Es gibt Mobbingopfer – und es gibt Schulen, die im Kampf gegen Mobbing zu Opfern geworden sind. So ist es der Berliner Vincent-van-Gogh-Oberschule ergangen. Sie engagierte – wie andere Schulen auch – einst Carsten Stahl, bekannt geworden als Anti-Mobbing-Trainer. Und das hatte Folgen.

Stahl, geboren in Köpenick, war ein unsportlicher Junge, wurde früher von Mitschülern gehänselt und verprügelt. Als Jugendlicher machte er Kraft- und Kampfsport, verschaffte sich durch Zuschlagen Respekt und wurde später zum Anführer einer kriminellen Bande in Neukölln. Als Familienvater kehrte er der Halbwelt den Rücken, wurde Privatdetektiv und später Serienschauspieler. Nachdem sein eigener Sohn in der Schule verprügelt worden war, reifte in Stahl der Plan, als Anti-Mobbing-Trainer in Schulen zu arbeiten. Zu beobachten war das ab 2018 in der RTL-Dokusoap „Stahl:hart gegen Mobbing“.

2021 wurde die Reihe eingestellt, angeblich wegen schlechter Quoten. Von Anfang an waren die Methoden Stahls umstritten gewesen, weil er die Kämpfe und Leiden der Jugendlichen zur Schau stellte. Deshalb entschied der Neuköllner Jugendhilfe-Ausschuss im März 2019, nicht mit dem „Camp Stahl“ zusammenzuarbeiten. Die Vincent-van-Gogh-Schule und der frühere Schulleiter Michael Mutschischk haben seit 2016 eng mit Carsten Stahl kooperiert. In allen Klassen wurden Seminare mit dem Anti-Mobbing-Trainer durchgeführt, und die Arbeit mündete in eine Reihe von TV-Aufzeichnungen, die im April 2018 ausgestrahlt wurden. Auch danach kehrte Stahl ein paar Mal an die Schule zurück, „bis die Aktivitäten durch Corona leider zum Erliegen kamen,“ so schildert es der Trainer.

Manche Schulen, die sich auf das „Camp Stahl“ eingelassen haben, kämpfen seitdem mit einem zweifelhaften Ruf. „Auch wenn es gar nicht stimmt: Durch die Bilder und die Rhetorik von Carsten Stahl setzt sich in den Köpfen der Menschen fest: An dieser Schule herrscht Gewalt. An dieser Schule haben die Lehrer es nicht im Griff“, sagt Florian Hackmann. Seit einem Jahr ist er Schulleiter der Vincent-van-Gogh-Oberschule.

Carsten Stahl sieht das anders: „An jeder Schule in Deutschland ist Mobbing an der Tagesordnung. Die Vincent-van-Gogh-Schule hat sich produktiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Und mir ist es wichtig, dafür ein Bewusstsein  zu schaffen. Seit neun Jahren kämpfe ich gegen Mobbing – und ich weiß, dass ich durch meine Arbeit das Leben von vielen Schülern zum Besseren verändern und in Einzelfällen sogar Selbstmorde verhindern konnte.“

Der neue Schulleiter Florian Hackmann möchte jedenfalls, dass der Name der Vincent-van-Gogh Schule bald mit anderen, schöneren Dingen verbunden wird als mit dem Thema Mobbing. Er ist entschlossen, an der verrufenen Sekundarschule in Hohenschönhausen einen Turnaround zu schaffen. Er kämpft für eine bessere Zukunft. Nicht allein, sondern mit einem Trupp motivierter Lehrkräfte, die die Schule wieder zu einem einladenden Ort machen wollen.

Die Türen in der Van-Gogh-Schule sind neu gestrichen – in Hellgrün

Auf dem Weg dahin hat die Schule in den vergangenen Monaten schon eine gute Strecke zurückgelegt. Um das erkennen zu können, muss man wissen: Das Hauptgebäude der Schule ist keine Schönheit, ein grauer Plattenbau aus dem Jahr 1984, der bis vor kurzem nur wenig Liebe und Renovierungen erfahren hat. In manchen Klassenzimmern liegt auf dem Boden noch das alte Linoleum aus DDR-Zeiten.

Eine Kernsanierung wurde Hackmann erst für das Jahr 2028 in Aussicht gestellt. Doch so lange wollte der Schulleiter nicht warten. Nun hat er mit dem erstrittenen Geld des Bezirksamts die Wände und Türen neu streichen lassen, in einem hoffnungsvollen Hellgrün. Im Foyer stehen Palmen, ein Konterfei des Malers Vincent van Gogh, von einem Schüler der zehnten Klasse gemalt, prangt am Eingang der Schule. Aus diesem Konterfei hat eine Werbeagentur jetzt ein Logo entwickelt – ein van Gogh mit Sonnenbrille, der bald auch von den T-Shirts der Jugendlichen blicken und für mehr Identifikation sorgen soll.

