Die Willkommensklassenlehrerin Silke Blum mit ihrer früheren Schülerin Batul.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinIm Herbst 2015 faltete Angela Merkel die Hände und sagte ihr berühmtes „Wir schaffen das!“. Silke Blum war damals nach vielen Jahren als Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache im Ausland nach Berlin zurückgekommen: „Ich dachte damals: Was immer das ‚das‘ in Merkels Satz bedeutet, es gelingt nur, wenn wir für junge Menschen Perspektiven schaffen“, sagt die heute 43-Jährige. So bewarb sie sich als Lehrerin und begann, an der Carl-von-Ossietzky-Schule in Kreuzberg eine sogenannte Willkommensklasse zu unterrichten.

Jetzt steht sie an einem heißen August-Samstag an der S-Bahn-Station Treptower Park und wartet auf zwei ihrer ehemaligen Schüler. Ein Wiedersehens-Picknick, eine Diskussion über das Für und Wider der Willkommensklassen, einer Berliner Besonderheit.

Bundesweit ist sehr unterschiedlich geregelt, wie das Schulsystem mit Kindern und Jugendlichen mit einem sogenannten Migrationshintergrund umgeht, solange sie noch kaum Deutsch können. Viele Bundesländer – etwa Nordrhein-Westfalen – beschulen diese Kinder integrativ und verteilen sie auf normale Klassen, organisieren eine zusätzliche Deutschförderung. In der Hauptstadt hingegen hat man sich für eine segregierende Beschulung entschieden. Das heißt, Kinder ohne Sprachkenntnisse werden in separaten Klassen zusammengefasst, in denen sie maximal zwei Jahre verweilen, bevor sie in den Regelschulbetrieb übergehen. Die Fluktuation in solchen Klassen ist hoch, ein Curriculum nicht vorhanden – und viele Lehrkräfte in Willkommensklassen sind – oder waren – Quereinsteiger. Manche sind auch Quer-wieder-Aussteiger. Wie Silke Blum, die Sprachen auf Magister studierte und inzwischen als Fremdsprachen-Koordinatorin im Auswärtigen Amt arbeitet. Doch die Frage, was aus den Schülern von einst geworden ist, treibt Blum weiter um, und so ist sie mit zweien von ihnen zum Picknick im Park verabredet.

Batul ist früh dran. Sie strahlt über das ganze Gesicht, als sie durch die Bahn-Unterführung auf Silke Blum zugeht. „In Batul hatten wir große Hoffnungen gesetzt“, flüstert Blum noch kurz. „Es war schnell klar, dass sie Potenzial hat.“ Dann begrüßen sich die beiden so herzlich, wie es pandemiebedingt derzeit geht.

Die 20-jährige Batul, die aus Syrien über den Libanon nach Deutschland kam, erscheint nicht alleine zu diesem Treffen. Sie hat ihre Mutter und einen etwa einen Meter großen Menschen mitgebracht – ihren Sohn. Batul bedeutet auf Arabisch so viel wie Jungfrau, die Geburt, das erzählt sie mit großer Vertrautheit der Pädagogin, habe ihre Pläne ziemlich durcheinander gebracht: Sie musste die Schule abbrechen, ist jetzt Ehefrau und Mutter. Die Enttäuschung darüber und die Liebe zu ihrer kleinen Familie konkurrieren seither in der jungen Frau, das merkt man sofort.

„Aber dein Deutsch ist sehr gut geworden!“, lobt Blum, nachdem sie erste Sätze gewechselt haben. Sie möchte wissen: „Den Abschluss nach der 9. Klasse hast du geschafft, oder?“ Batul nickt und Blum findet: „Nach nur zwei Jahren in Deutschland! Du könntest dich auf Ausbildungsplätze bewerben. Hast du nicht in einem Kindergarten Praktikum gemacht?“ Batul wirkt verlegen: „Ja, aber ich würde gerne weiter zur Schule. Alles ein bisschen schwierig im Moment. Wir wohnen bei meiner Mutter, weil in unserer Wohnung komische Würmer sind. Aber wir finden keine neue. Ohne Wohnung finden wir keinen Kita-Platz. Und ohne Kita keine Schule, kein Abitur.“

