Berlin - Acht Jahre hat Mark Rackles an der Seite von Sandra Scheeres die Bildungspolitik der Hauptstadt mitbestimmt – ohne seinem eigenen Anspruch gerecht werden zu können. Obwohl er in der Öffentlichkeit hohes Ansehen genoss, hat er 2019 seinen Hut genommen. Seitdem hat er sich der Wissenschaft zugewendet und versucht, das Problem des Lehrkräftemangels von Grund auf zu verstehen und zu lösen. Seine Studie hat in Fachkreisen großes Aufsehen erregt. Nachdem er seine Tochter von der Schule abgeholt hat – sie hatte gerade ihre Abiturprüfung in Englisch – sitzt er wieder am heimischen Schreibtisch: Kamera und Mikrofon sind eingeschaltet, also gleich in medias res.

Berliner Zeitung: Wäre nicht Corona, wäre der Lehrkräftemangel unser größtes Problem …

Mark Rackles: Ja, in  den letzten fünf Jahren hat sich die Situation noch einmal extrem verschärft. Weil es uns in Deutschland einfach nicht gelingt, die strukturellen Probleme zu lösen, die den Fachkräftemangel verursachen. Die meisten Bundesländer schaffen es nicht, genug Lehrkräfte für den eigenen Bedarf auszubilden. Sie verlassen sich darauf, dass es da irgendwo schon einen Überschuss geben wird. Das rächt sich jetzt – denn wo Lehrkräfte in großem Stil fehlen, da leidet die Qualität des Unterrichts.

Ihre Studie zeigt: Dass in Deutschland seit zwanzig Jahren bis zu 40 Prozent unter Bedarf ausgebildet wird. Wie kann das sein?

Aus Ländersicht kostet die Ausbildung von Lehrkräften viel Geld. Deswegen wird hier gerne gespart. Das grundsätzliche Strukturproblem ist, dass es keine Verpflichtung gibt, eine gewisse Anzahl von Lehrkräften auszubilden.

Sie sprechen von der „Fiktion der regionalen Märkte“. Alle tun so, als ob die Lehrkräfte stets in dem Bundesland bleiben, in dem sie ausgebildet wurden. Doch natürlich sind sie frei, sich auf Stellen in ganz Deutschland zu bewerben.

Genau. Das hat mich in diese Studie getrieben, ich war selbst Staatssekretär und kann auch für die anderen Staatssekretäre sagen: Keiner bildet bösartig zu wenig aus. Aber dennoch wirken 16 Einzelländer für sich und denken in ihren Landeslogiken. Bayern hat beispielsweise sehr viele Lehrkräfte ausgebildet, weil sie dachten: Wir nehmen uns nur die Besten! Der Überschuss ist dann in die anderen Länder gegangen. Später hat Bayern das Kontingent gekürzt, um zu sparen. Aus Sicht des Landes mag das vernünftig gewesen sein – aus Sicht der KMK verheerend, weil die Lehrkräfte auf Bundesebene fehlten.

Ist es nicht ein Skandal, dass diese Planung seit zwanzig Jahren nicht gelingt – bei so vielen Menschen, die Bildung und Verwaltung zu ihrem Beruf gemacht haben?

Der „Skandal“ unterstellt, dass die Leute bewusst etwas falsch machen. In meinen Augen handelt jeder in seinem System vernünftig. Es sind aber einfach viel zu viele Akteure: Es sind ja nicht nur diese 16 Bildungsministerien, es sind auch noch 16 Wissenschaftsministerien, die dafür zuständig sind, die universitäre Ausbildung zu verantworten. Das erfordert unendlich lange Verhandlungsprozesse. Man stellt möglicherweise fest: „Aha, die Grundschulverträge sind noch drei Jahre gültig.“ Im vierten Jahr kann ich überhaupt erst anfangen, nachzusteuern und dann dauert es noch sieben Jahre, bis die neuen Lehrkräfte ausgebildet sind, wenn ich überhaupt das Geld vom Finanzministerium bekomme. Dann muss ich an die Hochschulen herantreten, die willens und in der Lage sein müssen, die zusätzlichen Kapazitäten auszubauen. Das dauert ewig und ist so absurd komplex in der Abstimmung, schließlich ist das alles an den Unis wieder in Dutzende Fachbereiche unterteilt. Wir haben deutschlandweit knapp 5000 mögliche Studiengänge mit Lehramtsoption. Diese Struktur der Lehrkräftebildung ist absurd und ineffizient. Und der Skandal ist vielleicht, dass man das nicht endlich mit einem Staatsvertrag ändert.

Berliner Zeitung/Isabella Galanty
Klassenzimmer, flieg! 

Gespräche über die Zukunft der Bildung. Wie können wir die Erfahrungen der Corona-Zeit nutzen, um unsere Schulen wirklich voranzubringen? Wir fragen Menschen aus verschiedenen Generationen und Berufen – von der Bildungsministerin bis zum Brennpunktschüler. Eine Serie der Berliner Zeitung.

