Ziemlich engagiert und lässig: Max Maendler, Gründer von lehrermarktplatz.de und Initiator des #wirfürschule-Hackathons.
Foto: Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

BerlinWir treffen uns im stillen Innenhof der Bötzow-Brauerei an der Prenzlauer Allee. Ein Tisch mit zwei Stühlen, blühender Lavendel, ein paar Start-up-Mitarbeiter, die auf- und abgehen und charismatisch in ihre Handys sprechen. Auch Max Maendler, 45, ist ein Bewohner der Start-up-Welt, 2016 hat er lehrermarktplatz.de gegründet und vor wenigen Wochen mit Verena Pausder den #wirfürschule-Hackathon ins Leben gerufen.

Berliner Zeitung: Herr Maendler, wie entstand die Idee für den Hackathon?

Max Maendler: Verena Pausder und ich saßen Anfang Mai hier zusammen, sprachen über den Stress des Homeschooling und das nostalgische Gefühl vieler Eltern: Wie schön es doch vor Corona war! Und ach, lasst uns doch zurückkehren zur guten alten Schule! Und dann haben wir mit dem Kopf geschüttelt, nein, wir dürfen diese Krise jetzt nicht ungenutzt an uns vorbeiziehen lassen. Denn es gibt Gutes an der alten Schule, aber doch auch sehr viel, was fehlt für die Schule von morgen! Wir beide waren inspiriert von dem #wirvsvirus-Hackathon der Bundesregierung, dem größten Hackathon aller Zeiten. Und dann haben wir innerhalb von vier Wochen unseren eigenen Hackathon initiiert.

Und damit einen Nerv getroffen!

Über 6000 Lehrer, Eltern, Schüler, Schulleiter aus ganz Deutschland sind zusammengekommen, um fünf Tage lang gemeinsam über die Schule der Zukunft nachzudenken. Am Ende wurden 216 Lösungen eingereicht. Eine Jury hat 15 ausgewählt, die jetzt besonders gefördert werden. 

Die Schirmherrinnen sind einander fast auf die Füße getreten – Anja Karliczek, Dorothee Bär und Stefanie Hubig.

Diese Namen sorgen für Gravitas, außerdem bekommen wir finanzielle Unterstützung für die ausgewählten Gewinnerprojekte. Alle 15 gehen jetzt gerade in den „solution enabler“ von ProjectTogether (PT) und bekommen dort Betreuung, damit aus den Ideen und Prototypen umsetzbare Lösungen werden. Diejenigen, die zum Schulstart am 1. September schon ready sind, werden dann vom BMBF groß als Zukunftsinitiative verkündet.

Wie lief der Hackathon genau ab? Ich kann mir das noch nicht richtig vorstellen …

Der Hackathon ging vom 8. bis zum 12. Juni. Am ersten Tag haben sich über Slack die Teams zusammengefunden und dann an verschiedenen Challenges gearbeitet – zu Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, nach Zukunftskompetenzen, Schulentwicklung, fächerübergreifendem Lernen, Feedback und Lernerfolg, technischer Ausstattung und Weiterbildung von Lehrern.

Ähem ... was ist eigentlich ein Hackathon?

Eine Wortschöpfung aus „Hack“ und „Marathon“. Eine kollaborative Veranstaltung mit dem Ziel, gemeinsam Softwareprodukte herzustellen – oder kreative Lösungen für gegebene Probleme zu finden. Wichtig ist, dass in den Teams Menschen zusammenkommen, die aus verschiedenen Perspektiven auf die Probleme schauen. Ab Mitte der 2000er-Jahre wurden Hackathons in den USA als Methode erkannt, um schnell neue Ideen in Software umzusetzen oder noch unklare Produktideen durch die entstehenden Prototypen zu verfeinern. 

Täglich wurden an die 22.000 Slack-Nachrichten geschrieben. War das nicht schrecklich chaotisch?

Nur am ersten Tag. Es war erstaunlich, wie gut sich die Teams dann selbst organisiert haben. Es gab auch 250 Freiwillige, die bei technischen Fragen unterstützt haben, plus 1000 Coaches und externe Experten. Manche Teilnehmer haben nur drei Stunden pro Tag mitgearbeitet, manche die ganze Woche …

Nach welchen Kriterien wurden die Gewinnerprojekte ausgewählt?

Es gab fünf Kriterien: gesellschaftliche Relevanz, Innovationsgrad, Fortschritt während des Hackathons, Skalierbarkeit und Umsetzbarkeit.

Welche Projekte haben Sie vom Hocker gerissen?

In Data We Trust?“ vermittelt Schülern spielerisch Kompetenzen in den Bereichen Big Data und KI. Chatbot „Botty“ kombiniert smarte Technologie und einen innovativen psychologischen Ansatz, um Kindern in Notsituationen zu helfen. „Roots2Fly“ nimmt eine flächendeckende IT-Infrastrukturlösung an Schulen in den Blick. Auf der Plattform „Die Schulentwickler“ können alle E-Learning-Apps und Tools kommentiert, bewertet und geranked werden. Und die Initiative „Frei Day“ schlägt vor, dass Schüler sich einen freien Tag pro Woche für selbstbestimmte Projekte erkämpfen.

