Am Handy spielen statt lesen - so sieht heute der Alltag vieler Jugendlicher aus.
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BerlinErstaunlich, dass die Pisa-Tests seit fast zwanzig Jahren so einseitig wirken: Die deutsche Mittelschicht haben sie in Angst und Schrecken versetzt. Seitdem ist die Frage, ob das eigene Kind auf die richtige Schule geht, zu einer Schicksalsfrage geworden. Ständig sind Eltern in Sorge, dass die deutschen Gymnasien nicht taugen, ihren Nachwuchs auf die Zukunft vorzubereiten.

Dabei hat gerade Pisa vor Augen geführt, dass die Gymnasien im Durchschnitt eine gute Qualität aufweisen und die Sorge der Mittelschicht unbegründet ist. Jedenfalls, was den eigenen Nachwuchs betrifft. Im Zusammenhang mit dem Nachwuchs der anderen gibt sie sich jedoch viel zu relaxed. Denn was war die eigentlich verstörende Nachricht, als im Dezember 2019 die neusten Pisa-Ergebnisse publik wurden? Dass die Zahl der so stigmatisierten „Risikoschüler“ noch immer so hoch ist. Beschämende 20,7 Prozent der getesteten Neuntklässler lesen auf dem Niveau von Grundschülern, und werden so zu „Zukunftsarmen“. Weil der heutige Arbeitsmarkt kaum noch Schlupflöcher bietet für diejenigen, die als „ungelernte Arbeiter“ antreten.

Berlin liegt bei den Pisa-Ergebnissen 2019 auf dem vorletzten Platz. Nun könnte man geneigt sein, sich als Wahlvolk und als Berliner Senat herauszureden mit der hohen Ausländerquote. Aber dürfen wir diese Ausrede durchgehen lassen? Auf keinen Fall.

Hoffnungsträger und Fachkräfte von morgen

Denn mitten in der demographischen Krise können wir es uns weder moralisch noch ökonomisch leisten, eine „lost generation“ zu produzieren und junge Leute an den gesellschaftlichen Rand zu drängen, die die Hoffnungsträger und ja – auch „Fachkräfte“ von morgen sein könnten. Deutschlandweit stammen knapp 36 Prozent der getesteten Neuntklässler aus Zuwandererfamilien. Vielen von ihnen mangelt es nicht an Potential und Ehrgeiz. Und es liegt auf der Hand, was man tun müsste: Mehr Geld, mehr Liebe und Intelligenz in die Brennpunktschulen investieren!

Schulen wie  die private „Quinoa Schule" in Berlin Wedding machen es vor. Man braucht angenehme Räume, wo die Schüler sich zu Hause fühlen, Schulleiter, die echte Führungspersönlichkeiten sind und multiprofessionelle Teams: Sozialarbeiter, Psychologen, Berufsberater und IT-Experten, die mit den engagierten Lehrkräften an einem Strang ziehen. Man braucht das, was Bildungsexperten „die sozial-räumliche Ausrichtung“ der Schule nennen: Die Frage, wer ist meine Zielgruppe, und wie entwickele ich ein kluges Konzept, um die Kinder in meinem Einzugsbereich bestmöglich fördern?

Last but not least muss man sich aufs Wesentliche besinnen: Schneller und besser Deutsch lernen, mehr Geläufigkeit beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Denn dies sind „Schlüsseltechnologien“ und dringend nötig, um die abstrakteren Räume in allen anderen Fächern aufschließen zu können. Nur ein Bruchteil der „Risikoschüler“ sind übrigens Flüchtlingskinder. Die meisten sind in Deutschland geboren und eingeschult worden. Doch lernen sie im hiesigen Schulsystem zu wenig von dem, was wirklich zählt. Das müssen wir ändern.