Hörsaal (Symbolbild)
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BerlinFolgt man der letzten Statistik des Bildungsfinanzberichts, so kommen wir in Deutschland nicht recht vorwärts, wenn es um die Steigerung unserer Investitionen in Schu­len und Hochschulen geht. 4,2 Prozent unserer Wirtschaftsleistung gaben wir 2018 für Bildung aus. Damit liegt Deutschland unterhalb des Durchschnitts der 36 OECD-Mitgliedsstaaten, der sich bei fünf Prozent einpendelt. Es reicht also nur zu Mittelmaß, trotz wachsender Studierenden- und Absolventenzahlen und immer höherer Quali­f­i­zie­rung – jeder Dritte in der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen hat heute einen Stu­dien­abschluss. Dem stehen allerdings in derselben Altersgruppe 13 Prozent ohne jede Berufs­ausbildung entgegen. Und nur etwa die Hälfte aller Geringqualifizierten geht in Deutsch­land einer geregelten Arbeit nach. Das sind Werte, die Anlass zur Besorgnis geben.

Zugleich ist ein kritischer Blick auf die seit 1986 jährlich veröffentlichten OECD-Zahlen geboten. Denn nationale Besonderheiten führen hier, wie in vielen Statistiken, zu Ve­rzer­rungen. Deutschland etwa gereicht einer der Vorzüge seines Bildungssystems zu Bewer­tungsnachteilen. Die duale Ausbildung mit ihrer Kombination aus Praxis und Theorie führt seit langem zu einer soliden, auch international anerkannten Qualifikation. In an­deren OECD-Ländern werden Fachkompetenzen, die bei uns die Berufsschulen ver­mitteln, an Hochschulen erlernt. Nur muss das keineswegs heißen, dass die Standards dort höher sind; das Gegenteil ist nicht selten der Fall. Aber für die deutsche Position in der OECD-Statistik bedeutet unser System einen Nachteil. Was nicht durch ein Studium erlernt wird, gilt automatisch als minderwertig. Die duale Ausbildung, um die uns viele Länder beneiden, erscheint als Manko, weil sie statistisch nicht angemessen verortet wer­den kann.

Ein zweites, mindestens so gravierendes Beispiel: Neben dem öffentlichen Beitrag zur Finanzierung des Bildungssystems bewertet die offizielle OECD-Statistik auch von pri­vaten Haushalten erbrachte Studiengebühren. Länder wie die USA oder das Vereinigte Königreich weisen dementsprechend einen hohen Gesamtbeitrag zum Bildungssystem auf, in dem neben staatlichen zugleich private Leistungen enthalten sind. Das ist umso problematischer, als viele Regierungen außerhalb Deutschlands ihre öffentliche Finan­zierung der Hochschulen in den letzten zehn Jahren rücksichtslos heruntergefahren und das System sich selbst überlassen haben. In der Komplettsumme wird das durch die Ein­rechnung privater Leistungen nicht unmittelbar einsichtig. Natürlich kann man argu­men­tieren, dass die ausschließlich öffentliche Alimentierung der Hoch­schulen in Deutsch­land über Steuereinnahmen abgedeckt wird. Auch hier steckt also ein privater Anteil im staatlichen Finanzierungsmodell.

Andererseits gilt es zu betonen, dass Bürger in den USA und Großbritannien doppelt zur Kasse gebeten werden, wenn ihre Kinder an den besten Hochschulen ihres Landes studieren; sie zahlen Steuern und sie erbringen die zumeist exorbitant hohen Studiengebühren. Dass das angloamerikanische System für diese Art von Bezuschussung auch noch durch eine Statistik belohnt wird, in der die privaten Gebührenlasten der Bürger mitzählen, benachteiligt erkennbar das deutsche Mo­dell. Allerdings bleibt auch unsichtbar, was die aktuelle Corona-Krise an den Tag bringt: Dass angloamerikanische Universitäten erheblich unter dem Rückgang ihrer Einnahmen durch das Fernbleiben internationaler Studierender leiden. Diese Art materieller Abhän­gig­keiten gibt es in Deutschland dank der staatlichen Finanzierung der Hochschulen zum Glück nicht.