Berufstätigkeit und Familienmanagement in den eigenen vier Wänden: Sabine Rennefanz, die Autorin.
Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz

BerlinVergangene Woche habe ich viel über das Homeoffice zweier erwerbstätiger Eltern bei gleichzeitiger Kinderbetreuung geredet und Diskussionen im Netz unter #CoronaEltern verfolgt. Eigentlich ging es nicht darum, wie der neue Alltag ist (anstrengend), sondern darum, ob man sich darüber beschweren darf.

Es gab Solidarität und Verständnis, vor allem von Müttern in ähnlichen Situationen. Es gab aber auch andere Reaktionen: „Meine Oma hat nach dem Krieg sechs Kinder großgezogen, den Bauernhof geschmissen und sich nie beschwert.“ Eine andere ging so: „Ich habe zu DDR-Zeiten allein drei Kinder groß gezogen, rund um die Uhr in der Fabrik gearbeitet, mich in der Partei und beim DFD engagiert und abends noch an der Kaufhalle angestanden. So ein bisschen Coronaferien sind doch lachhaft.“ Oder, eine meiner Lieblingsreaktionen, die eher von Jüngeren kommt, schon vor Corona: „Luxusprobleme!“ Ein Wort wie eine Trennwand.

Man kann die Welt eigentlich in zwei Typen von Menschen einteilen, diejenigen, die das Wort „Luxusprobleme“ dauernd auf den Lippen führen und jedes Gespräch danach kategorisieren, und solchen, die es nicht benutzen. „Luxusprobleme“ ist die feine, reflektiert klingende Version von: „Was interessiert mich dein Scheiß.“
Vielleicht ist das ja auch berechtigt. Vielleicht darf man sich als verheiratete, festangestellte Mittelschichtsmutter nicht beschweren, weil die Krise und ihre sozialen Begleiterscheinungen doch andere womöglich viel härter trifft. Aber was ist hart? Und wer definiert das? Gibt es da eine allgemeingültige TÜV-Norm? Ist ein Nervenzusammenbruch hart genug, sollte es lieber eine Scheidung sein? Selbstmord?

Mir scheint, als sei die Fähigkeit, andere Stimmen und Erfahrungen anzuhören und ohne Bewertung stehen zu lassen, immer geringer ausgeprägt. Als ich vor einer Woche einer Kollegin klagte, dass ich nicht mehr könne, dass ich schon morgens auf dem Balkon schreien wolle und dass es mich frustriere, dass Familien mit kleinen Kindern im Lockdown in den Überlegungen der Politik gar nicht vorkommen, sagte sie: „Denk doch mal an die vielen Alleinerziehenden, die Krankenschwestern, die ihre Kinder in die Notbetreuung geben müssen, oder an die Familien mit zehn Kindern, die jetzt zusammengepfercht in einer Wohnung sitzen.“ Sie hatte natürlich recht. Und ich kam mir sofort egoistisch und selbstsüchtig vor. Wie kam ich dazu, mich zu beschweren?

Es ist so ein Muster, in das man bei Gesprächen ganz leicht reinrutscht. Ich nenne es Gefühlskonkurrenz. Gefühlskonkurrenz ist ein Phänomen unserer Zeit, einer Zeit, in der der größte Held derjenige ist, der die größten Opfer bringt.
Wer leidet mehr? Wessen Gefühle sind mehr wert? Wessen Erfahrungen dürfen gehört werden? Woher kommt das, warum muss man Homeoffice-Mütter gegen Krankenschwestern aufwiegen, gegeneinander ausspielen? Warum können nicht beide Erfahrungen nebeneinander stehen?

Eigentlich ist es eine Methode, bei der es um Macht geht, um Deutungshoheit, Einfluss und um Vorrechte. Und während noch gestritten wird, ob Mütter auf hohem Niveau jammern, werden Autohäuser geöffnet, Autobauer mit Subventionen belohnt, und Profi-Fußballer dürfen wieder spielen. Schon klar, wessen Gefühle zählen.