Das deutsche Abitur ist auch Roholas festes Ziel. Der 17-jährige Afghane kommt auf die Minute pünktlich zum Treffpunkt. Bevor er sich auf die Parkwiese setzt, fragt er: „Haben Sie eine Liste mit den Interview-Fragen, die Sie stellen werden? Ich möchte sie mir gerne durchlesen und Notizen machen, bevor ich Stellung nehme!“

Das Deutsch des jungen Mannes ist einerseits verblüffend perfekt, andererseits irritierend förmlich. Silke Blum und Batul müssen schmunzeln ob der Forderung nach schriftlichen Fragen vorab, wie es bei Interviews mit Prominenten oder Politikern ja durchaus üblich ist: Roholas Spitzname in der Willkommensklasse war Bundespräsident. Er lernte damals nicht nur blitzschnell, sondern systematisierte, zog Schlüsse und goss diese gern in große Worte.

Rohola entscheidet sich – das improvisierte Picknick wird aufgetragen – zum Glück dafür, auch ohne schriftlichen Fragenkatalog von sich zu erzählen: Seit kurzem ist er in der Oberstufe, Leistungskurse Mathematik und Politik. Genau sein Ding und noch immer an der CvO. Er hat vor, später zu studieren: „Wirtschaftsinformatik. Da bin ich mir sicher.“

Haben Sie bitte eine Liste mit den Interview-Fragen, die Sie stellen werden? Ich möchte sie mir gerne durchlesen und Notizen machen, bevor ich Stellung nehme!

Rohala, 17, der aus Afghanistan nach Deutschland kam und in der Willkommensklasse den Spitznamen „Bundespräsident“ hatte

Im Iran, sagt er, wäre ihm eine solche Entwicklung nicht möglich gewesen: In Mersshad, der zweitgrößten Stadt des Landes, in einer armen Familie mit afghanischen Wurzeln geboren, erlebte Rohola nicht nur Diskriminierung und Ausgrenzung wegen seiner Herkunft. In der Schule, einer reinen Jungenschule, waren bedingungsloser Gehorsam und Züchtigungen Alltag. Begabungen wurden nicht gefördert.

Auch Batul erinnert sich an Schläge: „Einmal habe ich Seiten eines Buches in die Mitte gelegt, damit es aussieht wie eine Blume. Da wurde ich mit dem langen Lineal aus Holz gehauen.“ „Wenn man es nicht anders kennt, findet man es als Kind normal, Misshandlungen zu erfahren“, abstrahiert Rohola und ergänzt: „Manche Geflüchtete sahen dann keinen Grund, hier zur Schule zu gehen. Die Lehrer konnten nicht drohen.“

Obwohl er gerne zur Schule geht, zieht er, was Willkommensklassen als Beschulungsform angeht, ein ernüchtertes Fazit: „Das Integrationssystem ist eigentlich nicht funktionsfähig“, sagt er wie ein Politiker der Opposition. Weshalb nicht? „Es dauert viel zu lange, bis man am normalen Unterricht teilnehmen darf und auch mal Mathe, Physik oder Sport hat!“

Rohola ist mit dieser Einschätzung nicht allein: Juliane Karakayali, Professorin für Soziologie an der Evangelischen Hochschule Berlin, sagt im Telefoninterview fast identische Sätze. Sie forscht seit Jahren zu „Vorbereitungsklassen für neuzugewanderte Schüler*innen als Chance für die migrationsgesellschaftliche Öffnung des Regelschulbetriebes“. Eine erste Studie über Berliner Grundschulen von Klasse 1 bis 6 wurde 2016 abgeschlossen, derzeit wird eine Folgestudie publiziert, die Berliner mit Kölner Schulen vergleicht.

