Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) muss nun viele Baustellen gleichzeitig bearbeiten.
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BerlinWeil nicht abzusehen ist, wann eine Rückkehr zum normalen Unterricht wieder möglich sein wird, muss Berlin nun versuchen, seinen Rückstand in Sachen digitale Schule aufzuholen. Auch wenn sich seit Beginn der Corona-Krise etwas getan hat, sind viele Probleme nicht schnell zu beheben: Die Umsetzung des Digitalpakts ist erst im vergangenen Jahr stockend in Gang gekommen, eine einheitliche digitale Infrastruktur für die Schulen fehlt seit Jahren, Lehrkräfte und Schüler sind sowohl inhaltlich als auch technisch schlecht bis gar nicht ausgerüstet für virtuellen Unterricht.

Auch die 9 500 Tablets, die Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) für 4,9 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt erstanden hat, um sie an sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche zu verleihen, sind bestenfalls ein Pflaster für eine klaffende Wunde. Profitieren sollen Kinder und Jugendliche, die Anspruch auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket haben – das sind in Berlin mehr als 100.000.

Bei der Übergabe von 22 Tablets an die Schule an der Jungfernheide am Mittwoch erklärte die SPD-Schulsenatorin deshalb, zunächst sollten die 4 500 Kinder und Jugendlichen bedacht werden, die innerhalb des Pakets Lernförderung, also beispielsweise Hausaufgabenhilfe oder Nachhilfeunterricht, bekommen. Die nächste Fuhre Tablets soll an Schülerinnen und Schüler in Abschlussklassen gehen.

Der Landeselternausschuss, die Bildungsgewerkschaft GEW und die SPD-Fraktion fordern aber, dass auf lange Sicht alle Schülerinnen und Schüler mit einem digitalen Endgerät ausgestattet werden müssen, damit sie nicht zu Opfern „digitaler Schuldistanz“ werden.

Schulexperten vermissen außerdem immer noch eine einheitliche Idee, was genau mit den Tablets angefangen werden soll. Die GEW kritisierte am Mittwoch, mit der Ausgabe der Tablets sei „die bisherige Leitlinie Didaktik vor Technik, also erst die Planung dann die Technik, verlassen“ worden. Wenn Scheeres wie in Jungfernheide davon spricht, dass sie Lehrkräften dabei helfen sollen, den Kontakt zu ihren Schülern zu halten und „Aufgaben weiterzugeben, Lernprozesse auf den Weg zu bringen und individuell fördern zu können“ – dann klingt das auch deshalb schwammig, weil in Berlin (und auch in den anderen Bundesländern) das große Konzept zum Einsatz von digitalen Medien im Unterricht noch fehlt. Von digitaler Beschulung in Corona-Zeiten ganz zu schweigen.

Ein Leitfaden für den digitalen Unterricht, wie ihn zahlreiche Akteure im Schulbereich fordern, ist laut Scheeres inzwischen entwickelt worden. Er liegt gerade dem Bildungsexperten Olaf Köller vor. Doch das Problem ist: Neben vielen engagierten Lehrkräften, denen es jetzt schon gelingt, virtuellen Unterricht lebendig zu gestalten, gibt es auch zahlreiche, die entweder nicht willens oder auch gar nicht in der Lage sind, digital zu unterrichten.

„Die Senatsbildungsverwaltung hat sich nicht genügend um die Fortbildung gekümmert“, sagt etwa Martin Lützelberger vom Projekt „Digitales Lernen Berlin“. Er findet es zwar gut, dass die Senatsschulverwaltung Schülerinnen und Schülern Hardware zur Verfügung stellt, hätte sich aber ein geplanteres Vorgehen gewünscht: „Alles, was in den vergangenen Jahren verschlafen wurde, fällt uns jetzt mit voller Wucht auf die Füße.“ Er hat in den vergangenen Wochen festgestellt, dass Online-Unterricht mehrheitlich heißt, dass Arbeitsblätter verschickt werden: „Eltern und Schüler wünschen sich mehr interaktive Lernformen“, sagt Lützelsberger. Doch dafür braucht es Lehrkräfte, die sich an Videokonferenzen herantrauen.

Auch der Landeselternausschuss sieht verpasste Chancen: „Wir fordern seit Jahren die Einrichtung einer Professur für Medienpädagogik“, sagt Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Maja Lasic, sagt: „Das Problem sind sowohl digital unmündige Schüler als auch digital unmündige Lehrer.“ Scheeres’ eigene Fraktion fordert deshalb unter anderem, nun die unausgelasteten Volkshochschulen und Jugendbildungseinrichtungen zu nutzen, um möglichst vielen Lehrkräften einen Crashkurs zu verpassen. Die Corona-Zeit könnte noch lange dauern, deshalb müssen jetzt schnell viele Lücken gestopft werden – egal, wie lange es sie schon gibt.