Benjamin Pritzkuleit
Das Konterfei von Vincent van Gogh, gemalt von einem Schüler der zehnten Klasse, ziert den Eingang der Schule.

Freitagmittag, der Schulleiter wartet in seinem Büro. Blumen auf Besprechungstisch, ein Teller mit Süßigkeiten, auch hier spürt man das Bemühen um eine neue Gastlichkeit. Florian Hackmann, Lehrer für Deutsch und Geschichte, hat viele Jahre an der Robert-Jungk-Schule unterrichtet, einer beliebten Europa-Schule in Charlottenburg, die sich an Kinder aus deutsch-polnischen Familien richtet. Eine Zeit lang war er dort für das Qualitätsmanagement zuständig, er spürte, dass „Schulentwicklung“ vielleicht seine eigentliche Berufung sein könnte.

Nach einer einjährigen Zusatzausbildung trat er an der Vincent-van-Gogh-Schule seine erste Stelle als Schulleiter an. Hackmann, gut vernetzt in der Berliner Bildungsszene, ist es gelungen, trotz des dramatischen Mangels in der Stadt 14 extern tätige Lehrerinnen und Lehrer für sein Projekt zu begeistern und im August 2021 mit nach Hohenschönhausen zu bringen.

Die große Zukunftskonferenz in der Van-Gogh-Schule

Im September hat es an der Schule dann eine große „Zukunftskonferenz“ gegeben. Schüler, Eltern und Lehrer haben drei Tage lang darüber diskutiert, was die Stärken der Schule sind, wo die Schwächen liegen. Und was sie alle gemeinsam verändern und verbessern wollen. Es soll zum Beispiel ein Förderverein gegründet werden mit dem schönen Namen: „Wir für Vincent“.

Was sind die Stärken der Schule? Ein Programm zur Berufsorientierung zum Beispiel, das in den eher mäßigen Schulinspektionsberichten der vergangenen Jahre immer die besten Noten bekommen hat.

Dann gibt es ein ansprechendes Außengelände mit einer großen Wiese und einem Fußballplatz sowie ein Team von Sportlehrern, das es versteht, die Schülerinnen und Schüler durch Wettkämpfe herauszufordern und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Auf der Webseite der Schule sieht man viele Fotos von Jungen und Mädchen, die glücklich ihre Medaillen in die Kamera halten. Besonders ist an der Van-Gogh-Schule auch, dass man Russisch als zweite Fremdsprache lernen kann. Denn es gibt viele Schüler aus dem russischsprachigen Ausland, die sich auf diese Weise ihre Muttersprache auch als Schriftsprache aneignen können, was sich positiv auf ihre sprachlichen Fähigkeiten im Deutschen auswirkt.

Und die Schwächen? Ein großes Manko war, dass die Schule keine gemütlichen Räume hatte, in denen sich Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler aufhalten oder auch etwas essen konnten. Entsprechend wird es nun als Triumph empfunden, dass im gelben Anbau der Schule eine Cafeteria eröffnet hat. Ein Ehepaar verkauft dort bis in den frühen Nachmittag Speisen und Getränke. Und wie jedes Mal zum Wochenausklang hat sich auch jetzt die erweiterte Schulleitung dort eingefunden, sechs Lehrerinnen und Lehrer, die sich bei einer Tasse Cappuccino über Erfolge und Herausforderungen austauschen.

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Betreiber-Paar Frank und Kerstin Matuszewski im neu eröffneten Café Vincent.

Die sogenannte Break Lounge – ein großer Pausenraum, der jahrelang gar nicht genutzt wurde, weil das alte Linoleum so erbärmlich stank – nimmt langsam Gestalt an. Nun gibt es neue Fußböden, ein paar Sofas und auf Wunsch der Schülerschaft wurde ein Tischkicker bestellt. Die Bücherregale sollen von den Jugendlichen selbst gebaut werden, es gibt zwei Werkstätten in der Schule. Und eine große Schulküche, die ebenfalls langsam wieder zum Leben erwacht. Hackmann hofft, dass die Schüler keinen Drang verspüren, das Mobiliar zu zerstören, wenn sie es selbst entworfen und gebaut haben. „Wir haben viele Schüler, die sehr praktisch veranlagt sind und die aufblühen, wenn sie sehen, was sie alles mit ihren eigenen Händen erschaffen können.“

Wertschätzung für die Schüler, die sich aussortiert fühlen

Man könnte glauben, dass es zunächst nur um Äußerlichkeiten geht, um Renovierung und Inneneinrichtung. „Aber das ist nun mal ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung für unsere Schüler“, sagt Hackmann. „Sie sollen sich hier angenommen und geborgen fühlen.“

Bisher wird gut die Hälfte der Schüler der Schule zugewiesen, während die andere Hälfte die Schule als Zweit- oder Drittwunsch angegeben hat. Das heißt, die Jugendlichen sind hier, weil sie an anderen Schulen nicht genommen wurden. Sie fühlen sich als Aussortierte. „Dieses Gefühl müssen wir ihnen erst mal nehmen“, sagt Hackmann. Hinzu kommt, dass seit der Schulstrukturreform die Sekundarschulen ohne gymnasiale Oberstufe in Berlin als Verliererschulen gelten. „Und das müssen wir drehen, indem wir unseren Schülern gute berufliche Perspektiven eröffnen jenseits eines Studiums.“

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Florian Hackmann, Lehrer für Deutsch und Geschichte, seit März 2021 Schulleiter der Vincent-van-Gogh-Oberschule.

