Berlin - Zum Anfang des Schuljahrs haben die Berliner Schulen mit vier großen Herausforderungen zu kämpfen. Sie müssen ein intensives Testregime durchsetzen, die Lernstände ihrer Schüler erheben und sich überlegen, wie sie das Geld aus dem Corona-Aufholprogramm möglichst sinnvoll einsetzen. Außerdem haben viele Schulen mit den Auswirkungen des dramatischen Lehrermangels zu kämpfen – und mit einer hohen Fluktuation in ihren Kollegien. Der Schulleiter der Vincent-van-Gogh Oberschule in Hohenschönhausen sagte der Berliner Zeitung: „Wir haben 16 neue Lehrkräfte in unser Kollegium aufgenommen, darunter auch zahlreiche Quereinsteiger.“

Zwar hat sich das Testen an Berliner Schulen gut eingespielt – doch macht es im Alltag sehr wohl einen Unterschied, ob nun zwei oder drei Mal getestet wird. Am Ernst-Abbe-Gymnasium wird sogar noch häufiger getestet, weil unter den Schülern viele Reiserückkehrer aus Südeuropa sind. „Deswegen testen wir vier Tage am Stück und haben nach zwei Durchgängen auch schon sechs positive Tests zu vermelden,“ sagt der Schulleiter Tilmann Kötterheinrich-Wedekind.

Für die Lernstandserhebungen hat die Bildungsverwaltung den Schulen zahlreiche, altersangemessene Testverfahren zur Verfügung gestellt: Dazu gehören bewährte Formate wie Vera, LauBE, IleA plus. Diese Erhebungen sorgfältig durchzuführen, ist aber für jede Schule ein organisatorischer Kraftakt – zumal sich etliche Schulleiter nicht nur auf die Aussagekraft der Tests verlassen wollen, sondern ihre Lehrkräfte auch um eine individuelle Einschätzung bitten.

Die Bildungsverwaltung hat vorgeschrieben, dass im Schuljahr 2021 die Lehrerinnen und Lehrer jeweils zwei Feedback-Gespräche mit ihren Schülern (und deren Eltern) führen sollen. Am Ernst-Abbe-Gymnasium wird das erste dieser Gespräche noch vor den Herbstferien stattfinden. Und erst danach werden die „Stark-trotz-Corona-Förderkurse“ aufgesetzt.

Zwei Milliarden investiert das Bundesbildungsministerium in das Corona-Aufholprogramm – das klingt viel, ist aber deutlich weniger als Länder wie die Niederlande und die USA in vergleichbare Programme investieren. Berlin bekommt insgesamt 68 Millionen aus den Bundesmitteln, der kleinere Teil fließt in die Persönlichkeitsförderung und die Kompensation von psychosozialen Defiziten, der größere in Nachhilfe und die Arbeit an sprachlichen und mathematischen Basiskompetenzen.

Knapp 30 Millionen bekommen die Schulen für ihr eigenes Budget – und haben dann die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie sie das Geld verwenden, mit welchen Nachhilfeschulen und Mentoren sie beispielsweise zusammenarbeiten. In einem Land wie Deutschland, das in Bildungsfragen ziemlich obrigkeitsstaatlich organisiert ist, erscheint dieser Autonomieschub als positive Entwicklung.