Berlin - Die Forderungen nach vollem Schulbetrieb in Berlin schon vor den Ferien werden immer lauter. Gerade viele Eltern sind mit dem Wechselunterricht unzufrieden. Der Landesschulbeirat spricht sich dennoch dafür aus, vor den Ferien noch nicht zum Regelbetrieb zurückzukehren. Berlin bleibt mit Rheinland-Pfalz trotz einer Inzidenz unter dem Bundesdurchschnitt dabei, nicht einmal in den Grundschulen vollzähligen Präsenzunterricht zu ermöglichen. Alle anderen Bundesländer handhaben das anders.

Der Landesschulbeirat bezeichnet den Wechselunterricht bis zu den großen Ferien als „schmerzhaften, aber richtigen Mittelweg“ angesichts der Infektionszahlen an Schulen, ungeimpften Lehrkräften und belasteten Eltern. Man müsse diese Zeit unbedingt nutzen, um alles Nötige vorzubereiten für einen sicheren Regelbetrieb ab Tag eins des kommenden Schuljahres. Nach den Ferien müsse man unter Einhaltung der Hygieneregeln zu vollem Präsenzbetrieb zurückkehren. 

Zu den nötigen Vorbereitungen gehören für das Bündnis etwa die Impfung aller Lehrkräfte bis zum 9. August, dem ersten Tag des neuen Schuljahrs. Wichtig seien auch Lernstandserhebungen, die bereits in diesem Schuljahr beginnen und als Basis für individuelle Förderpläne für die Schüler dienen sollen. Erfolgreiche Programme wie die Lernbrücken sollten fortgeführt werden. 

Brandenburgs Grundschulen kehren zum Regelbetrieb zurück

In Brandenburg kehrten am Montag die Grundschulen fast überall zu vollem Präsenzunterricht zurück, nächste Woche folgen laut einer Sprecherin des Bildungsministeriums die weiterführenden Schulen. Die Inzidenz lag in fast allen Teilen des Bundeslandes unter 50, dem Grenzwert für Präsenzunterricht. Auch in Berlin liegt die Inzidenz, nachdem sie erneut leicht gesunken ist, bei nunmehr 32,6.

Für viele Berliner Eltern ist es angesichts dieser Zahlen unverständlich, dass die Kinder und Jugendlichen nur im Wechselmodell zum Unterricht kommen. Schließlich sind sich die Experten einig in der Frage, dass Kinder unter dem Wegfall des Präsenzunterrichts über viele Wochen und Monate der vergangenen beiden Schuljahre sehr gelitten haben. Viele Eltern beklagen, die Politik habe ihre Versprechungen, Kindern bei Öffnungen absolute Priorität einzuräumen, nicht eingelöst.

Schülerinnen und Schüler leiden vor allem unter dem Hin und Her

Auf YouTube hat auch der bekannte Webvideoproduzent und Journalist Mirko Drotschmann in einem seiner seltenen Meinungsvideos beklagt, dass die Politik sich nicht solidarisch verhalte mit den Schülerinnen und Schülern in Deutschland. Sie seien, so Drotschmann, viel zu lange „Spielball“ der Politik in der Pandemie gewesen, ohne verlässliche Öffnungs- und Freiheitsperspektiven. Das Video, veröffentlicht im gemeinsamen Bildungskanal von ARD und des ZDF, hat bereits eine halbe Million Aufrufe und erfährt große Zustimmung.

Die Inzidenz unter Kindern und Jugendlichen ist in Berlin noch immer vergleichsweise hoch. Vergangenen Freitag war aus den Zahlen der Senatsverwaltung zum Infektionsgeschehen in den Schulen eine Inzidenz von 130 zu errechnen, im Bezirk Mitte lag sie über 200. Auch deshalb begrüßen viele Berliner Schulleitungen die volle Rückkehr zum Regelbetrieb erst nach den Ferien. Dann allerdings, das betont der Vorsitzende des Landesschulbeirates Peter Heckel gegenüber der Berliner Zeitung, muss es gesicherten Präsenzunterricht geben: „Wir müssen zum vollumfänglichen Unterricht mit Präsenzpflicht zurückkehren. Die Kinder und Jugendlichen haben körperlich und vor allem psychisch schwer gelitten unter dem Hin und Her des letzten Schuljahres. Das darf sich auf keinen Fall wiederholen.“

Kurz vor Redaktionsschluss erreichte die Berliner Zeitung am Montag die Nachricht, dass den Eilanträgen von zwei Grundschülern am Berliner Verwaltungsgericht stattgegeben wurde. Das Urteil könnte wegweisend sein für den Unterricht in der Zeit vor den Sommerferien. "Wir nehmen das Gerichtsurteil sehr ernst und prüfen, was darauf abgeleitet werden muss," teilt ein Sprecher der Bildungsverwaltung mit.  Denkbar ist, dass das Gerichtsurteil doch noch zu einer Neujustierung führt und dazu, dass die Berliner Schüler bald wieder jeden Tag zur Schule gehen.