Die Ranzen sind gerüstet. Die Lehrer auch?
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BerlinSeit einem Monat herrscht nun wieder der sogenannte „Regelbetrieb“ an den Schulen. Lehrende und Lernende kommen einträchtig im Schulgebäude zusammen, die einen, um zu unterrichten, die anderen, um ihre Freunde zu treffen. Also alles wie gewohnt und ganz normal. Nun ist Normalität – wie so vieles andere auch – natürlich relativ. Die Corona-bedingte Normalität an unserer Schule, einem Gymnasium im Norden Berlins, stellt alle Beteiligten täglich vor neue, inspirierende Probleme.

Der aktuelle Musterhygieneplan der Senatsverwaltung für Bildung legt fest, dass im Schulgebäude eine Maske zu tragen ist. Einziges, durchaus plausibles Zugeständnis: Zum Essen darf die Maske abgenommen werden. Nun umgehen immer mehr findige Esser das lästige Maskendiktat damit, dass sie ein, zwei Salzstangen oder eine Tüte Gummibärchen in der Hand halten, von denen sie hin und wieder naschen. Damit laufen sie dann herum, natürlich ohne Maske, denn sie essen ja. Was machen wir nun?

Eine neue Regel natürlich! Diese muss die Maskenpflicht mit der Nahrungsaufnahme versöhnen: Dürfen Esser künftig überhaupt im Gehen essen oder darf nur sitzend oder stehend gegessen werden? Muss das Essen im Schulhaus ganz unterbleiben, damit die Maske bleiben kann, wo sie hingehört? Nun, die Lehrkräfte in unserem Corona-Krisenteam basteln emsig an einer entsprechenden Vorschrift.

Auch das regelmäßige minutenlange Lüften der Klassenzimmer, mindestens einmal pro Unterrichtsstunde, gibt der Musterhygieneplan vor. In vielen Räumen unserer Schule bleiben allerdings die Fensterflügel nicht offen, sondern fallen immer wieder zu. Diensteifrig fand sich eine Kollegin also beim Hausmeister ein. Ob er Klötzchen habe, die man zwischen Fensterflügel und Rahmen klemmen könne, um musterhygieneplanmäßig zu lüften. Aber nein! Laut Vorschrift geht das nicht, damit nicht aus Versehen jemand das Fenster zu schließen versuche, obwohl etwas dazwischenklemmt, und so das schöne Fenster kaputtmache. Man wird eine andere Lösung finden müssen: vielleicht neben Klassenbuchamt und Tafeldienst ein neues Amt, das des „Fensterhalters“ oder besser „Frischluftmanagers“.

Wie schön, dass wieder Schule ist!

Natürlich muss das Hygienekonzept aller Schulen auch Vorgaben für die besonders ansteckungsgefährlichen Fächer wie Sport enthalten. Das Krisenteam an unserer Schule hat deshalb weitere wichtige Regeln formuliert, die dem Kollegium im Rahmen einer Konferenz vorgestellt wurden. Regel 1: Zum Schwimmunterricht muss die Schülerschaft bis in die Duschen ihre Masken tragen. Zum Duschen darf sie diese jedoch abnehmen. Regel 2: Maximal sechs Schüler dürfen gleichzeitig duschen. Zwischenruf eines Sportlehrers: „Es gibt doch nur sechs Duschen!“

Danach müssen die Masken aber wieder angelegt und bis zum Beckenrand getragen werden. Das ist jedoch ohnehin alles wurst, denn Regel 3 lautet: Duschen und Haare-Föhnen sind wegen der Corona-Gefahr generell untersagt. Was für eine pfiffige Präventivmaßnahme! Damit sich die Schüler nicht mit Corona-Viren anstecken, schicken wir sie im Herbst und Winter mit nassen Haaren in den folgenden Unterricht. Dann bekommen sie bloß die gute alte Lungenentzündung, schlagen Corona ein Schnippchen und entlasten das Gesundheitssystem! Und die Eltern kennen das ja, im Winterhalbjahr sind die Kinder eben hin und wieder krank. Alles ganz normal. Wie schön, dass wieder Schule ist!

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