Lehrer im Unterricht
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BerlinEs gab Zeiten, und wir können alle froh sein, dass es uns erspart geblieben ist, da dachte ich im Studium: Es wäre eine gute Idee, Lehrer zu werden! Ich wäre ein wirklich schlechter Lehrer geworden. Ich hätte Schüler, die ich mag, bevorzugt, ich wäre genervt gewesen von meinen Kollegen, ich hätte wahrscheinlich oft krank gefeiert, weil nicht alle meine Schüler Peter Handke genauso verehren wie ich selbst … na ja, lassen wir das. Ist uns ja allen erspart geblieben.

In der Hoffnung, ein besserer Trauerbegleiter und Bestatter als Lehrer zu sein, durfte ich für meinen Radioeins-Podcast „the end“ mit der zumindest bei den unter 40-Jährigen sehr bekannten YouTuberin Joyce Ilg sprechen. Bei YouTuberin denkt man zumeist an Schminktipps, aber die Frau ist von der schlauen und vor allem humorvollen Sorte, und wer über 40 ist und die Frau kennt, bei dem entschuldige ich mich sofort!

Das große Thema in dem Gespräch: Was lernen wir eigentlich alles in der Schule nicht? Nun passte das irgendwie, der Typ, der zum Glück für alle kein Lehrer geworden ist und Joyce Ilg, die gerne auch noch andere Sachen in der Schule kennengelernt hätte. Zum Beispiel sich selbst.

Aber kann mir irgendjemand beibringen, mich selber besser einzuschätzen und zu verstehen? Ist das nicht Aufgabe der Eltern? Zumindest Joyce und ich kamen zu dem Punkt, dass wir eigentlich ganz froh sein müssten, an der Stelle eher wenig von unseren Eltern gelernt zu haben!

Und seit dem Gespräch lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los, was so Sachen sind, die zumindest mir in der Schule niemand hätte beibringen können:

– Liebeskummer vergeht irgendwann,

– das Finanzamt vergisst nie,

– halt dich fern von Menschen, die immer mehr nehmen, als sie geben,

– besuch deine Großeltern so oft wie möglich, bevor sie weg sind.

Die Liste kann jeder für sich selber fortsetzen. Aber ich hätte in der Schule gerne eines gelernt: Techniken, mit denen man eine Krise überwindet. Und ich glaube man kann das lernen. Im ersten Schritt hätte ich gerne überhaupt mal gewusst, dass es normal ist, eine Krise zu haben, dass jeder das irgendwann in seinem Leben hat. Ich war Anfang 20, und ich dachte, ich werde verrückt. Heute weiß ich, das waren Panikattacken.

Mit einer tollen Psychologin habe ich das schnell und gut in den Griff bekommen. Aber wie lange es damals gedauert hat, überhaupt zu wissen, dass es so was gibt, dass es viele Menschen in unterschiedlicher Färbung haben und wichtiger noch: dass einem geholfen werden kann. Ich dachte wirklich, ich sei nicht normal. Böse Zungen mögen jetzt sagen, dass sei für sie keine Überraschung.

Ich habe zumindest für mich eine kleine sicherlich nicht empirische Studie gemacht, wie gut man so was lernen kann. Wir gehen regelmäßig in Kindergärten und auch in Schulen, sprechen mit Kindern darüber was bei einem Abschied passiert, wenn ein Mensch stirbt. Häufig aber bespreche ich mit den Kindern etwas ganz anderes: nämlich wie sie, die Kinder, sich an etwas Tolles erinnern, an einen tollen Tag, einen schönen Ausflug oder einen spannenden Urlaub. Ein Tag geht vorbei, nach einem Ausflug kommt man nach Hause, und die Eltern müssen nach einem Urlaub wieder arbeiten. Aber wie behält man das schöne Gefühl, wenn etwas zu Ende geht.

So klein diese Spiele sind und so schön die Ideen, die dabei entstehen, so sehr ist es genau diese Kompetenz, die einem später helfen kann. Schöne Erinnerungen sind nicht weniger wert, weil sie zu Ende sind, man muss nur lernen ihnen einen Raum zu geben, den man selbst kontrolliert und gestaltet.

So theoretisch das klingt. Ich sehe diese Kinder ja häufig wieder, wenn jemand aus ihrer Familie verstirbt. Und glaubt mir, die nehmen das mit, die kommen plötzlich mit Ideen, die sie zuvor gesammelt haben auch in Trauermomenten um die Ecke. Es hilft!

Joyce und ich sollten vielleicht einfach heute noch mal in die Schule gehen.