Wurde Ihre Studie von der Kultusministerkonferenz (KMK) denn zur Kenntnis genommen?

Informell habe ich Reaktionen bekommen von ehemaligen Kollegen, die sagten: „Ja, du hast ja recht. Aber du weißt ja selber, wie es läuft, wir sind gefangen im System.“ Formal haben sich die sogenannte Amtschefkonferenz und die Kommission für Lehrerbildung mit der Studie befasst. Ein Ergebnis ist mir nicht bekannt. Deshalb müsste sich am besten die Ministerpräsidentenkonferenz der Sache annehmen.

Wie kommt es, dass der Lehrkräftebedarf systematisch unterschätzt wird?

Es gibt keine eigene KMK-Prognose für den Lehrkräftebedarf, in Berlin wird jährlich eine Prognose gemacht, in anderen Ländern nur alle fünf Jahre. Die KMK legt die verschiedenen Länderzulieferungen nur nebeneinander. Deswegen sind die Prognosen so unpräzise. Jetzt hat die KMK letztes Jahr noch mal die Prognose des Schülerbedarfs bis 2030 korrigiert: Weil sie festgestellt haben, dass die Schülerzahlen bundesweit um 12 Prozent steigen, in Berlin um 20 Prozent. Das kriegt man als Staatssekretär dann plötzlich auf den Tisch und weiß, dass man, wenn man sofort loslegt, acht Jahre braucht bis die ersten Lehrkräfte aus der Universität kommen. Wir sind also schon Getriebene und so habe ich mich auch gefühlt. Vorgeworfen werden kann allen Ländern gemeinsam, dass sie nichts an der Struktur ändern.

Was würden Sie denn vorschlagen?

Einen Staatsvertrag, der festlegt: Jedes Land hat die Pflicht mindestens 2,9 Prozent ihres Lehrkräftebestandes auszubilden, das ist der Ersatz der Altersabgänge. Und das machen die meisten Länder heute nicht! Eigentlich sollten es sogar eher vier bis fünf Prozent sein, wenn wir uns pädagogisch verbessern wollen, zusätzliche Stellen schaffen für Inklusion, kleinere Klassen und Ganztagsschulen. Ich habe einen Entwurf für einen Staatsvertrag gemacht – ich stelle mir die Umsetzung nicht besonders schwierig vor, wenn man den politischen Willen dazu hat. Wenn der Vertrag durch die Parlamente geht, wäre er wie ein Gesetz. Wenn man als Staatssekretär so etwas in der Hand hätte, könnte man damit zum Finanzsenator gehen und sagen: Hier, ich muss so und so viele Lehrkräfte ausbilden, bitte in den Haushalt aufnehmen. Das hat eine ganz andere Wirkung, als wenn man mit unverbindlichen Empfehlungen der KMK argumentieren muss.

Was wäre noch Teil der Lösung?

Es muss eine gemeinsame Prognostik und Kapazitätsplanung geben. Gegen letzteres sträuben sich die großen Bundesländer, doch das ist zwingend notwendig. Außerdem schlage ich einen Finanzausgleich vor: Wenn man Lehrkräfte anstellt, die in anderen Ländern ausgebildet wurden, muss man sich an den Ausbildungskosten beteiligen.

Sie schreiben, dass jede Diskussion über Bildungsprobleme in Deutschland beim Lehrkräftemangel herauskommt. Kommt sie nicht in Wahrheit immer beim Bildungsföderalismus heraus? Steht uns nicht immer wieder im Wege, das Bildung Ländersache ist?

Bildung zu zentralisieren, kriegen Sie in Deutschland niemals durch. Wenn Sie anfangen, eine Bildungsföderalismusdebatte zu führen, werden die 16 Länder sich zurückziehen und sagen: Nein. Wir haben einen künstlichen Konsens in der Abwehr des Bundes, da sind sich die Länder immer bemerkenswert schnell einig. Deswegen würde ich immer sagen: Bevor wir noch mehr Kraft verschwenden und in diese Debatte investieren, sagen: Länder, ihr wollt den Bund nicht drin haben. Aber wenn ihr den Bund nicht drin haben wollt, ist es keine Landesverantwortung, sondern eine Länderverantwortung! Die Länder müssen in ihrer Gesamtheit stärker und besser zusammenzuarbeiten, um ein Problem wie den Lehrkräftemangel lösen zu können.

Warum ist es so schwer, den Bedarf an Lehrkräften zu modellieren? Ist das reines Politikversagen? 

Also ein Politikversagen ist, dass wir immer noch keine einheitlichen Verfahren bei der Datenerfassung haben. Das muss auf Bundesebene abgeglichen werden. Aber es gibt auch viele demografische Entwicklungen, die unregelmäßig sind – und unvorhersehbare Ereignisse wie die Flüchtlingskrise oder die Corona-Pandemie. Deshalb müssen die Länder ihren Mindestbedarf an Lehrkräften ausbilden und die großen Schwankungen mit Quereinsteigern ausgleichen. Deshalb brauchen wir einen Beschluss, der den Quereinstieg normalisiert und ihn nicht nur als Notlösung betrachtet.