Karakayali ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass schon der Berliner Begriff „Willkommensklassen“ unglücklich gewählt sei: „Der Terminus klingt so großzügig, dabei haben die Schüler*innen schlicht ein Recht darauf, die Schule zu besuchen!“

Für die Studie wurden 18 Schulen in acht Berliner Bezirken beforscht. Wie sie die Senatsmaßgaben handhaben, ist sehr unterschiedlich, da die Berliner Senatsverwaltung in ihrem Leitfaden zur Eingliederung lediglich separate Klassen empfiehlt, die Umsetzung aber bei den Schulen liegt. Das heißt: Für neu zugewanderte Kinder gibt es kein Curriculum, sondern lediglich Rahmenbedingungen: In Willkommensklassen sollten nicht mehr als 12 Schüler sein, kein Schüler dort länger als zwei Jahre verweilen, bevor er ins normale Schulsystem übergeht. Die zentrale Einsicht der Forscherin: „Das System Schule versucht, sich mit den Willkommensklassen zu entlasten.“

Willkommensklassen sind eine Berliner Besonderheit

Derzeit gibt es 530 Willkommensklassen mit 5700 Schülern in Berlin. Solange ein Kind nur wenig Deutsch spricht, wird es in der Regel ab der dritten Klasse eine Willkommensklasse besuchen, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Ältere Schüler, die nicht alphabetisiert sind, können zusätzlich noch an Alphabetisierungskursen teilnehmen. Bei der Einschulung eines frisch zugezogenen Kindes werden sein Alter, sein Sprachstand und eine schulärztliche Untersuchung berücksichtigt. Es sollten nicht mehr als 12 Schüler in einer Klasse sein und jeder Schüler soll nicht länger als zwei Jahre dort verbringen. Spätestens dann soll die Aufnahme in eine Regelklasse erfolgen. 

Die Wissenschaftlerin beobachtete extrem engagierte Lehrkräfte, die sich die Lehrpläne selbst machten und sich enorm für ihre Schüler einsetzten, obwohl die wenigsten fest an der Schule angestellt waren. „Einerseits toll, andererseits ist dieser Unterricht schwer evaluierbar. Bei den Lehrer*innen ergab sich automatisch die Gefahr der Erschöpfung und eine hohe Fluktuation“, sagt Karakayali. Mehr noch, durch die Segregation würden Geflüchtete auch für ihre späteren Mitschüler zunächst sichtbar zu einem „Sonderproblem“, anstatt dass Zugewanderte – zumal in einer Weltstadt wie Berlin – als etwas Normales, Alltägliches gelten.

Silke Blum kann vieles von dem, was die Forscherin in Tiefeninterviews herausgefunden hat, aus eigenem Erleben bestätigen: „Es stand und fiel mit dem Engagement der Lehrenden. Wir haben uns gerne ins Zeug gelegt, weil wir uns auch unter den Kolleginnen gut verstanden.“ Aber in zwei Aspekten möchte sie widersprechen oder, besser, die Perspektive weiten: „Zum einen entlastet sich der Staat ja auch durch Ehrenamtliche, verlässt sich auf diese, anstatt richtig viele Stellen zu schaffen. Ohne Paten, ohne ehrenamtliche Kulturangebote für diese Klassen wäre es noch viel schwieriger gewesen.“ Und zum anderen? „Überdurchschnittlich leistungsbereite Schüler wie Rohola oder Grundschüler brauchen vielleicht keine Willkommensklassen, um sich zu entwickeln. Für viele andere Jugendliche aber war dieses erste Jahr eine wichtige Phase. Wir Willkommensklassen waren ein wertvoller Schutzraum.“

Dass jede Schule die Idee der Willkommensklasse anders gestaltet und mal mehr, mal weniger inklusiv denkt, lässt sich auch an der Carl-von-Ossietzky-Gemeinschaftsschule ablesen. Hier separierte man die vielen Neuzugewanderten in den Jahren des Wir-schaffen-Das nicht nur vom Regelbetrieb, sondern unterteilte die fast 50 neuen Schüler im Jahr 2016 noch mal in vier Willkommensklassen nach Kenntnissen und Potenzial. Blum unterrichtete die „beste“ Willkommensklasse mit unter anderem Rohola. Batul war in der zweitbesten Klasse. „Es gab aber auch Jugendliche, die nicht nur Deutsch lernen mussten, sondern noch nie eine Schule besucht hatten, selbst in ihrer Muttersprache Analphabeten waren. Da ging es erst mal darum, wie man einen Stift hält“, rekapituliert Blum.

