Verdreckte Klos sind an Berliner Schulen keine Seltenheit.
Foto: Schule in Not

BerlinSchmutzige Böden, verstaubte Klassenzimmer und Toiletten, die so übel riechen, dass die Schüler „stinkefrei“ kriegen: Die hygienischen Zustände sind an vielen Schulen katastrophal.

Für das Neuköllner Bürgerbegehren „Saubere Schulen“ sind nun fast 12.000 Unterschriften zusammengekommen – 5000 mehr als gebraucht. Am 22. Januar sollen die Unterschriften im Rathaus Neukölln an den Bezirk überreicht werden.

In Pankow, Charlottenburg, Kreuzberg, Tempelhof und Steglitz sind genug Unterschriften für Einwohneranträge zusammen, dort werden sich die Bezirksverordnetenversammlungen mit dem Problem beschäftigen. In Reinickendorf und Lichtenberg liegen die Unterschriftslisten noch aus.

Zu wenig Zeit für Reinigungskräfte: In Berliner Schulen sammeln sich Wollmäuse.
Foto: Schule in Not

Hinter der Aktion steckt das Bündnis „Schule in Not“. Pressesprecher Philipp Dehne erklärt, warum so viele Schulen momentan verschmutzt sind – und was seiner Ansicht nach die Lösung ist.

Herr Dehne, bei dem Namen „Schule in Not“ fällt einem in Berlin so einiges ein. Wieso ist ausgerechnet Sauberkeit das Thema Ihrer Initiative?

Wir haben „Schule in Not“ gegründet, um uns allgemein für bessere Lern- und Arbeitsbedingungen an Berliner Schulen einzusetzen. Am Anfang waren wir nur eine kleine Gruppe, und bei der Frage, was wir stemmen können, sind wir schnell auf die Schulreinigung gekommen. Dazu kam, dass es in Neukölln, wo die meisten von uns wohnen oder arbeiten, im Sommer 2018 riesige Probleme mit der Schulreinigung gab. Inzwischen sind wir aber in acht Bezirken aktiv und arbeiten auch an weiteren Themen wie beispielsweise der Inklusion.

Wie schlimm sind die Zustände?

Es gibt Schulen, da sind die Ecken und Ränder von Treppen und Fluren einfach schwarz. In der Mitte wird noch gewischt, für den Rest reicht die Zeit nicht mehr. In vielen Schulen liegen dicke Wollmäuse herum. Für Kinder mit Asthma ist es nicht hilfreich, dass kaum feucht gewischt wird. Viele Lehrkräfte berichten uns, dass sie schon selber Putzmittel gekauft und sauber gemacht haben. Die Turnhallen sind zum Teil so eklig, dass sich auch Vereine über den Dreck beschweren.

Zur Person


Philipp Dehne ist 35 Jahre alt und Pressesprecher von „Schule in Not“. Er unterrichtete sechs Jahre lang in Kreuzberg.

Das Bündnis aus Lehrkräften, Erziehern, Eltern, Sonderpädagogen und Bürgern hat sich Anfang 2019 gegründet und will sich neben Sauberkeit auch für bessere Arbeitsbedingungen für Lehrer, Inklusion und Brennpunktschulen engagieren.


Und was sagen die Eltern?

Eltern erzählen uns, dass Schulen Putztage organisieren, bei denen sie mithelfen sollen. Dass ihre Kinder sich nicht mehr trauen, in der Schule auf Toilette zu gehen und deshalb möglichst wenig trinken, was natürlich weder für die Gesundheit noch für die Konzentration gut ist. In Mitte hat mir erst vor ein paar Tagen ein Vater erzählt, dass es über den ganzen Flur nach Toilette stinkt, wenn er seinen Sohn abholt.

Aber wie kommt das? Die Schulen werden doch eigentlich geputzt.

Das Problem ist aus unserer Sicht, dass Bezirke die Schulreinigung, vor allem in den 80er- und 90er- Jahren, ausgelagert haben. Die Aufträge werden alle paar Jahre an private Firmen gegeben, wobei die billigsten den Zuschlag bekommen. Und die geben dann den Zeitdruck an die Reinigungskräfte weiter.

Haben Sie denn auch das Gespräch mit den Firmen und den Reinigungskräften gesucht?

Natürlich. Reinigungskräfte, die das schon lange machen, berichten uns, dass die Stundenzahlen über die Jahre teilweise um die Hälfte reduziert wurden, bei gleicher Arbeitsfläche. Und auch die Leistungsvorgaben der Bezirke sind zum Teil völlig absurd: Wie soll eine Person in einer Stunde 120 Quadratmeter Sanitärflächen sauber machen, und das in einem Altbau? Die Reinigungskräfte stehen oft vor der Entscheidung: Mache ich die Toiletten sauber oder wische ich die Flure und Klassenräume? Beides schaffe ich nicht.

Ihre Initiative fordert deshalb jetzt die „Rekommunalisierung“ der Schulreinigung. Was bedeutet das genau?

Wir fordern, dass die Reinigungskräfte wie früher wieder fest beim Bezirk angestellt werden, feste Arbeitsplätze an den Schulen haben und ausreichend Zeit bekommen, und das Ganze natürlich zu einer fairen Bezahlung. Die Bezirke sagen, das sei zu teuer, aber wir wissen, dass andere Kommunen in Deutschland wie Freiburg das schon erfolgreich wiedereingeführt haben und nicht bedeutend mehr zahlen. Außerdem sehe ich die öffentliche Hand in der Verantwortung: Kinder haben ein Recht auf eine angenehme Lernumgebung, Lehrkräfte und Erzieherinnen haben ein Recht auf einen sauberen, hygienischen Arbeitsplatz. Aber die Reinigungskräfte haben eben auch ein Recht auf vernünftige Arbeitsbedingungen und eine Bezahlung, von der sie leben können. Grundlegend ist doch die Frage, was uns gute Bildung und gute Arbeit wert sind.