Wenn man erfahrene Quereinsteiger mit ausgebildeten Lehrkräften vergleicht, dann kann man keine schlechteren Schülerleistungen nachweisen. Doch das Problem sind die ersten zwei Jahre, wenn sie sich in Windeseile zurechtfinden müssen und besonders oft an Brennpunktschulen landen.

Man muss ehrlicherweise sagen, dass das eine ziemlich harte Schule ist. Die Lehrkräfte, die da rauskommen, sind hochmotivierte und leistungsfähige Menschen. Wir müssen davon wegkommen, Quereinsteiger als defizitär zu betrachten. Jedes Land sollte durch eigene Weiterbildungsinstitute vorsehen, Quereinsteiger auszubilden und so auch einen Puffer zu haben für Schwankungen in den Schülerzahlen.

In Berlin hat der Personalnotstand eine neue Stufe erreicht: In diesem Jahr mussten und müssen mindestens 2500 Lehrkräfte neu rekrutiert werden.

Ja, durch das rasante Bevölkerungswachstum steigen die Schülerzahlen in Berlin sehr schnell. Inzwischen haben die Berliner Universitäten ihre Ausbildungskapazitäten zwar seit 2011 um 75 Prozent gesteigert, doch kam dieser große Aufwuchs viel zu spät. Und vierzig Prozent der Absolventen, die in den Vorbereitungsdienst gehen, verschwinden. Und man weiß nicht genau, warum: ob sie einfach Muffensausen bekommen oder wegen einer Verbeamtung woanders hingehen. Das Gleiche gilt für fast alle deutschen Universitäten: Es wird nicht untersucht, warum so viele Studenten abbrechen. Wir haben viele Lehramts-Bachelorabschlüsse, die dann nicht in den Master gehen. Ich frage mich auch, warum man heute einen NC von  1,7 braucht, um Grundschullehramt zu studieren? An der Freien Universität gab es sieben Mal so viele Bewerbungen wie Plätze und das bei diesem drastischen Lehrkräftemangel.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person

Mark Rackles, 1966 geboren, studierte Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaften an der FU Berlin. Er war einer der vier stellvertretenden Vorsitzenden im Berliner Landesverband der SPD. Seit 2011 war er unter Sandra Scheeres Staatssekretär für Bildung. 2019 wurde er entlassen und begann als selbstständiger Publizist und Politikberater zu arbeiten. Seit März 2021 ist er Fellow am Berliner Wissenschaftszentrum und forscht über „educational governance“. Rackles hat drei Kinder und lebt mit seiner Familie in Berlin-Zehlendorf. Rackles ist seit Januar 2020 freiberuflich als Berater und Publizist im Bildungsbereich tätig.

Herr Rackles, noch ein Frage zu Ihrer Biografie: Sie sind ja als Fellow am Wissenschaftszentrum und beschäftigen sich mit Steuerungsfragen im Bildungswesen – aus leidvoller Erfahrung?

Genau. Ich will verstehen, was ich selbst falsch gemacht habe, woran ich gescheitert bin. Im Amt hat man keine Zeit nachzudenken. Und wenn man Zeit hat nachzudenken, hat man keinen Einfluss mehr. Deswegen versuche ich nun, in meiner Studie zu formulieren, was notwendig wäre. Wenn ich jetzt noch einmal politisch aktiv wäre, wüsste ich, was ich tun muss: Neue Hochschulverträge verhandeln und viel aktiver werden auf der Ebene der KMK. Hier schlummern die Lösungen!

Ist es denn unvermeidlich, dass man als Staatssekretär vom Tagesgeschäft so aufgefressen wird, dass man konzeptuell nicht mehr vorankommt?

Das ist jetzt noch schlimmer als früher. Unter Corona-Bedingungen können sie gar nichts machen, da bleibt absolut keine Zeit für Strukturdebatten. Ich beneide niemanden, der Schule in Corona-Zeiten organisieren muss, das ist der Horror: Die einen wollen schließen, die anderen öffnen, sie können es niemandem recht machen. Und alle wissen es besser.

Auch in Ihrer Zeit gab es brennende Themen: Die Flüchtlingskrise, den Taskforce Schulbau. Hat das damals dazu geführt, dass Sie verschlissen wurden?

Nein, ich wurde nicht verschlissen, hatte keinen Burn-out. Ich habe mich einfach gefragt: Ist meine Arbeit effizient? Wenn Sie nach acht Jahren merken: Sie sind ständig in der Defensive, ständig dabei, sich vor einem aufgebrachten medialen Szenario rechtfertigen zu müssen, dann fragen sie sich schon nach dem Sinn des Ganzen. Für die Lehrkräftebildung beispielsweise haben wir im Berliner Senat wirklich viel getan und viel Geld organisiert. Und trotzdem ist es uns nicht gelungen, den Bedarf zu decken. Deshalb kam es 2019 zum Bruch. Nun hoffe ich, dass ich mit wissenschaftlich fundierter Politikberatung mehr bewirken kann.