Nichts ist gemütlicher und förderlicher als das: Gemeinsam in eine Geschichte einzutauchen. 
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Wenn von Leseförderung gesprochen wird, schlägt Kirsten Boie vor, besser „Lebensförderung“ zu sagen. Denn sie findet nicht einfach, dass Lesen schön sei, sie nennt es eine Schlüsselqualifikation, um sich zurechtzufinden, in einem Beruf oder im Tagwerk vom Kochrezept bis zum Kleingedruckten im Rentenantrag. Auch in Zeiten der Digitalisierung.

Sie nehme das Lesen zu wichtig, bekomme sie jedoch gelegentlich zu hören, wie sie in ihrem Buch „Das Lesen und ich“ erzählt. Nun, sie ist Schriftstellerin von Beruf, ohne Leser wären der kleine Ritter Trenk, die Kinder vom Möwenweg, die Bewohner Skoglands und viele weitere von ihr erfundene Gestalten arm dran.

Der Vorwurf, das Lesen zu wichtig zu nehmen, richtet sich auf ihren Einsatz für eine gezielte Bildungspolitik. Vor 13 Jahren begründete sie das Projekt „Buchstart“ mit, das Eltern beim Kinderarzt mit Büchern versorgte. Alarmiert von der Iglu-Studie, nach der fast ein Fünftel der Zehnjährigen hierzulande nicht so lesen kann, dass die Texte verstanden werden, trug Boie im Herbst 2018 ihre Initiative „Jedes Kind muss lesen lernen“ als Unterschriftensammlung zur Bundesministerin für Bildung und Forschung.

Anja Karliczek nahm sie freundlich entgegen, doch fand sie leider nicht die Kraft, eine große Kampagne zu starten. Oder hatte sie nicht genug Interesse? Im neuen Buch schreibt Boie: „Wir dürfen die Schulen nicht länger allein lassen mit dieser Aufgabe, wir müssen sehr viel früher anfangen, bei den Eltern, in der Kita.“

Es klingt wie eine Antwort, wenn die Lektorin und Übersetzerin Alexandra Rak sagt, bevor sich Eltern darüber beklagen, dass Kinder heute schwerer für Bücher zu begeistern seien, sollten sie zunächst ihr eigenes Verhalten überprüfen: „Wie schnell reagiere ich, wenn das Handy eine Nachricht anklingelt? Wie deutlich zeige ich dagegen meinen Kindern, wie wichtig mir meine Lesezeit ist?“ Sie rät, Bücher in der Wohnung oder der Handtasche sichtbar anwesend zu haben. „Und dann muss das Lesezeichen darin auch wandern. Das Buch allein lebt ja nicht.“

Wir haben uns zum Telefonat verabredet gemeinsam mit Ralf Schweikart, die beiden gehören zu den sechs Autoren des Buchs „Wie Kinder Bücher lesen“, das gerade erschienen ist. Rak und Schweikart teilen sich nicht nur das Büro und viele Interessen – er ist Vorsitzender des Arbeitskreises für Jugendliteratur in Deutschland. Sie leben zusammen und haben zwei Söhne im Alter von 16 und 19 Jahren. Ihr Buch richtet sich an Eltern, Lehrer, Buchhändler, ja auch an Tanten und Lesepaten, an Kindergärtner und Nachbarinnen. Denn die Frage, welches Buch wann für wen am besten passt, zieht sich in vielen Varianten durch den Band.

Warum zitieren die Autoren zwar wie Kirsten Boie die Iglu-Studie, wenden sich aber nicht an die Politik? Alexandra Rak sagt: „Politiker denken meist in Wahlperioden, wollen kurzfristig etwas vorweisen. Uns geht es nicht um schnelle Entscheidungen, sondern um ein Umdenken.“

Durch die Schule setzte sich leider bei vielen Kindern der Eindruck des „Lesen-Müssens“ fest, sagte Schweikart, was nicht allein an der Auswahl der Texte liege, sondern einfach am Umfeld. Die Schule sei eben der Bereich, in dem man Aufgaben erteilt bekomme. Rak ergänzt, dass Lehrer, die ihre Klassen aus einer Auswahl abstimmen lassen, welches Buch als nächstes gelesen wird, oft mit mehr Begeisterung rechnen können.

In „Wie Kinder Bücher lesen“ zitieren die Autoren die KIM-Studie (Kindheit, Internet, Medien) von 2018, der zufolge Kinder und Jugendliche zwar vor allem mit digitalen Medien beschäftigt sind, aber 51 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen immer noch ein- oder mehrmals in der Woche in Büchern lesen.

Die  Vorbild- und Unterstützungsfunktion der Familie gilt von Beginn an. Autorinnen wie Kirsten Boie oder Cornelia Funke schwören auf das regelmäßige Vorlesen als Einstieg in das Selberlesen. Über den Sprung dahin heißt es im Buch: „Wer zu Hause über einen Nichtleser seufzt, muss sich mit der unangenehmen Wahrheit auseinandersetzen: Lesenlernen ist ein Kraftakt.“ Die Autoren ermuntern den Kindern nahestehende Menschen, das Üben nicht allein der Schule zu überlassen, kleinste Erfolge zu feiern und über das Gelesene zu reden. Um die Lesefertigkeit zu trainieren, seien übrigens die noch oft geschmähten Comics gut geeignet – schon, weil sie sich schlecht vorlesen lassen.

