Berlin - Michael Rudolph ist Schulleiter der Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau, die 2005 wegen Unbeliebtheit geschlossen werden sollte. Durch sein Engagement ist sie nun eine der begehrtesten Sekundarschulen im Kiez. Gemeinsam mit der Journalistin Susanne Leinemann hat Rudolph das Buch „Wahnsinn Schule – Was sich dringend ändern muss“ geschrieben, das gerade erschienen ist. Wir treffen uns in seinem großen, mit prächtigen Holzmöbeln und Bücherregalen bestückten Büro.

Berliner Zeitung: Herr Rudolph, was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Michael Rudolph: Oft wurde mir von Eltern nahegelegt, doch mal über meine Arbeit zu schreiben, was ich immer abgelehnt habe. Ich bin kein Schriftsteller, habe ich immer gesagt. Aber 2012 wurde uns von der Schulinspektion gesagt, dass Lesen, Schreiben und Rechnen egal sind. Unsere wirklich guten Schüler-Leistungsdaten wurden damals einfach ignoriert. Stattdessen wurde uns vorgeworfen, dass unser Unterricht nicht individualisiert genug sei. Das war der Wendepunkt für mich.
Sehen Sie, ich bin selbst Arbeiterkind. Keiner meiner Vorfahren hat mehr als acht Klassen besucht und sie alle haben mir gesagt, setz dich hin und streng dich an, damit es dir einmal besser geht als uns. Auf dem Gymnasium habe ich mich durchgebissen und heute bin ich Schulleiter. Und ich glaube, dass man den Kindern der kleinen Leute zum Aufstieg verhelfen kann, wenn man ihnen in der Schule Lebensnotwendiges vermittelt, also Rechnen, Lesen und Schreiben. Und mein Buch handelt davon, dass das nicht egal ist. Es erzählt, was ich in 40 Jahren im Berliner Schulsystem gelernt habe und soll als Anregung dienen, ohne ein „Brandbuch“ zu sein. All das hat Susanne Leinemann in überaus lesbare Form gebracht. Und ich finde, das ist ihr sehr gut gelungen.

Sie möchten mit dem Buch auf die schlechter werdenden Leistungen der Schülerinnen und Schüler aufmerksam machen.

Am Ende zählt doch das Ergebnis: Haben die Schüler in der Schule etwas gelernt? Und wenn Schüler zu uns kommen und ein Drittel nach der sechsten Klasse auf die Frage „Was ist 3 mal 9?“ keine Antwort hat, dann kann das nicht das Ergebnis von Schule sein. So können wir auch nicht dafür sorgen, dass die Kinder mit geringen Ressourcen, einer alleinerziehenden Mutter und vier Geschwistern aufholen können. Hier nehmen viele Leute die Realität einfach nicht zur Kenntnis.
Ein anderes Beispiel ist das Lesen. Wir haben damals an der Hauptschule „Die Weber“ gelesen und „Nathan der Weise“, und zwar durchaus auf eine niveauvolle Art. Das ginge heute gar nicht mehr. Auch das Schreiben fällt den Schülern durch zu wenig Übung zunehmend schwer. Eine DIN-A4-Seite zu füllen, kommt für viele einer unlösbaren Aufgabe gleich, bei jeder Zeile wird die Schrift schwerer zu entziffern.

Foto: Annika Bauer
Zur Person

Michael Rudolph, 1953 in Friedenau geboren, studierte Geschichte auf Lehramt an der damaligen pädagogischen Hochschule Lankwitz. Seit 40 Jahren arbeitet er im Berliner Schulwesen, leitete im Kreuzberg der Achtziger- und Neunzigerjahre verschiedene Brennpunktschulen. Seit 2005 ist er Schulleiter der Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau, die unter seiner Führung von einer Problemschule zur begehrten Bildungseinrichtung geworden ist.

Aber woran liegt das?

Wenn Schüler nach sechs Jahren Schule nicht richtig lesen und schreiben können, liegt es sicherlich nicht daran, dass sie dumm wären. Es wurde ihnen nicht richtig beigebracht! Wenn man schreiben lernen will, muss man schreiben. Man muss sich hinsetzen und üben, bis man es kann. Und genau daran fehlt es, denn häufig müssen die Kinder nur noch Lückentexte ausfüllen. Das Gleiche gilt für das kleine Einmaleins. Für das Erlernen kennen wir genau eine Methode: Man muss sich hinsetzen und üben, bis man es kann. Wenn man das tut, kann man es. Wenn man das nicht tut, belastet es das Kind den gesamten Rest seines Bildungsweges.

Wie sind Sie eigentlich an die Bergius-Schule gekommen?

