Echte Gespräche kann man auch am Telefon führen. 
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BerlinNach sechs Wochen scheint das Leben bei mir im Homeoffice und das da draußen irgendwie auseinanderzulaufen. Ich sehe im Fernsehen in diesen Tagen Reportagen aus meiner Stadt, die ich mit meinem Lebensgefühl einfach nicht in Einklang bringe.

Unter strahlend blauem Himmel sitzen junge Menschen am Landwehrkanal, dicht an dicht, trinken Bier und genießen ihren Feierabend. Manche von ihnen geben dem Fernsehreporter ein Interview und versichern treuherzig, dass man nur mit einem Freund unterwegs sei und natürlich aufpasse. Abstand und so. Klar, Ehrensache. Wenig später sieht man sie im Hintergrund zu zehnt Arm in Arm weiterziehen. Eindeutiger Fall von Autosuggestion.

Oder habe ich was Entscheidendes verpasst? Ist die Pandemie schon zu Ende, ohne dass mir einer Bescheid gesagt hat? Verstehen sie mich nicht falsch: Ich kann gut verstehen, dass nach den Wintermonaten und bei diesem schönen Frühlingswetter viele jetzt nicht mehr im Haus bleiben wollen. Ob es aber auch klug ist?

Allerdings waren auch bei uns zuhause die vergangenen Tage geprägt von Debatten über das Rausgehen: Am Montag  beginnt für unseren Zehntklässler die Schule wieder. Wenn alles klappt mit der umfangreichen Hygiene, die ihr auferlegt ist, soll die Klasse in vier verschiedenen Gruppen und in ebenso vielen Fächern unterrichtet werden. Im Radio habe ich kürzlich einen Psychologen gehört, der erklärte, wie man mit den Schülerinnen und Schülern nach den Wochen der Isolation umgehen sollte. Erst mal ankommen lassen, ein bisschen reden, vielleicht hat es zuhause ja auch einen Coronafall gegeben? Unsere Schule ist offenbar der Meinung, dass Alltag die beste Medizin ist: Für Dienstag ist die erste Klassenarbeit angekündigt. Das Leben ist kein Ponyhof.

Vielleicht brauche ich ja auch eine Rosskur in dieser Hinsicht. Ich hatte mir für diese Woche eigentlich vorgenommen, mal wieder ein paar Außer-Haus-Termine wahrzunehmen. Aber nun zeigt sich: Wenn man sich zum Telefonieren verabredet, schafft man einfach mehr Termine. Kein Updressing, keine Anfahrtswege. Nicht zu vergessen: es bleibt mehr Zeit für das eigentliche Gespräch.

Ich meine das wörtlich: Gespräch. Die Wochen im Homeoffice gehen offenbar auch an vielen Pressesprechern nicht spurlos vorbei. Wo man früher im sachlichen Dialog höflich aber distanziert Frage und Antwort ausgetauscht hat, entwickelt sich immer öfter ein tiefgründigerer Gedankenaustausch. Die Behördensprecher erklären auf einmal freiwillig viel mehr Zusammenhänge. Da wird aus einem hingeworfenen Scherz über die eigene Arbeitssituation ein fast schon privates Gespräch. Man lernt: Auch die Mitarbeiter der Bundesregierung haben Kinder, die sich streiten. Eine muss mal kurz aufstehen, um die Spaghetti-Soße umzurühren. Lassen Sie sich Zeit, sage ich, ich muss heute nirgendwo mehr hin.