Was hat Sie bei dieser Großveranstaltung am meisten begeistert?

Die Energie, dieses „Wow, jetzt geht’s los!“-Gefühl. Wenn ich an die Sendung „Hart aber fair“ denke, die am 25. Mai ausgestrahlt wurde … da wurde fast nur Lehrer-Bashing betrieben. Ich kann das nicht mehr hören. Das ist genau dieses fingerzeigende Gegeneinander, das wir nicht mehr gebrauchen können! Vielleicht war es heilsam für Eltern, dass sie beim Homeschooling realisiert haben, wie anspruchsvoll es sein kann, den eigenen Kindern etwas beizubringen! Das hat die Stimmung im Land so verändert, dass auf einmal über 6000 Schüler, Eltern und Lehrer am gleichen Strang gezogen haben.

So viel Energie! Der #wirfürschule-Hackathon in Zahlen:

6.142 Anmeldungen, 5 Tage, 9 Themenfelder, 216 Lösungen, 15 Gewinner, 302 Slack-Channels, 22.000 Slack-Nachrichten pro Tag. 250 Freiwillige, 1000 Coachs und externe Experten. Die jüngste Jury-Teilnehmerin war 11 Jahre alt.

War der Hackathon der Anfang einer neuen Bewegung?

Wir hoffen natürlich, dass die Energie nicht gleich wieder verpufft. Deshalb wollen die Initiative verstetigen und in eine gemeinnützige Organisation verwandeln. Es soll jedes Jahr einen Hackathon geben, und kurz vor den Sommerferien ist ein guter Moment, um innezuhalten und sich zu fragen: Was haben wir in den letzten zwölf Monaten erreicht auf unserem Weg zur Schule der Digitalität?

Geht es denn nur um die digitale Schule?

Nein, es geht um Schule im digitalen Zeitalter – und da ist die Ausstattung mit der nötigen Hardware noch das geringste Problem. Größer ist dies: Wie können junge Leute sich aufstellen in einer Welt schnellen Wandels? Und aus welchen Lernerfahrungen schöpfen sie ihre Identität?

Eigentlich erstaunlich, wie wenig das „Produkt Schule“ bisher verschont wurde von der Transformation, die andere Bereiche längst durchlaufen haben!

Ja, aber ganz wichtig: Der Unterricht selbst wird nicht digital, sondern nur durch digitale Tools unterstützt. Wenn du ins Restaurant gehst, erwartest du ja auch kein digitales Essen. Aber du kannst das Restaurant im Internet finden, online einen Tisch reservieren. Das Management macht seine Bestellungen inzwischen online, plant die Schichten seiner Mitarbeiter im Netz.

Ihr Start-up versucht, Lehrkräfte bei ihrer Unterrichtsvorbereitung unterstützen – und zwar wie?

Mit lehrermarktplatz.de haben wir eine Plattform geschaffen, auf der Lehrerinnen und Lehrer ihre Unterrichtsmaterialien teilen können. Entweder kostenlos oder gegen Geld. Wie viel Zeit und Herzblut wird oft in diese Materialien investiert! Und dann wäre es ja jammerschade, sie in einer Schublade oder auf einer privaten Festplatte versauern zu lassen.

Auch hat die Plattform eine Community-Funktion, es gibt Blogs, einen Podcast mit Erzählungen aus dem Lehreralltag.

Wir wollen zum Austausch und zur Vernetzung anregen. Und ich glaube, dass es für unsere Nutzer toll ist, Wertschätzung zu erfahren – in Form von Followern und Downloads. Lehrerinnen und Lehrer machen einen wichtigen und anstrengenden Job, aber werden sie auch mal gelobt? Von den Schülern manchmal, von den Eltern eigentlich nie, und das deutsche Schulsystem bietet auch keine Anreize, seine Sache besonders gut zu machen.

Schreibt Ihr Start-up schon schwarze Zahlen?

Es ist nicht leicht, einen Marktplatz zu bauen – weil man ein Angebot braucht und eine Nachfrage, die sich gegenseitig hochschaukeln. Seit Anfang des Jahres können wir unsere 40 Mitarbeiter aus eigener Kraft finanzieren, wir haben 400.000 Nutzer und wachsen jedes Jahr um 300 bis 500 Prozent.

Wie war Ihr Weg?

Ich habe europäische Politik studiert in London und Paris. Danach wollte ich Schriftsteller werden und bin für ein Jahr nach Lissabon gefahren, habe mir dort einen romantischen Ort gesucht und bin grandios gescheitert. Denn ich habe zwar viele Worte geschrieben, aber leider keinen Roman. Also dachte ich, dann werde ich lieber Unternehmer, denn scheitern kann ich und das tut mir gar nicht so weh! Mein erstes Start-up war Regis24, eine Auskunftei, die Firmen geholfen hat, die Bonität ihrer Kunden zu prüfen. Diese Firma habe ich zehn Jahre erfolgreich geführt und wollte danach etwas machen, das mehr gesellschaftlichen Impact hat.

