Eine Frau versteckt sich hinter dem Duschvorhang.
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Es gibt ein Bild von mir, auf dem ich zu Hause am Schreibtisch sitze, vor mir das aufgeklappte Laptop, auf dem Schoß meine Tochter. Ich schaue konzentriert auf den Bildschirm, tippe etwas in die Tastatur, meine Tochter, die damals etwa sechs Monate alt ist, blickt direkt in die Kamera. Dieses Bild ist eine Lüge. Nichts daran stimmt.

Als ich das Bild auf Facebook teilte, erhielt ich dafür viele Likes. Das Bild zeigt etwas, das viele glauben möchten: die Illusion der glücklichen Vereinbarkeit von Beruf und Baby.

Wie Schriftsteller Beruf und Familie vereinbaren, darüber gab es im Feuilleton der „Welt“ vor fünf Jahren eine große Debatte. „Schreiben und Kinder sind ihrem Wesen nach unvereinbar. Niemand kann gleichzeitig schlafen und wach sein, rechnen und träumen, sich bücken und rennen“, schrieb die Autorin Julia Franck.

Im Badezimmer einschließen, um einen Gedanken zu notieren

Wenn sie schreibe, könne sie nicht mit ihren Kindern sein, und wenn sie mit ihren Kindern sei, könne sie nicht schreiben. „Dieser Zwiespalt erzeugt eine enorm hohe Spannung.“ Ihre Kollegin Terézia Mora ergänzte: „Es lässt sich schwer darstellen, wie beschwerlich es ist, drei Stunden warten zu müssen, bevor man etwas, was einen förmlich zerreißt, endlich aufschreiben kann, oder abrupt damit aufhören zu müssen, um für ein Kind da zu sein.“

Ich las das und hoffte insgeheim, sie hätten übertrieben. Ich war schwanger mit meinem ersten Kind, schrieb an meinem zweiten Buch. Es konnte doch nicht so schlimm sein? Oder würde das Buch, an dem ich arbeitete, mein letztes sein?

Zum Schreiben muss man allein sein, man braucht Rückzug. Man braucht das berühmte Zimmer für sich allein, von dem Virginia Woolf schrieb. Für manche Menschen mag das nach einem Luxusproblem klingen. Ich war schon als Kind jemand, der gern allein war, der Rückzug brauchte.

Das Lesen und Schreiben gab mir die Möglichkeit dazu. Manchmal habe ich eine Idee für einen Text, an dem ich arbeite, aber ich komme nicht dazu, sie aufzuschreiben, den Faden fortzuführen, weil die Kinder mich brauchen, was mich dann verzweifeln lässt, was wiederum meinen Mann wütend macht.

Schreiben ist eine Arbeit, die sich nicht an Bürozeiten hält. Ich habe oft Einfälle, wenn ich mit den Kindern die Eisenbahn zusammenbaue oder unter der Dusche stehe. Am Wochenende, wenn die Kita geschlossen ist und die Kinder ab sechs wach sind, schließe ich mich manchmal ins Badezimmer ein, um schnell einen Einfall zu notieren.

Einen 600 Seiten langen Roman könnte ich nicht schreiben

Wenn ich meine Tochter ins Bett bringe, halte ich ihre Hand und kann trotzdem nicht aufhören, an die Texte zu denken und an die Abgabetermine. Oft sitze ich im Dunkeln und ordne Sätze im Kopf.

Ich bin effizienter geworden, ich schreibe schneller, seit ich Kinder habe. Ich muss schneller schreiben. Die Schreibkrisen, die ich früher hatte, kann ich mir nicht mehr leisten: aufschieben, ganze Abende mit befreundeten Autoren über den perfekten ersten Absatz brüten, wieder verwerfen. Einen 600 Seiten langen Roman mit ausgedachten Personen und ausgedachten Problemen könnte ich nicht schreiben.

Dazu ist das Leben selber zu aufregend, zu fordernd. Wie sagte es Christa Wolf 1961, als ihre zwei Töchter noch klein waren? „Die Kinder werden größer, und einmal muss doch wieder Konzentration in mein Leben kommen – wenn ich sie bis dahin nicht schon verlernt habe.“