Die Brüder Jonathan und Krümel treffen sich nach dem Tod in Nangijala wieder, wo ewiger Frühling herrscht.
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Wenn ich meine Kinder frage, an welches Vorlesebuch sie sich besonders intensiv erinnern, dann sagen sie „Die Brüder Löwenherz“. Obwohl es so ein trauriges Buch ist, so traurig, dass ich schon nach den ersten Seiten kaum weiterlesen konnte. Mir rannen die Tränen über das Gesicht, und die Kinder legten kurz den Arm um mich und sagten: „Mama … kannst Du jetzt weiterlesen?“. In diesen ersten Seiten geht es ja um den kleinen Karl Löwe, der hustend in seinem Bett liegt und weiß, dass er bald sterben muss. Seine Mutter verdient ihr Geld mühsam mit Näharbeiten, der Vater hat sich längst aus dem Staub gemacht. Und der wahre Held von Karl ist sein großer Bruder Jonathan, der abends an seinem Bett sitzt und ihn tröstet mit der Aussicht, dass man nach dem Tod in das Land Nangijala kommt.

Als das Haus der Löwes in Flammen steht, rettet Jonathan seinen Bruder mit einem gewagten Sprung aus dem Fenster – und sorgt so dafür, dass er zuerst nach Nangijala kommt und durch die blühenden Landschaften des Kirschtals reitet. Dort werden die Brüder Löwe dann zu den Brüdern Löwenherz, denn in Nangijala ist noch “die Zeit der Lagerfeuer und der Sagen“. Dort kann man noch Abenteuer erleben und muss es auch, wenn man eine ritterliche Gesinnung --hat und bereit ist, für das Gute zu kämpfen. Denn die paradiesischen Zustände im Kirschtal sind bedroht von einem grausamen Tyrannen namens Tengil, der alle Menschen zu Sklaven machen will. Wer sich widersetzt, wird einem gräßlichen Drachenweibchen namens „Katla“ zum Fraß vorgeworfen.

Die Brüder schließen sich einer Widerstandsgruppe an, reiten heimlich in die Berge und abefreien ihren Anführer aus der Katla-Höhle. Dabei wächst der ängstliche Karl über sich hinaus. Einmal kommt Tengil auf den Marktplatz einer kleinen Stadt, um Männer auszusuchen, die Frondienste verrichten müssen, um eine Festung hoch oben in den Bergen zu errichten. Man weiß, keiner von diesen Männern, Vätern wird lebend wieder zurückkommen. Da löst einer der Verurteilten sich aus der Menge. „Tyrann!“ schreit er. „Einmal muss auch du sterben, hast du daran gedacht?“ Er spuckt Tengil ins Gesicht und wird sofort von einem Soldaten mit dem Schwert getötet. „Ich sah es im Sonnenschein aufblitzen“, sagt Karl, doch dann zieht Jonathan seinen Kopf an seine Brust, damit er den Mord nicht mitansehen muss.

Ich weiß noch, wie mein Sohn bei dieser Stelle die Decke über seinen Kopf zog. Jahre später hat er sie mal in der Schule vorgelesen und zu Hause dafür geübt. Er hat sie auf eine schlichte Weise gelesen, aber sehr eindringlich. Und ich dachte damals, wie großartig ist das: Dass es der Autorin gelingt, auf knapp drei Seiten das Wesen einer Diktatur sichtbar zu machen – die Angst, den Terrorr, das Verlöschen der Lebensfreude – und ja, auch den Widerstandsgeist einzelner. Es gibt traurige Bücher für Kinder, die etwas zutiefst Stärkendes haben. „Die Brüder Löwenherz“ ist ein solches Buch. Sobald wir es aufschlagen, stärkt es unseren Widerstandsgeist.

Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz. Oetinger Verlag, 236 S., 15 Euro