empört stellt er mich zur Rede, ich habe ihm doch vor ein paar Jahren erzählt, seine Dinos seien in ein fernes Land vor unserer Zeit ausgewandert. Ich erwidere, dies sei korrekt und sie machten lediglich einen Kurzurlaub in unserem Keller. Maulend sucht der Sohn weiter nach einem möglichen Schatz.

Ich öffne die nächste Kiste. Sie enthält Unterlagen und Bücher aus meinem Studium, darunter eine Einführung in Theorien zur gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit. Das hilft mir jetzt nicht wirklich weiter, denn das Chaos im Keller ist sehr real.

Im nächsten Karton liegen ein paar halbleere Farb- und Lackdosen sowie einige Kanister mit Terpentin. Benebelt von den ausströmenden Dünsten erfreue ich mich an den rosafarbenen Elefanten, die in unserem Keller Tango tanzen. Murmele halblaut, das sei besser als Kiffen. Der Sohn will wissen, was Kiffen ist. Anstatt einer Antwort gebe ich ihm sein altes Laufrad. Begeistert setzt er sich auf das Rad und fährt den Kellergang auf und ab.

Die nächste Kiste bringt etwas Undefinierbares zutage. Was auch immer es ursprünglich war, es ist anscheinend mehrmals feucht und wieder trocken geworden, bis es zu einer neuen, leicht pelzigen Lebensform mutiert ist.

Der Engel mit dem abgebrochenen Flügel

Als ich nach 45 Minuten den letzten Karton öffne, lacht mich ein pausbäckiger Weihnachtsengel fröhlich an. Ein pausbäckiger Weihnachtsengel mit abgebrochenem Flügel, um genau zu sein. Ich erinnere mich daran, wie die Freundin letztes Jahr sagte: „Der Engel müsste geklebt werden, bevor er in die Kiste kommt.“ Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich erwidert, ich würde mich darum kümmern. Zur Vermeidung unnötiger und unvorweihnachtlicher Diskussionen mit der Freundin stecke ich den Engel in die Kiste mit der mutierten Lebensform.

Dann schnappe ich mir die Weihnachtskiste und wir gehen zurück in die Wohnung. Der Sohn ist ein bisschen enttäuscht, dass wir keinen Schatz gefunden haben. Ich dagegen bin erleichtert, dass wir uns keine schwerwiegenden Verletzungen zugezogen haben.

Oben angekommen, fragt die Freundin, ob wir an den Christbaumständer gedacht hätten. Ich verneine ihre Frage und erkläre, dass wir dann dieses Jahr wohl keinen Weihnachtsbaum haben werden, denn ich ginge ja erst wieder im März in den Keller. Meine Argumentation überzeugt sie aber nicht und ich muss wohl oder übel noch einmal in den Keller. Irgendwo habe ich den Ständer eben auch gesehen. Hinter dem alten Liegestuhl? Oder neben der kaputten Stehlampe? Oder doch unter dem ausrangierten Drucker?

Der Keller müsste definitiv mal aufgeräumt werden. Im Frühjahr. Vielleicht.


Christian Hanne ist unser Blogger des Monats: Die Berliner Zeitung lädt kreative Netz- Persönlichkeiten ein, ihre Arbeit in Interviews und ausgewählten Texten vorzustellen.  "Von einem, der auszog, um die Weihnachtsdekoration aus dem Keller zu holen" erschien zuerst als Blogpost von "Familienbetrieb". Im Dezember wird Christian Hanne exklusiv für die Berliner Zeitung über den "Corona-Advent" schreiben.