Homeoffice
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BerlinVor wenigen Wochen erhielten die Mitarbeiter der Bank-Holding Axos Financial eine E-Mail vom Chef. Darin stand sinngemäß: Sie stehen unter Beobachtung! Wir werten Ihre Tastatureingaben aus! Wir speichern Ihre besuchten Webseiten! Und alle zehn Minuten machen wir einen Screenshot von Ihrem Bildschirm!

Der Grund für die strenge Mitarbeiterüberwachung: ein offenbar etwas zu wörtliches Verständnis von Homeoffice. „Wir haben einzelne Angestellte gesehen, die unfaire Vorteile aus flexiblen Arbeitszeitregelungen zogen“, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg aus der Rundmail. Der Tonfall klingt alles andere als freundlich: Arbeiter, die ihre täglichen Aufgaben nicht erledigen, müssen mit disziplinarischen Maßnahmen rechnen.

Überwachung am Arbeitsplatz ist kein neues Phänomen. So ließen Investmentbanken in London reihenweise Bewegungsmelder an Schreibtischen installieren, um zu kontrollieren, ob die Banker an ihrem Arbeitsplatz sind. Doch jetzt, wo die meisten Büroangestellten im Homeoffice arbeiten, ist diese Form der physischen Überwachung kaum noch möglich. Der Vorgesetzte sieht nicht, ob ein Mitarbeiter lange Pausen macht oder dauernd in der Teeküche private Gespräche führt. Daher boomt gerade Spionagesoftware, die Mitarbeiter im Homeoffice überwachen.

Zahlreiche Unternehmen setzen in der Corona-Krise auf das Videochat-Tool Sneek, das alle fünf Minuten ein Foto der Konferenzteilnehmer macht. So kann der Chef genau sehen, ob seine Mitarbeiter gerade am Bildschirm sitzen.

Auch Firmenlaptops können aus der Ferne kontrolliert werden: Mit der Software Interguard etwa lassen sich alle möglichen Aktivitäten tracken: E-Mails, Webseitenbesuche, aufgerufene Programme, geöffnete Ordner, Tastatureingaben. Damit lassen sich regelrechte Logbücher des Nutzungsverhaltens erstellen. Wer war wie lange auf Facebook? Wer hat während der Arbeitszeit Sportnachrichten gelesen? Wer war auf Shopping-Seiten? Das Computerprogramm lässt sich so konfigurieren, dass bei der Eingabe bestimmter Stichwörter wie beispielsweise „Kundenliste“ oder „Pricing“ automatisch Screenshots gemacht werden, die dann für mögliche interne Untersuchungen gespeichert werden.

Die Software dient aber nicht nur der Aufdeckung arbeitsrechtlicher Verstöße im Bereich Compliance, sondern auch der Produktivitätsmessung. Der US-amerikanische Ingenieur Frederick Winslow Taylor stand Ende des 19. Jahrhunderts noch selbst mit der Stoppuhr in den Fabrikhallen, um die Produktivität der Arbeiter zu messen. Heute braucht es keine aufwendigen Messreihen mehr – es genügen Computerprogramme.

Neben Interguard gibt es noch eine Reihe weiterer Softwareanbieter wie Time Doctor, Teramind oder VeriClock, die Produktivitätsmetriken wie etwa die Arbeitszeit oder Anzahl versendeter E-Mails erfassen. Anwendungen wie Time Doctor setzen dabei auch auf Nudging-Techniken: Mitarbeiter bekommen einen Schubs, wenn sie zu viel Zeit auf Facebook oder YouTube verbringen. Auf dem Bildschirm poppt dann eine Erinnerungsmeldung auf: „Arbeiten Sie noch an …?" Es ist, als würde der Chef einen Kontrollbesuch abstatten.

Im Hintergrund laufen zuweilen auch Programme, die aus den Routinen der Mitarbeiter lernen und Anomalien erkennen. Die Software von Interguard warnt Manager, wenn Angestellte ein auffälliges Verhalten an den Tag legen, beispielsweise eine vertrauliche Kundenliste und einen Lebenslauf ausdrucken, was darauf hindeutet, dass die Person das Unternehmen verlassen und vom Kundenstamm profitieren will. Algorithmen führen laufend Protokoll.

In China geht die digitale Überwachung noch einen Schritt weiter: Mit der Bürosoftware DingTalk können An- und Abwesenheiten exakt kontrolliert werden. Der Systemadministrator definiert ein Wifi-Netzwerk oder GPS-Koordinaten als Arbeitsstätte. Wenn die Mitarbeiter morgens ins Büro kommen und sich mit ihrem Smartphone automatisch ins WLAN einloggen, stechen sie ohne weiteres Zutun an der digitalen Stechuhr. Wenn die Mitarbeiter zum Mittagessen oder auf Toilette gehen und sich damit außerhalb der WLAN-Reichweite befinden, stechen sie unbewusst wieder aus. Tricksereien an der digitalen Stechuhr sind quasi unmöglich – Login- oder Standortdaten lügen nicht.

Dass der Taylorismus mit digitalen Technologien effizienter als mit analogen Messgeräten wie der Stoppuhr funktioniert, hat vor allem damit zu tun, dass die Digitalisierung selbst wie ein tayloristisches Programm operiert, indem sie am laufenden Band Zeit- und Bewegungsstudien durchführt und serielle Handlungsschritte in Zahlen ausdrückt. Wie lange ein Mitarbeiter eine Betriebsanleitung durchliest, war in der ersten industriellen Revolution schwer zu beziffern. In der digitalen Zeit lässt sich nicht nur die Lesedauer quantifizieren, sondern auch feststellen, welche Wörter markiert werden. Ein einfaches Beispiel, das zeigt, wie nahe Zeiterfassung und Kontrolle beieinander liegen.

Im Jahr 1914 schickte der Automobilpionier Henry Ford Kontrolleure aus, die das Lebensumfeld der Arbeiter ausleuchten sollten: wie sie wohnen, ob sie ordentlich sind und ihren Lohn für Alkohol und Zigaretten ausgeben. Heute muss man keine Inspektoren mehr aussenden – das Management kann einfach Computertechnik nutzen.