„Wie Kinder Bücher lesen“ ist das dritte Werk dieses Autorenkollektivs, das sich „Senter Kreis“ nennt. Der Name geht auf den Ort ihres ersten Treffens zurück, Sent in der Schweiz, wo Nicola Bardolo aus der Gruppe wohnt. Kennengelernt haben sie sich 2004 auf der Internationalen Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna.

Man sieht dem Band „Wie Kinder Bücher lesen“ an, dass möglichst viele Menschen angesprochen werden sollen – Eltern, die um Rat suchen genauso wie Forscher, die den aktuellen Stand der Debatte kennen. Die Autoren geben den Eindruck von Buchhändlerinnen wieder, „coole“ Titel und Cover würden bevorzugt: „Aber natürlich variiert die Definition von ,cool‘ von Kind zu Kind“. Sie wägen Vor- und Nachteile von Buchserien ab, erörtern die Tücken von Altersempfehlungen, richten den Blick auf wegweisende Listen und Jurys. Zum Beispiel „Die besten 7“ vom Deutschlandfunk, „Der Luchs“, aber auch „Lesekompass“ und „Deutscher Jugendliteraturpreis“.

Dass die Leselust der Kinder noch nicht erloschen ist, dafür gibt es beeindruckende Beispiele. Zum Beispiel die Reihe „Gregs Tagebuch“ von Jeff Kinney, die sich in mehr als 200 Millionen Exemplaren verkauft hat und in 56 Sprachen übersetzt wurde. Die Reihe ist ideal für Einsteiger: Text und Bild wechseln sich ab, sodass noch ungeübte Leser häufige Pausen haben.

Er halte die Berücksichtigung der Interessen der Kinder für immens wichtig, sagt Kinney im Interview. „Viele Eltern wollen ihren Kindern Bücher verbieten, die ihre Kinder aber gerne lesen möchten.“ Auch lobt Kinney das sogenannte Deep Reading, das in den USA seit kurzem sogar als Schulfach existiert.

Mit Deep Reading ist das tiefe Eintauchen in eine Geschichte gemeint, „das ganz andere Hirnareale erreicht als das nur oberflächliche Lesen; es ermöglicht uns, dass wir uns in die Figuren hineinversetzen, mit ihnen leiden, lachen, mitempfinden, wodurch Texte sehr intensiv durchlebt werden“. Wer bis zu dieser Stufe kommt, hat mehr vom Lesen.

Wichtige Erkenntnisse der Stavanger-Erklärung

Das Lesen auf Papier ist dem Lesen auf dem Bildschirm überlegen, wenn es um ein tieferes Textverständnis geht. Auch gilt Papier als der beste Träger für das Lesen langer informativer Texte. Dieses sei zentral für die Konzentrationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen, für den Aufbau ihres Wortschatzes und ihres Gedächtnisses. Da das Bildschirmlesen weiter zunehmen wird, müssen dringend Möglichkeit gefunden werden, das tiefe Lesen langer Texte in Bildschirmumgebungen zu ermutigen. Es ist gefährlich, wenn das Scrollen und Überfliegen die vorherrschende Leseform wird.  

Vielen Kindern und Erwachsenen fällt es leichter, die Stufe des Deep Reading mit einem gedruckten Buch zu erreichen als mit einem E-Reader. Denn die Technik-Erfahrung verknüpft sich oft mit Ablenkung – gerade für Kinder. Der Senter Kreis beruft sich dabei auf die „Stavanger-Erklärung zur Zukunft des Lesens“, die 2018 von 130 internationalen Wissenschaftlern unterzeichnet wurde. Sie warnen vor einer Verzögerung „in der Entwicklung des kindlichen Leseverständnisses und der Entwicklung des kritischen Denkens“, wenn das Digitale das Gedruckte mehr und mehr ersetzt.

Ob man es nun Leseglück nennt oder wie Schweikart „Genusslesen“: Wer das tiefe Leseerlebnis im Stress des Alltags verloren hat, sollte darum ringen, es sich zurückzuerobern. Wer es erlebt, sollte ruhig zu Hause davon erzählen. „Lesen sollte nicht eine Flucht, sondern ein Heimkommen sein“, davon sind die sechs Buchautoren überzeugt.

Dazu passt, wie Kirsten Boie in ihrem Band „Das Lesen und ich“ von ihrer Angst vor der mündlichen Abiturprüfung erzählt. Als sie damals nicht schlafen konnte, habe sie noch einmal zu Astrid Lindgrens „Bullerbü“-Büchern gegriffen. Nach dem Lesen ging es ihr besser. „Dabei hatte ich zu diesem Zeitpunkt seit Jahren Romane der Weltliteratur verschlungen, Faulkner und Steinbeck und Camus und Grass. Aber in Zeiten von Angst, Traurigkeit oder Verzweiflung hilft uns manchmal der Rückgriff auf die Kindheit“, schreibt sie. So können die Freundschaften, die man in frühen Lesejahren knüpft, fürs Leben bleiben.


Senter Kreis: „Wie Kinder Bücher lesen. Mehr als ein Wegweiser“. Carlsen, Hamburg 2020. 208 S., 15 Euro

Kirsten Boie: „Das Lesen und ich“.
Oetinger, Hamburg 2020. 96 S., 9 Euro