Lesen, Rechnen und Naturwissenschaften – das sind die berüchtigten Pisa-Fächer, benannt nach dem „Programme for International Student Assessment“. Mit dem Schiefen Turm, Italien und Dolce Vita hat das wenig zu tun. Die seit 2000 im dreijährigen Turnus durchgeführten Pisa-Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) überprüfen weltweit das Schulwissen in den vermeintlich wichtigsten Schulfächern. Die nächste Erhebung soll, verzögert durch die coronabedingten Lockdowns, im Jahr 2022 stattfinden. Dass die verschlechterten Lernbedingungen in den vergangenen anderthalb Jahren starke Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hatten, betrachtet die OECD derweil mit großer Sorge.

Mehrere aktuelle Studien aus dem Sommer 2021 beschäftigen sich mit den psychosozialen Auswirkungen der Pandemie auf Kinder. Und interessanterweise widmen sich genau jetzt die Pisa-Erfinder der Bedeutung von Nicht-Pisa-Fächern wie Sport, Musik und Kunst. Dass eben diese Fächer, die so oft ausfallen und an vielen Schulen nachrangig behandelt werden, einen nicht zu unterschätzenden Wert haben, wenn es um die Ausbildung emotionaler Widerstandskraft, von Selbstvertrauen, einer optimistischen Weltsicht, eines aktiven und findigen Umgangs mit Herausforderungen geht, erkennen viele erst, wenn die Probleme und Langzeitschäden der Kinder und Jugendlichen nicht mehr zu verdrängen sind. Wie so vieles hat Corona auch diesen Missstand offenbart.

Die zwei Pole der modernen Bildung: Pisa und Palermo

„Wenn der eine Pol die Pisa-Studie ist und der damit verbundene Fokus auf messbares Wissen, dann wären die Themen, die uns am Herzen liegen, eher geografisch und von der Mentalität her Palermo, Süditalien, zuzuordnen. Es sind die spielerischen Dinge, die unsere Identität so vielfältig prägen.“ Das schrieb Henning Harnisch, Basketball-Europameister von 1993, Kulturwissenschaftler und heute Leiter der Jugendabteilung bei Alba Berlin vor drei Jahren. Er formulierte damit ein ganzheitliches Bildungskonzept als Motor der Sportvereinsarbeit, das aktuell besonders relevant erscheint: Kinder in ihrem Kiez erreichen, sich als Klub mit lokalen Institutionen vernetzen, interdisziplinäre Lernangebote schaffen und so Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe fördern.

Pisa = Hard Skills, Palermo = Soft Skills? Das wäre zu kurz gegriffen. Denn die früher sogenannten Soft Skills erweisen sich gerade jetzt als wesentliche Stützen der mentalen und körperlichen Gesundheit, des allgemeinen Wohlbefindens und der Resilienz. Eine Palermo-orientierte Bildung hilft Kindern nicht nur ganz akut, mit den Folgen der Pandemie besser umzugehen. Langfristig und nachhaltig unterstützt sie Heranwachsende dabei, eine starke Persönlichkeit zu entwickeln und dadurch zu aktiven Mitgliedern der Gesellschaft zu werden.

Was Kinder heute brauchen: Neugier, Mitgefühl und Mut

Die kürzlich erschienene OECD-Studie „Beyond Academic Learning: First Results from the Survey of Social and Emotional Skills“ schlägt in dieselbe Kerbe: „Erfolgreiche Bildung besteht heute nicht nur aus kognitiven, sondern auch aus charakterlichen Stärken. Es geht um Neugier – die Köpfe öffnen; Mitgefühl – die Herzen öffnen; und es geht um Mut – die kognitiven, sozialen und emotionalen Ressourcen in Taten umzusetzen. Diese Qualitäten oder soziale und emotionale Fähigkeiten, wie es in unserem Bericht heißt, sind Waffen gegen die größten Gefahren unserer Zeit: Ignoranz – der vernagelte Kopf; Hass – das verschlossene Herz; und Angst – der Feind allen Handelns“, schreibt Andreas Schleicher, Director for Education and Skills der OECD.

In der erwähnten Studie wird an Schulkindern zwischen zehn und 15 Jahren weltweit untersucht, wie es um deren soziale und emotionale Intelligenz bestellt ist und was Faktoren sind, um wichtige Charaktereigenschaften wie Neugier, Kreativität, Toleranz, Hartnäckigkeit, Vertrauen in sich und andere, Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein zu fördern. Fragt man einen der Jugendtrainer nach einer Antwort, wird er lachen: Genau diese Werte will er den Kindern mit Sport vermitteln. Und ähnliche Erfahrungen sammeln Kinder mit Kunst und Musik.

imago images
Konzert eines Jugendorchesters. 

Auch in unkünstlerischen Berufen braucht man schöpferische Kraft

Sicherlich, Maltalent, Sportlichkeit oder Musikalität haben an sich schon einen großen Wert, ohne sie sind keine großen Athleten oder Künstlerinnen denkbar. Aber wir dürfen nicht vergessen: Der OECD geht es stets um wirtschaftliche Entwicklungschancen. Kreativität und Neugier werden in der Studie als die wesentlichen Fähigkeiten erwachsener Arbeitnehmer angesehen, um in einer globalisierten, digitalisierten Welt sinnvolle und erfolgreiche Jobs ausüben zu können.

