Im Januar kamen schwerwiegende Vorwürfe gegen die Staatliche Ballettschule Berlin an die Öffentlichkeit.
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BerlinEine Tonaufnahme aus einer Vollversammlung der Staatlichen Ballettschule Berlin (SBB) vom Dienstag wirft die Frage auf, wo bei der Aufarbeitung der Vorwürfe gegen die Eliteeinrichtung die Prioritäten liegen. Soll aufgeklärt oder nur der Ruf gerettet werden? Der Schule wird unter anderem vorgeworfen, in Fällen von Mobbing, Bodyshaming, Essstörungen und Depressionen nicht adäquat gehandelt zu haben.

In der 15-minütigen Aufnahme, die der Berliner Zeitung vorliegt, äußert sich Christian Blume, Abteilungsleiter der Senatsschulverwaltung, gegenüber den Angehörigen der Schulgemeinschaft zur Freistellung des Schulleiters Ralf Stabel und des künstlerischen Leiters Gregor Seyffert, die am Montagabend bekannt geworden war.

Die Schule wird nun kommissarisch von Antje Seike, der bisherigen stellvertretenden Schulleiterin, geführt. Die Schulaufsicht liegt bei der Bildungsverwaltung.

Vorwürfe seien „schwer greifbar“

In der Aufnahme bedauert Blume die vorübergehende Beurlaubung der beiden langjährigen Leiter mehrfach. Ihr Zweck sei vor allem gewesen, Stabel und Seyffert aus der Schusslinie zu nehmen, damit „diese ständigen Anwürfe und Vorwürfe gegen sie dann hoffentlich vorübergehend erst mal aufhören“.

Blume fährt fort: „Ich möchte es an dieser Stelle aber ganz deutlich sagen und ausdrücklich auch betonen: Ich habe tiefen Respekt vor dem, was Professor Stabel und Professor Seyffert hier aufgebaut haben über Jahre hinweg. Wir sind in hervorragenden Räumlichkeiten. Wir haben uns in den letzten Jahren davon überzeugen können, welche hervorragenden Leistungen Sie, die Schülerinnen und Schüler, hier hervorgebracht haben. Und das ist das Verdienst dieser beiden Kollegen.“ Was Stabel und Seyffert für die Schule geleistet hätten, sei beachtenswert.

Die Vorwürfe, laut denen Probleme wie Mobbing, Bodyshaming, und Verletzungen aufgrund der Nichteinhaltung von Ruhezeiten an der Tagesordnung seien und von der Schulleitung aktiv ignoriert würden, bezeichnet Blume in der Aufnahme als „Anwürfe“ oder „Unterstellungen“. Sie seien wegen ihrer Anonymität „schwer greifbar“. Angesichts des Statements der gesammelten Schülerschaft, das viele der Vorwürfe bekräftigt, wirkt das zumindest irritierend.

Burkert-Eulitz: "Offene Aufklärung so nicht möglich"

Auch Marianne Burkert-Eulitz, bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, ist fassungslos über diese Einordnung. Sie habe in den vergangenen Wochen mit mehreren Vertretern aus Schüler-, Lehrer- und Elternschaft der SBB gesprochen. Die Gespräche seien zwar vertraulich gewesen; aus ihrer Sicht erfüllt das, was sie erfahren hat, jedoch in jedem Fall den Vorwurf der Kindeswohlgefährdung. Mehr noch: Was sie gehört habe, so Burkert-Eulitz, sei zum Teil so schlimm gewesen, dass es sie mehrere Nächte Schlaf gekostet habe. Dass die Aussagen glaubwürdig seien, bestätigt auch ihre Ausschusskollegin Regina Kittler von der Linken.

Burkert-Eulitz wertet Blumes Auftritt vor der Vollversammlung als Befriedungsversuch. „Mindestens dieser Angehörige der Senatsschulverwaltung hat nichts gelernt“, sagt sie. Eine offene Aufklärung halte sie unter solchen Bedingungen nicht für möglich. „Schülerinnen und Schüler haben mir gesagt, dass sie jetzt Angst haben, sich zu äußern.“

Schulsenatorin Scheeres (SPD) hatte zur Aufklärung der Vorwürfe im Januar eine Untersuchungskommission eingesetzt. Wie in der Aufnahme zu hören ist, erwähnt Blume diese Kommission vor der Vollversammlung zwar – genau wie die neue Clearingstelle für Einzelfälle, an die Ehemalige, Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte sich vertraulich wenden können. Für die gibt es nun übrigens auch endlich Telefonnummern und eine Emailadresse.

Aufklärung noch am Anfang

Doch der Fokus liegt während seiner Ansprache vor allem darauf, die Anwesenden dazu aufzufordern, an internen Gesprächsrunden teilzunehmen. „Ich glaube, es ist wichtig, dass man ein Stück weit miteinander ins Gespräch kommt. Was sind wir eigentlich für eine Schule: Sind wir eine leistungsorientierte Eliteschule oder sind wir eher eine andere Schule? Ich glaube, auch da gibt es im Moment keinen großen Konsens. Und all das muss mal aufs Tableau.“ Dabei, so Blume, sollten auch externe Experten helfen.

Für Eltern und Schülerschaft dürfte derzeit allerdings die Klärung der Vorwürfe wichtiger sein. Und die ist noch in den Anfängen: Nachdem die ursprüngliche Leiterin der Untersuchungskommission ihr Amt wegen Befangenheitsvorwürfen niedergelegt hatte, hatte sich der Arbeitsbeginn zunächst verzögert.

Unterdessen erhöht sich der Druck auf Scheeres: Laut neuen Recherchen des RBB, der im Januar zuerst über die Vorwürfe berichtet hatte, könnte ihre Senatsschulverwaltung schon deutlich früher als bisher angegeben von Problemen an der SBB erfahren haben.