Vor ziemlich genau 100 Jahren fand in Berlin die Reichsschulkonferenz statt. Der Erste Weltkrieg war gerade zu Ende, die spanische Grippe hatte gewütet. Die Gesellschaft war gespalten. Man stritt sich um die gemeinsame Grundschule für alle Kinder. Der erste Schritt zu so etwas wie Chancengleichheit. Schule war in derselben Lage wie jetzt auch: Sie musste neu gedacht werden.

So eine große gesellschaftliche Verständigung könnte die Bildungsrepublik heute wieder gebrauchen. Schule ist veraltet und unfair. Die Gesellschaft hat sich mitten in der Pandemie über sie zerstritten. Soll man die Schulen wieder für Präsenzunterricht öffnen? Was wiegt mehr, Gesundheit und Leben – oder Bildung und Chancengleichheit?

Aber was macht die Politik in der Krise? Kanzlerin Merkel überließ beim Corona-Gipfel mit den Ministerpräsidenten allein den Ländern das Feld - jetzt macht wieder jedes Bildungsfürstentum, was es will. Und der Bundestag setzte eine für gestern geplante Debatte über den Nationalen Bildungsbericht von der Tagesordnung ab. Dabei hat Corona dringenden Reformbedarf an allen Ecken und Enden gezeigt. Wir müssen über Lernen und Qualifizieren in einer digitalisierten Welt nachdenken. Die virtuellen Klassenzimmer setzen dauernd aus. Die Kulturhoheit der Länder war noch nie so brüchig wie heute. Drei von vier Bundesbürgern sagen in Umfragen, dass der Bildungsföderalismus ausgedient hat.

Blickt man auf das Schulsystem des Jahres 2021, sieht man eine Baustelle. Es herrscht ein Lehrermangel, der auf Jahre hinaus nicht auszugleichen sein wird. Die Schulgebäude sind teils in verheerendem Zustand. Auch der pädagogische Kern von Schule ist angeknackst. Eben jene Schulminister, die darauf bestehen, Schülern mitten in der Pandemie das Abitur abzufordern, haben das Gymnasium durch Amputation und Re-Transplantation der 13. Klasse an den Rand des Ruins gebracht. Vor allem aber leidet die deutsche Schule daran, dass sie ungerecht ist. Seit der berühmten Pisa-Studie liegt dieser Strukturfehler offen, aber die Kultusminister haben dafür keinen Plan. Während sie verbissen an ihrer Dreigliedrigkeit festhalten, stirbt ihnen die Hauptschule unter den Händen weg.

Das Virus hält uns nun drastisch vor Augen, dass die Kultusadministration das 21. Jahrhundert verschlafen hat. Digitaler Unterricht ist trotz teurer Aufholjagd praktisch nicht möglich: Schulen fehlt schnelles Internet. Schulclouds können, sofern es sie denn gibt, von Lehrern meist nicht bedient werden. Ganz zu schweigen von einem neuen Stil des Lernens: Lehrkräfte gefallen sich zu oft im heroischen Frontalunterricht, anstatt mit Schülern Kollaboration, Kreativität, Kommunikation und agiles Arbeiten zu üben. Alles, was den Kultusministern einfällt, lautet: Zurück auf die Schulbänke! Prüfen! Das ist, pardon, zu wenig. Wir müssen reden.

Es gibt eine interessante Parallele zum Jahr 1920, als die Reichsschulkonferenz Schule neu definierte. Damals nahmen 650 Vertreter nicht nur der Länder und des Reichs teil, sondern auch gesellschaftliche Gruppen wie die der Reformpädagogen, der Jugendbewegung und so weiter. Ein Bildungsgipfel, wie wir heute sagen würden, kann auf keinen Fall ein Treffen jener Kultusbürokraten sein, die die Bildungskrise verursacht haben. Auch heute müsste man die Gesellschaft mit an den runden Tisch holen: die kreativen Gruppen von Lehrern, die neue Lernformen kreiert haben; die Eltern, die so deutlich wie nie spüren, dass der Staat sie nicht ernst nimmt; die erfolgreichen deutschen Start-ups, die seit zehn Jahren Schüler mit digitalen Lerninhalten versorgen. Bettermarks, Sofatutor, Simpleclub, Lehrermarktplatz, Nextcloud und wie sie alle heißen, sie sollen Schule nicht übernehmen. Aber sie müssen den zur digitalen Unterrichtsversorgung unfähigen Kultusministern zeigen können, wie moderne Schule geht.

Derzeit ist die Gesellschaft in Schulöffner und Schulschließer geteilt. Beide Gruppen lassen keinen Tag vergehen, ohne sich in sozialen Medien, bei Demonstrationen oder in Parlamenten zu bekämpfen. Es gibt dabei aber einen großen Hoffnungsschimmer: Noch nie haben sich alle Teilnehmer einer nationalen Bildungsdebatte auf ein gemeinsames Stichwort bezogen. Heute ist das so. Es heißt Bildungsgerechtigkeit oder, konsequenter, Chancengleichheit. Das ist bei allem Dissens eine große Gemeinsamkeit. Und eine Gelegenheit für das Morgen. Denn in gesellschaftlichen Transformationen geht es darum, Chancen gerechter zu verteilen.