Berlin - Vergangenen Februar hatte Caroline Treier eine Vorahnung. Die Schließung der Schulen steht bevor, dachte sie sich. Und: „Wo kriege ich jetzt Ideen her, wie ich Schüler am Lernen beteilige, die zu Hause sitzen?“ Also schaute sich die Leiterin einer Berliner Reformschule um. Sie recherchierte zum Beispiel über die deutsche Schule in Schanghai, die ihren Unterricht bereits komplett ins Netz verlegt hatte. Am besten fühlte sie sich auf Twitter informiert. Sie fand „viele inspirierende Anregungen“ im sogenannten #Twitterlehrerzimmer. Dort tauschen Lehrer Kurznachrichten aus – meist über digitales Lernen. „Ich will das Twitterlehrerzimmer nicht mehr missen“, sagt Treier heute. „Dort lerne ich über Ländergrenzen hinweg tolle Beispiele digitaler Klassenzimmer kennen.“

Das Twitterlehrerzimmer ist zunächst ein Doppelkreuz mit Kennwort: Mit #Twitterlehrerzimmer (oder kurz #twlz) markieren Lehrer und Bildungsinteressierte ihre Tweets, wenn es um die pädagogische Transformation der Schule geht. Sie schicken kluge Sätze, interessante Links oder auch scharfe Abrechnungen. Obwohl nur etwa 3000 Nutzer die Tweets des #Twitterlehrerzimmer-Bots abonniert haben, ist die Intelligenz und Wirkung dieses Schwarms nicht zu unterschätzen. Während der Schulschließungen wurde das digitale Lehrerzimmer zu der Nachrichtenquelle unter digitalaffinen Pädagogen. Es war Blitzfortbildung, Labor der Schulreform und Speeddating für Lehrer in einem.

Motto: Hört uns endlich zu, Kultusminister!

Richtig bekannt wurde das Twitterlehrerzimmer kurz vor dem Jahreswechsel. In einem Bericht des ARD-Magazins „Panorama“ schimpften Lehrkräfte per Video auf die Kultusminister. Sie forderten, den Präsenzunterricht auszusetzen. „Und dass wir das nicht wieder aus der Zeitung erfahren“, warnte eine Lehrerin die Minister. Auf die Idee, ihre Sorgen in 15-sekündigen Clips aufzunehmen, kamen die Lehrer im Twitterlehrerzimmer. Der „Netzlehrer“ Bob Blume, der wirklich so heißt und auch ein echter Oberstudienrat ist, hatte dazu aufgerufen. Motto: Hört uns endlich zu, Kultusminister! Blume montierte die Schnipsel zu einem Video – und verbreitete es an Tausende Follower.

„Das Twitterlehrerzimmer ist zu einer informellen Form von Interessenvertretung geworden“, sagt Bob Blume, der allein auf Twitter 12.000 Follower hat. Das heißt: Lehrer warten nicht mehr auf Gewerkschaftstage, ungelenke Fragen von Journalisten oder darauf, dass ein Kanzler sie „faule Säcke“ heißt. Sie artikulieren und verteilen ihre Sicht auf Schule einfach selbst – und können damit sehr schnell große Reichweiten erzielen. Das Video #hörtunszu hatte in den sozialen Medien 40.000 Rezipienten – bei „Panorama“ schauten 2,8 Millionen Menschen zu.

Woher kommt der Erfolg? Zunächst ist das virtuelle Lehrerzimmer ganz einfach praktisch. Dort helfen sich Lehrer gegenseitig, manchmal finden sich regelrechte Selbsthilfegruppen. Ein Lehrer des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums Gütersloh etwa tat sich mit 150 Lehrkräften aus ganz Deutschland zusammen, denen er vorher nie begegnet war. Sie stellten im #twlz Konzepte für die Kombination von Präsenz- und Online-Lernen bereit – für jeden zugänglich. Die Nürnberger Grundschullehrerin Verena Knoblauch fragte, wie sie ihre Drehbücher für Stop-Motion-Filme professionalisieren könne – und bekam sofort Zuschriften. „Ich baue das jetzt in eine Anleitung für Kolleg:innen ein“, erzählt sie. „Für mich heißt Twitterlehrerzimmer: nehmen und geben.“ Tim Kantereit aus Bremen suchte im virtuellen Lehrerzimmer Autoren für ein ganzes Buch. Und fand sie. „Hybrid-Unterricht 101: Ein Leitfaden zum Blended Learning“ zählt 33 Lehrer als Mitverfasser – und kann inzwischen überall bestellt werden.