2005 sollte die Bergius-Schule geschlossen werden, denn sie hatte kaum noch Anmeldungen. Man suchte händeringend nach jemandem, der versucht, sie noch einmal wiederzubeleben. Denn sie ist ja wunderschön, ein faszinierendes Gebäude. Ich dachte mir damals, dass es doch möglich sein muss, dieses schlossartige Gebäude mit Schülern zu füllen. Uns als Kollegium wurden dann genau drei Jahre gegeben – drei Jahre, um etwas zu ändern, sonst wäre die Schule geschlossen worden. Wir mussten also viele Probleme gleichzeitig anpacken: Vor allem die Gewalt an der Schule, aber auch Schwänzen und dauerkranke Lehrer. Innerhalb eines Jahres haben wir aus 38 Anmeldungen 93 gemacht. Und seit elf Jahren haben wir mehr Anmelder als Plätze, als einzige Schule im Bezirk ohne Oberstufe im Haus.

Wie macht man aus einer Problemschule eine Schule mit mehr Anmeldungen als Plätzen?

Der erste Schritt ist die ehrliche Analyse. Sie müssen sich die Realität in der eigenen Schule angucken und sagen: Das sind unsere Probleme. Kurz nach meinem Start als Schulleiter war Tag der offenen Tür. Unsere eigenen Schüler haben sich im Treppenhaus der Schule gegenseitig blutig geschlagen, die Polizei musste kommen. Gewalt war ein ganz großes Problem, aber auch das Schwänzen, viele Schüler hatten über 30 unentschuldigte Fehltage.

Sie schreiben: Wir sollten die Schüler ernst nehmen.

Unser Ziel ist Berufsbefähigung. Wir machen ja nicht Schule, um Schule zu machen, sondern damit die Kinder eine Perspektive haben, ihren Lebensunterhalt verdienen und ein selbstbestimmtes Leben führen können. Das heißt auch, das Fehlverhalten der Schüler zu sehen, mit ihnen zu reden und ihnen hilfreich zur Seite zu stehen.

Fragen Sie deswegen die Kinder so häufig nach ihrem Traumberuf?

Um klarzumachen, welche Konsequenzen ihr Verhalten später haben kann. Wenn ein Junge, der oft zu spät kommt, mit seinen Eltern bei mir im Büro sitzt und sagt, er möchte Fußballer werden, frage ich ihn, was denn passiert, wenn ein Spiel angepfiffen wird und er zu spät kommt. So ist bisher noch fast jedem Schüler klargeworden, dass es so nicht geht. Wenn ein Schüler nach so einem Gespräch wieder zu spät kommt, kommt er eine ganze Woche um 6.30 Uhr und arbeitet.

Ist diese Form des Strafens nicht ein überholtes Konzept?

Nein. Als Erwachsene werden die Schüler auch mit Konsequenzen ihres Verhaltens leben. Und was ist denn so schlimm daran, früh morgens für die Schulgemeinschaft zu arbeiten? Schlimm ist es, wenn ich später im Beruf fristlos gekündigt werde. Das ist dann ein echter Knick im Leben, den ich nicht so leicht wieder geradebiegen kann. Und zum Begriff Strafe möchte ich sagen: Zum Strafen haben wir Gerichte. Wir sind eine Schule und haben dazu gar kein Recht. Wir erziehen!

Finden Sie, dass die Schule mit Erziehungsaufgaben überfrachtet wird?

Ja, die Schule wird mit dem Anspruch überladen, die Probleme unserer Gesellschaft, der Familien der Schüler zu lösen. Das kann Schule nicht leisten, und das sollte auch nicht von ihr erwartet werden. Schule muss machbar bleiben.

Sie schreiben, Anwesenheit sei die Grundlage für Bildung. Was bedeutet dieser Satz für Sie in der Corona-Krise?

Präsenzunterricht ist durch nichts zu ersetzen. Wir sind technisch gut aufgestellt, und trotzdem ist die Technik nur eine Art Krücke. Denn die menschliche Komponente fällt weg, das Lob zum Beispiel. Das brauchen die Kinder häufiger, als es online zu leisten ist. Und die Schüler können sich gegenseitig nicht so gut helfen wie sonst.

Seit über 40 Jahren sind Sie im Schuldienst tätig. Haben sich die Probleme im Schulsystem seit den 80er-Jahren verändert?

Neu ist Personalmangel. Man kann sich Unterricht unter den schwierigsten Bedingungen vorstellen, zur Not in einem Zelt oder unter freiem Himmel. Aber was nie fehlen darf, sind die Lehrer. Ohne sie könnte man nicht einmal im Schloss Bellevue unterrichten. Für Schule braucht man Lehrer, und die Lehrer brauchen das Gefühl, dass ihr Engagement wertgeschätzt wird.

Wo sehen Sie die Berliner Schulen in 20 Jahren?

Ich würde mir wünschen, dass wir es schaffen, alle Schüler so aus der Schule zu entlassen, dass sie ein eigenständiges Leben führen können. Das wäre ein Segen für die nächste Generation. Und: Das ist leistbar! Wir sollten ernsthaft überlegen, ob wir nicht gemeinsam daran arbeiten wollen.


Das Buch

„Wahnsinn Schule – Was sich dringend ändern muss“, erschienen bei Rowohlt Berlin (256 S., 22 Euro).