Kinder lernen spielend, Risiken zu erfassen, ohne sich von Ängsten lähmen zu lassen.
Foto: Imago Images

Berlin - Das Drama nimmt am Sonnabendnachmittag seinen Lauf: Der kleine Lavi stolpert ungestüm zu Boden, schrammt sich auf dem Uferweg den linken Arm und heult herzerweichend. Seine Mama Andrea kauft ihm ein Schokoeis, und schon ist der Schmerz vergessen. Einen Tag später sitze ich neben Andrea auf einem Hügel über dem Skatepark in ihrem Kiez, Lavi klettert umher, das Kinder-Skateboard liegt leider zu Hause. Ein schlaksiger junger Mann im Holzfällerhemd unterbricht seine Stunts, bietet sich an, Lavi ein paar einfache Tricks auf seinem Skateboard beizubringen. Andrea lacht den beiden zustimmend entgegen. Noch tapsig bewegt sich der Kleine auf dem viel zu großen Board, fällt irgendwann zu Boden, schrammt sich nun den linken Unterschenkel auf. Nach einem kurzen bangen Moment schüttelt Lavi den Schmerz weg, steigt wieder auf und macht weiter.

„Hast du nie Angst um Lavi gehabt?“, frage ich Andrea. „Am Anfang schon, aber er kennt seine Grenzen.“, sagt sie. Was Andrea meint, zeigt mir Lavi anschaulich. Wie er sich vorwagt, jedes lauernde Risiko erstaunlich realistisch einschätzt und zurückweicht, wenn ihm die Situation nicht geheuer ist. Während ich in seine Richtung schaue, kommt mir der fünfte Geburtstag meiner Nichte in den Sinn. Ich hatte ihr ein Straßenkreide-Set mitgebracht – mit einer Anleitung für das altbekannte Hüpfspiel „Himmel und Hölle“. Die Eltern reagierten entgeistert. Ihr armes Mädchen sollte draußen mit anderen Kindern spielen? Mein für sie offensichtlicher Fauxpas wurde mit betretenem Schweigen bedacht. Besorgte Eltern, die ihr Kind in der Großstadt vor jeder lauernden Gefahr beschützen wollen. Nur, wie soll die Kleine dann jemals selbst Risiken erkennen, einschätzen und vermeiden?

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