Der sachliche Austausch über guten Unterricht allein hält den losen Zusammenhang allerdings nicht am Leben. Irgendetwas anderes muss die Lehrer anfixen, dass sie bis spät in der Nacht und am frühen Morgen bereits über „Familien in der Krise“ lästern – die Lobby ist eines der Lieblingsopfer von Twitterlehrern. „Das Twitterlehrerzimmer macht einfach Spaß“, sagt Marian Kempkes vom Duden-Gymnasium im nordrhein-westfälischen Wesel. Susanne Posselt von der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe spricht gar von Verzauberung: „Ich finde den Austausch mit eigentlich wildfremden Menschen über pädagogische Fragen faszinierend.“

Es gibt auch Retweet-Orgien von Banalitäten

Außenstehende können dabei durchaus den Eindruck bekommen, dass sich der Spaß auf bizarre Art ausdrückt. Dauernd werden GIFs oder Memes gepostet. Es gibt auch regelrechte Retweet-Orgien von Banalitäten, popkulturelle Phänomene, die an das Kichern in einer Diskussionsveranstaltung erinnern.

Für Martin Lindner, Autor des Buches „Die Bildung und das Netz“, geht es um etwas Elementares: Verbundenheit. „Diese Art von Community, von Feedback, von ‚Ich bin nicht allein‘ ist ein unglaublich positives Erlebnis“, sagt der Netzvordenker. „Die Energie, die dabei frei wird, kann man nur verstehen, wenn man sie vergleicht mit der Frustration, die Lehrer im realen Raum erleben.“ In den echten Lehrerzimmern geht es in der Tat anders zu. Eine Gesamtlehrerkonferenz kann nur mit Zustimmung aller Kollegen entscheiden. Kein Wunder, dass da das Kennenlernen auf Twitter geradezu romantisch aufgeladen wird. „Was sich gleich ist, findet sich“, heißt es in Hölderlins „Hyperion“ – das ist der Kitt des Twitterlehrerzimmers.

Neues Jahr, neue Wege ...

Zur Feier des Ferienendes will die Berliner Zeitung neue Wege gehen und sich stärker öffnen für die Intelligenz des Schwarmes. Ein erster Entwurf dieses Artikels wurde im Twitterlehrerzimmer diskutiert. Die Kommentare haben uns zum Nachdenken angeregt und zu einer Überarbeitung des Textes geführt. Dies ist die nagelneue Version – viel Spaß beim Lesen! 

Dennoch kann von Harmonie im Twitterlehrerzimmer keine Rede sein. Gerade unter den Platzhirschen mit den vielen Followern wird gerne gestänkert. Erfahrene Twitterlehrer geben Grünschnäbeln daher gern Verhaltensregeln mit. „Man sollte sich nicht einschüchtern lassen“, sagt etwa Jan Hartwig vom Raichberg-Gymnasium in Ebersbach in Baden-Württemberg. „Als Neuling ist man leicht überwältigt von der schillernden Großartigkeit des Twitterlehrerzimmers.“ Verena Knoblauchs Grundregel lautet: „Sei kein Arsch, Nazi oder Troll!“ Susanne Posselt von der Anne-Frank-Schule rät, „sehr genau darauf zu achten, was man von sich preisgibt und welches Bild dabei in der Öffentlichkeit entsteht“. Im Übrigen findet sie: „Dass es zu Eitelkeiten und Rangeleien kommt, ist meines Erachtens ganz normal.“

Und so könnte man den Cyberspace der Pädagogen auch wie ein ganz ordinäres Klassenzimmer karikieren – mit Ottilie Normaltwitterer, Mitläufern und Oberlehrern, die gerne mal den Rohrstock schwingen. In der ersten Reihe sitzen Streber, die jeden Tweet der Oberlehrer retweeten und liken, am besten beides. Die Masse plappert ohne jede Lektüre irgendwelcher Linkverweise nach, was von vorne frontalunterrichtet wird: Alte Schule ist out, Schulbücher sind faktisch tot (obwohl sie in Wahrheit quicklebendig sind), es muss nur ein neues Leitmedium und ein „Mindshift“ her.