Wie sind Sie dann auf den Bildungsbereich verfallen?

Ich komme aus einer Lehrerfamilie. Meine Mum war Realschullehrerin in Karlsruhe, mein Vater hat an der Uni Architektur unterrichtet. Außerdem bin ich Vater von drei Kindern im Alter von 9, 8 und 5 Jahren, und da hat sich das Bildungsthema sozusagen aufgedrängt.

Waren es nur biografische Gründe?

Nein, auch ganz rationale. Ich habe mir damals drei Bereiche angeschaut: Gesundheit, Umwelttechnologie und Bildung – und fand den Bildungsbereich dann am attraktivsten: super groß, super reguliert, super rückständig … perfekt, um etwas zu verbessern! (Lachend) Man braucht ja Probleme, wenn man Unternehmen gründen will.

(Lachend) Super rückständig?!

Wir geben ja 100 Milliarden aus für das Schulwesen in Deutschland. Kein kleiner Markt, und das Produkt ist unteres Mittelmaß. Auch im internationalen Vergleich. Und dass wir in den Rankings nicht noch weiter abrutschen, liegt daran, dass die Eltern sich engagieren und wir in Deutschland wirtschaftlich gut dastehen. Aber haben wir pädagogisch die Nase vorn? Nein, Japan ist weiter, Südkorea, auch China. Viele sagen: China ist eine Diktatur und das ganze Bildungssystem ist schlecht. Aber sorry, das ist es nicht. Man muss sich nur mal anschauen, wie schnell die in der Corona-Zeit auf eine Ed-Tech-Plattform für alle Schulen umgestiegen sind! Keine vier Wochen hat das gedauert. Und dann denke ich mir: Wenn Bildung unser Rohstoff ist, dann good luck, Deutschland! Denn, wenn wir weiter unser schnarchnasiges System Schule von vor einem halben Jahrhundert praktizieren, dann sind wir in zehn Jahren endgültig abgehängt.

Apropos Ed-Tech-Plattform für alle Schulen. Das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam entwickelt eine Schul-Cloud, die vom Bundesbildungsministerium gefördert wird. Was halten Sie davon?

Eine fragwürdige Investition ... und der Versuch, eine eierlegende Wollmilchsau zu züchten, ein Produkt, das all das auf einmal können will, was einzelne Produkte privater Firmen jetzt schon leisten. Mir tun die Programmierer ein bisschen leid – so zerrissen zwischen den Anforderungen. Denn was ist das jetzt, dieses Ungetüm von einer Schul-Cloud? Eine Lernmanagement-Software, eine Hosting-Cloud für Dritte, ein Material-Marktplatz, ein Kommunikationstool, ein Single Sign-on für die Bildungswelt?

Kritisieren Sie das Vorgehen des Staates hier als planwirtschaftlich?

Genau. Der Staat lässt etwas bauen und erst Jahre später wird geschaut, wie eine sehr überschaubare Anzahl von Nutzern darauf reagiert. Statt iterativ zu arbeiten wie wir kleinen Start-ups, in wöchentlichem Kontakt mit Zigtausenden von Nutzern – bauen, testen, lernen, was geht und was nicht.

Sollte sich der Staat lieber nicht einmischen?

Doch, der  Staat soll sich einmischen, aber anders. Er soll klare Ziele vorgeben, strenge Datenschutzstandards für ED-Tech-Plattformen, ein modernes Curriculum. Aber dann soll er es der Privatwirtschaft überlassen, den besten Weg zur Erreichung dieser Ziele zu finden.

Die HPI-Schul-Cloud soll datenschutzkonform sein und den Schulen kostenlos zur Verfügung stehen. Das wird sie von den Produkten privater Anbieter unterscheiden.

Ja, aber ist es richtig zu sagen, dass sie kostenlos sein wird, wenn da Abermillionen an Steuergeldern hineinfließen? Make oder buy? Das ist die alte Frage. Auch stimmt es nicht, dass private Anbieter per se weniger datenschutzkonform sind.

Brauchen die Schulen mehr Autonomie?

Auf jeden Fall. Wir haben zu viel Verantwortung in einem Zwischen-Layer: Bei den Schulträgern, die auf Gemeinde- und Landesebene agieren und fast alle Entscheidungen treffen. Während der Bund und die Schulen selbst nur sehr wenig entscheiden können. Ich würde wünschen, dass die Verantwortung besser verteilt wird! Unsere Schulen brauchen mehr Umsetzungsfreiheit. Und weniger sinnlose Widerstände. Wie schwer es ist, in Deutschland eine private Schule zu gründen! So schwer wie in keinem anderen OECD-Land! Deshalb haben wir auch mit 11 Prozent den niedrigsten Prozentsatz an Privatschulen. 

Brauchen wir mehr Gemeinsamkeit in der Vielfalt? 

Ja, Lehrer, Eltern und Schüler, Bildungspolitiker, Experten und Unternehmer – wir alle sollten uns  zusammentun, um die Curricula an deutschen Schulen zu modernisieren und mehr Visionen für soziale Gerechtigkeit zu entwickeln!

Das Gespräch führte Eva Corino.