Auch Juliane Karakayali ist klar, dass solche Kinder nicht ohne weiteres in den Regelschulbetrieb integriert werden können. Deswegen sei es ja so interessant, das Berliner Modell mit Kölner Schulen gegenzuschneiden, in denen Kinder, die noch kein Deutsch könnten, inklusiv beschult würden. Voraussetzung dafür: ein didaktisches Konzept und ausreichend Ressourcen. Die Soziologin resümiert: „Man darf sich nicht auf dem Engagement der Lehrer*innen ausruhen. Die Berliner Schulen sollten die Freiheiten in der Verordnung nutzen, um stärker zu integrieren, statt zu segregieren. Und die Willkommensklassen brauchen zumindest ein Curriculum.“

Vielleicht ist die Unterrichtsform, inklusiv oder segregierend, gar nicht der entscheidende Punkt, sondern die Einsicht: Integration gelingt durch Bildung. Bildungserfolg hängt von den Ressourcen ab – vor allem von den personellen: genügend motivierte, gut bezahlte Lehrer für kleine, im Tandem unterrichtete Klassen. Diese fehlen, seit Jahren, bundesweit und auch in der Hauptstadt.

Apropos motivierte Lehrende: Silke Blum hat ihren Laptop mitgebracht. „Erinnert ihr euch noch an den Film?“, fragt sie. Zusammen mit ihrer Kollegin, die Batuls Klasse unterrichtete, initiierte Blum ein Geschichtsprojekt. Es wurde nicht nur anderen Mittelstufenschülern der CvO vorgestellt, sondern auch von der Berliner Filmemacherin Silke Briel begleitet. Die Idee: Die Willkommensklässler erarbeiteten etwas über den Namensgeber der Schule und die Zeit, in der er lebte. Dann stellten sie selbst, wenige Monate nach ihrer Ankunft, eine historische Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts aus ihrer Heimat vor – auf Deutsch.

Batul sprach über den syrischen Dichter und Diplomaten Nizar Qabbani. Heute erinnert sie sich im Zusammenhang mit dem Projekt vor allem an eines, an ein gutes Gefühl. „Es hat mir Spaß gemacht, vor anderen zu sprechen und vor der Kamera zu stehen“, sagt sie selbstbewusst. Rohola wählte Ruhollah Chomeini aus, umstrittener iranischer Ayatollah und Machthaber von 1978 bis 1989. „Erst waren wir verwundert über die Wahl“, erinnert sich Blum. „Aber er hat es dann sehr differenziert und kritisch gemacht.“ Mit dem Projekt wurden Berührungspunkte zu anderen Klassen geschaffen. Plötzlich kannte man sich, tauschte sich auf dem Flur aus.

Über den Film kommen die drei auch auf die Mitschüler von einst: Rohola weiß von fast allen Bescheid, auch Batul hält noch Kontakt zu Freundinnen. Viele haben Lehrstellen angetreten, einige sind wie Rohola in der Oberstufe. „Und Farsane macht nächsten Sommer schon Abitur!“, sagt der junge Mann anerkennend. Zumindest, was die besten Klassen unter den Willkommensklassen von damals betrifft, scheinen die jungen Erwachsenen ihren Weg zu gehen. Auch Batul sagt: „Wenigstens den Abschluss der 10. Klasse möchte ich noch machen!“

Silke Blum bietet ihr an, sich deshalb noch mal wieder zu treffen – vielleicht wieder irgendwo draußen, dann aber auf einem Spielplatz. Ihre Kinder sind fast im gleichen Alter.