Eine Art Schulverweis aus dem Twitterlehrerzimmer

Im Twitterlehrerzimmer gibt es nicht wenige Sprechverbote. Wer etwa sagt, digitales Lernen habe einen Mehrwert für Schule, der wird sofort verbessert – oder gleich blockiert. Längliche Lehrvideos werden dann gepostet, die genau erklären, was niemand versteht: dass man beim digitalen Lernen auf keinen Fall auf dessen Mehrwert schielen dürfe. Der Name des Hirnforschers und Digitalgegners Manfred Spitzer wiederum dient dazu, Kritiker zum Schweigen zu bringen. „Willst Du hier den #Spitzer machen, du Troll?“, das ist so etwas wie ein Schulverweis aus dem Twitterlehrerzimmer.

Die Theorie sozialer Medien behauptet, alle seien gleich. Im Twitterlehrerzimmer spreche man auf Augenhöhe. Kleiner Studienrat, Influencer wie Bob Blume und Kultusminister im demokratischen Palaver. Es gebe ohnehin keine Teilnehmer, sondern nur Teilgeber, will sagen: Jeder muss Beiträge bringen – und wenn es nur Retweets sind. Sieht man genauer hin, findet natürlich kein herrschaftsfreier Diskurs statt. Das #twlz praktiziert eine – nicht selten verbeamtete – Machtausübung, die durchaus problematische Folgen in der Wirklichkeit haben kann.

Homeschooling

eine Chance, die Schulen in die Zukunft zu katapultieren. Wie geht es voran mit der Digitalisierung? Wo bleibt die neue Lernkultur? Wie läuft es zu Hause? Die neue Serie der Berliner Zeitung.

Palliative Didaktik – ein Begriff, der ins Mark treffen kann

Wie etwa soll sich ein Referendar verhalten, wenn seine Seminarleiterin auf Twitter Lehrer regelmäßig als analoge Esel bloßstellt? Und was bedeutet es, wenn Axel Krommer, ein Akademischer Oberrat und Wortführer im Twitterlehrerzimmer, die „palliative Didaktik“ der herkömmlichen Schule kritisiert. Er meint damit Maßnahmen, die das Schulsystem nicht etwa heilen, „sondern lediglich dazu beitragen, dass die Schüler(innen) im traditionellen (bzw. als „krank“ empfundenen) System bestmöglich angepasst sind.“ Palliative Didaktik – dieser Begriff dürfte diejenigen, die diesem System verbunden sind, ins Mark treffen. Suggeriert er doch, dass nicht wenige Lehrer nur helfen, die Schmerzen des todgeweihten „Patienten Schule“ zu lindern, statt radikal für ein neues System einzustehen.

Wie die Mehrheiten im Twitterlehrerzimmer verteilt sind, konnte man sehen, als Deutschlands am besten gepflegte Open-Source-Lernplattform Mebis vor Weihnachten in die Knie ging. Da machten auf Twitter schnell Beiträge, Videos und verlinkte Blogposts die Runde, in denen das Sterbeglöckchen für die bayerische Schulcloud mit weit über einer Million angemeldeten Lehrern und Schülern geklingelt wurde. Warum ist das so? Weil Microsoft mit seiner Cloud und MS Teams bereitsteht, Bayern zu übernehmen. Das Twitterlehrerzimmer mutet bisweilen wie ein Showroom des 1,6-Billion-Dollar-Konzerns an.

Dass das Twitterlehrerzimmer manchmal einem Boxring gleicht, liegt schon in seiner Geschichte begründet. Seine Vorläufer wie etwa der Hashtag #educamp waren nie nur Chiffren und Nanoseminare für eine freundliche Lernreform, sondern stets auch Streiträume. Der direkte Vorgänger des #twlz war der #edchatde – ein Hashtag, unter dem Lehrer jeden Dienstag um 20 Uhr auf Twitter über Schule und Lernen disputierten. Der edchat endete allerdings in einem bitterbösen Streit, als die beiden Gründer ein Buch herausbrachten, in dem sie viele Tweets des Education Chats veröffentlichten – ohne die Autoren zu informieren. Ein Sakrileg.

Was das Twitterlehrerzimmer mit seinen Reformimpulsen tatsächlich bewirken kann, ist also offen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und Britta Ernst, neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Bildungsministerin Brandenburgs, haben hier wenige Freunde. Immerhin liefert das digitale Lehrerzimmer aber das, was die Bildungsrepublik jetzt braucht: Das Digitale wird aus den Sternen geholt und unter der Lehrerschaft verschenkt.

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