Berlin - Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden, dass nun auch die Schüler der Klassenstufen sieben bis neun beim Präsenzunterricht berücksichtigt werden müssen. Bislang gibt es für diese Jahrgänge in der Hauptstadt keinen Präsenzunterricht im Wechselmodell – anders als für Grundschüler und Abschlussklassen.

Dagegen hatten sich zwei Schüler der Jahrgangsstufen sieben und neun mit Eilanträgen vor dem Verwaltungsgericht zur Wehr gesetzt. Sie sahen sich dadurch in ihren Grundrechten verletzt und wollten eine Vollbeschulung erstreiten – sechs der sieben Antragsteller unter Befreiung von der Pflicht, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Das Verwaltungsgericht entschied nun, einzelne Klassenstufen vom Wechselunterricht auszuschließen, während andere auf diese Weise beschult werden, verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz.

Die Senatsverwaltung hatte argumentiert, Grundschulkinder von sechs bis zehn Jahren hätten eine geringere Ansteckungsgefahr. Zudem stünden in den mittleren Schulklassen keine Abschlussarbeiten an. Das Gericht sah hier jedoch einen Widerspruch: Auch Schulklassen der fünften und sechsten Jahrgangsstufe sowie der elften seien schließlich zugelassen. Diese Kinder seien nicht nur älter als zehn Jahre, sondern bei ihnen stünden ebenfalls keine Abschlussarbeiten an.

Eine knifflige Entscheidung für Sandra Scheeres 

Was folgt aus der Entscheidung der Kammer? Erstaunlicherweise muss das Land nun den beiden Gymnasiasten, die erfolgreich geklagt haben, Präsenzunterricht anbieten – beziehungsweise ihre Schulen bitten, das zu tun. Denn rein juristisch gilt die Entscheidung erst einmal nur für die zwei Antragsteller.

Die beiden Grünen-Politikerinnen Bettina Jarasch und Silke Gebel haben sich inzwischen dafür ausgesprochen, dass die siebten bis neunten Klassen noch vor den Osterferien zurückkehren. Auch die SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey hat angekündigt, am Freitag mit Sandra Scheeres und Dilek Kalayci sprechen zu wollen, ob der 22. März ein gutes Datum für die Rückkehr wäre.

Wieder eine knifflige Entscheidung für Sandra Scheeres: Was geht vor, der Infektionsschutz oder das Recht auf Bildung? Das Bemühen, eine dritte Welle zu verhindern, oder das Streben, die Leiden der gedrückten Kinderseelen zu lindern?

Norman Heise vom Landeselternausschuss sagte der Berliner Zeitung: „Zunächst gilt das Urteil ja nur für die beiden Schüler, die geklagt haben, aber ich denke, das Urteil ist richtungsweisend für die Politik. Und in der Tat ist das gerade die Frage, die die Eltern unserem Gremium am häufigsten stellen: Wann können, dürfen, müssen die Schüler der siebten bis neunten Klassen zurückkehren in die Schulen?“ Dabei sei die Elternschaft wie immer gespalten. Die einen könnten die Rückkehr ihrer Kinder kaum erwarten, während die anderen mit Blick auf die Zahlen sagten: „Nein, wir uns fühlen mit der Aussicht auf eine schnelle Rückkehr nicht wohl.“

Bei den Eltern gibt es zwei Lager, für die Schulleitungen ist es unpraktisch

Norman Heise hat auch die Interessen der Schulleitungen im Blick. „Viele werden nicht begeistert sein, neue Stundenpläne zu erarbeiten, die nur für eine einzige Woche gelten. Denn nach den Osterferien beginnen die Abiturprüfungen. Und da muss der neue Stundenplan dann gleich wieder umgestoßen werden.“

Klar ist aber auch, dass es für die Lehrkräfte auf Dauer einfacher ist, nur in einem einzigen Modus zu unterrichten. Nichts ist nervenzerfetzender als eine wilde Mischung aus Fern- und Präsenzunterricht. „Viele Schulen können das weder personal- noch internettechnisch abbilden“, sagt Heise. „Ideal wäre, wenn die Lehrer ihren Unterricht im Klassenraum abhalten und zeitgleich streamen könnten. Oder wenn sie nach einer Stunde im Präsenzunterricht mit ihrem Laptop in ein Büro oder ein leeres Klassenzimmer gehen könnten, um für die Klassen zu Hause Video-Unterricht  zu machen. Aber das Internet ist an den meisten Schulen im Moment noch nicht gut genug. Und außerdem gibt es noch ungelöste datenschutzrechtliche Fragen.“

Selbst für Lehrkräfte gelten die elementaren Regeln der Logik: Ein Mensch kann nicht gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten sein. Auch können sie sich nicht ständig zwischen der Schule und ihrem Zuhause hin- und herbeamen. Deshalb werden diejenigen Schüler, die aus diversen Gründen noch nicht wieder in die Schulen zurückkehren können, jetzt im Durchschnitt etwas schlechter mit Fernunterricht versorgt als vorher.