Viele heutige Berufe werden künftig automatisiert. Neben der Rolle allgemeiner sozialer Charakterbildung sieht die OECD die Neugier als Antrieb wissenschaftlicher und medizinischer Arbeit, und die Kreativität als Basis für kommunikative, vermarkterische, gestalterische Tätigkeiten. Wenn man noch einmal diese Terminologie bemühen möchte: Soft Skills sind die Hard Skills von morgen.

Wie also können Kinder diese Fähigkeiten erlernen, die über ihre Zukunft entscheiden? An vielen Schulen mangelt es an Fachkräften und entsprechenden Mitteln. Und es gibt immer noch Berührungsängste zwischen Vertretern der Welt des Sports und der Künste. Dabei sind die Gemeinsamkeiten der Sphären offensichtlich, nicht nur in der anthropologischen Herleitung spielerischer Kulturformen.

Das Orchester als Bild für eine gelingende Schulgemeinschaft

Die Auswirkungen auf Kinder sind neben den kognitiven und körperlichen Effekten in diesen Bereichen sehr ähnlich: ein Gespür für eigene Talente entwickeln, seine Rolle in einer Gruppe verantwortungsvoll einnehmen, konzentriert an einer Aufgabe arbeiten, sich ein Regelwerk aneignen, gewaltfreie Kommunikation und Kritikfähigkeit lernen, Selbstwirksamkeit spüren und – vor allem im Interesse sozial benachteiligter Kinder – sich neue Horizonte der Lebensgestaltung eröffnen. Sport und die Künste sollten folgerichtig in der Schulbildung zwingend zusammengedacht werden. „Wie Orchestermusiker können Schüler ihr maximales sozial-emotionales Potenzial ausschöpfen, wenn sie ihre eigene Rolle im Konzert finden und solange üben, bis sie das Spiel beherrschen“, heißt es im OECD-Bericht. „All das unterstreicht, warum es so wichtig ist, dass Bildungssysteme eine ganzheitliche Entwicklung ihrer Schüler anstreben.“

Vor allem außerschulische Aktivitäten markiert die OECD in der Studie als positive Faktoren für soziale und emotionale Entwicklung. Außerschulisch im engeren Sinne müssen diese Aktivitäten dennoch nicht zwingend sein, auch wenn viele Schulen wenig Ressourcen in diesen Bereichen zur Verfügung stellen können.

Alba holt Sportvereine und Musikschulen in die Ganztagsschule

Albas Idee, die der Verein als Träger einer Ganztagsschule im Berliner Wedding und an den mehr als 160 Alba-Partnerschulen in ganz Berlin und Brandenburg verfolgt, ist eben diese kooperative: Der Sportverein kommt zu den Kindern an die Schule – und bringt seine Kulturpartner aus der Theater- und Musikwelt mit, um eine ganzheitliche Ausbildung vor allem sozial benachteiligter Kinder zu unterstützen. Grundschüler und -Schülerinnen, die noch nie mit klassischer Musik oder Bühnenschauspiel in Berührung gekommen sind, erarbeiten ihre eigene Aufführung. Alba Berlin hat das Palermo-Konzept also nicht bloß entwickelt, sondern füllt es bereits mit Leben.

Was jetzt, insbesondere angesichts der Corona-Auswirkungen, zu tun ist? Palermo muss eine Bewegung werden, ein bildungspolitisches Kraftzentrum. Die vielen namhaften Kultur- und Sportinstitutionen Deutschlands müssen sich miteinander verbinden, regional oder überregional verlässliche gemeinsame Programme auf die Beine stellen: Sportlehrer und Musikpädagoginnen sprechen unterschiedliche Sprachen? Nicht, wenn sie diesen holistischen pädagogischen Anspruch teilen, Kindern aller sozialen und kulturellen Hintergründe eine Zukunft als aktive Mitglieder der Gesellschaft von morgen zu ermöglichen. Bringen wir die Schulen, Kinder und ihre Vorstellungskraft zum Tanzen!

Foto: Silke Janovsky
Autorin und Initiative: 

Rabea Weihser ist seit April Kulturdirektorin bei Alba Berlin, zuvor leitete sie das Kulturressort von Zeit Online. ALBA Berlin ist Deutschlands erfolgreichster und größter Basketballverein. Seit 2005 baut der Klub kontinuierlich seine Jugend- und Sozialarbeit aus, kooperiert heute mit mehr als 200 Kitas und Schulen in Berlin und Brandenburg. Rund 10.000 Kinder bewegen sich in Albas Programmen, angeleitet von hauptamtlichen Erzieherinnen und Coaches. 2020 hat der Verein die Trägerschaft einer Ganztagsschule in Wedding übernommen. Aus dem viralen Erfolg der „Täglichen Sportstunde“ hat sich seit dem ersten Lockdown die digitale Lernplattform Albathek entwickelt.