Aktuell haben 60 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, sie kommen aus insgesamt 23 Nationen. Viele Russen sind dabei, Polen, aber auch Vietnamesen und Flüchtlinge aus Syrien. 60 Prozent der Schüler sind „lernmittelbefreit“. Dieses seltsame Wort bedeutet, dass der Staat für die Bücher und Hefte aufkommt, nicht die Eltern, die Hartz IV beziehen oder in schlecht bezahlten Jobs arbeiten.

Schätzungsweise 50 Prozent der Jugendlichen haben getrennt lebende Eltern, alleinerziehende Eltern. „Und deshalb gibt es dann in jeder Klasse zwei oder drei Schüler, die Aufmerksamkeit brauchen. Aufmerksamkeit um jeden Preis“, sagt Tatjana Fitzer, die stellvertretende Schulleiterin. „Ich verstehe das, aber das macht die Arbeit für uns deutlich schwieriger. Weil die Schüler lauter Probleme im Kopf haben, die sie vom eigentlichen Unterricht abhalten.“

Traumatisierte Schüler bekommen Hilfe von einer Psychologin

Sophie Schütte, die im vergangenen Jahr als Lehrerin neu an die Schule kam, pflichtet ihr bei. „Vor ein paar Tagen hat mir ein Schüler von seiner Flucht über das Mittelmeer erzählt, so zwischendurch in der Pause. Und heute hat eine Schülerin mir gesagt, sie könne die Deutscharbeit nicht mitschreiben, weil ihr Freund gerade mit ihr Schluss gemacht hat. Dann bin ich mit rausgegangen auf den Flur und habe sie getröstet – zum Glück haben wir im Deutschunterricht gerade eine Doppelsteckung. Und danach war sie dann doch einverstanden, die Arbeit mitzuschreiben.“

Erfahrungen wie diese haben das Kollegium motiviert, eine Lehrerstelle in eine Stelle für eine Schulpsychologin umzuwidmen. Zusammen mit den drei Schulsozialarbeiterinnen soll sie helfen, dass die Schüler ihre Traumata, ausgelöst durch die Flucht oder das Zerbrechen ihrer Familien, verarbeiten können und so den Kopf wieder freizubekommen für das Lernen. Und die Chancen stehen gut.

Das sogenannte Krisenteam, schon vom früheren Schulleiter eingeführt, wurde verstärkt: Etwa zehn Mitglieder des Kollegiums, die allein oder zu mehreren gerufen werden, wenn es in einer Klasse zu Konflikten kommt. Über SchoolFox, den neuen Schulmessenger, können sich die Team-Mitglieder in Sekundenschnelle anfunken und einander zur Seite stehen. Schüler, die über die Stränge schlagen, haben dann schnell das Gefühl, dass sie gegen einen moralischen Konsens unter den Erwachsenen verstoßen. Das bringt mehr, als wenn nur eine einzelne Lehrerin sagt: „Hey, das geht so nicht.“

Die Lehrer halten an der Van-Gogh-Schule jetzt mehr zusammen

Wie empfinden Schülerinnen und Schüler das, was seit einem Jahr an ihrer Schule passiert? „Die Lehrer halten jetzt mehr zusammen, wenn unsere Jungs mal verrückt spielen“, sagt Naja Darwisch, 16 Jahre alt, die fünf Geschwister hat und bei ihrer Mutter lebt. Nach der zehnten Klasse will sie im August auf ein Oberstufenzentrum wechseln. Es sei ein „bisschen schade, dass sich die Schule erst jetzt so verändert, kurz bevor ich weggehe. Aber natürlich freue ich mich: Das ist ja auch gut für die anderen Schüler.“

Auf dem Gehweg stehen ein paar Jungen, vielleicht 13 Jahre alt, die rauchen und die Zigaretten halb hinter ihrem Rücken halten. „Ja“, sagt der eine. „Ich wohne hier in der Nähe, aber auf die Vincent-van-Gogh gehe ich nicht, weil die Schüler da auf der falschen Spur sind.“ Wahrscheinlich dauert es noch eine Weile, bis der neue Geist der Schule sich im Viertel verbreitet.

Benjamin Pritzkuleit
Der Fußballplatz der Sekundarschule in der Morgensonne.