Schüler und Schülerinnen während der Deutsch-Abiturprüfung.
Foto:dpa/Felix Kästle

BerlinDurch Corona sind Bildungsthemen wieder ganz oben auf die politische Agenda gerückt. Und warum das so sein sollte, erklärt der 8. Nationale Bildungsbericht. Seit 2006 erscheint er alle zwei Jahre und nimmt das gesamte Bildungssystem in den Blick: Von der frühkindlichen Bildung über die Schulen, Ausbildungen, Hochschulen bis hin zur Weiterbildung im Erwachsenenalter. Er möchte die großen Entwicklungslinien zeigen und zugleich Handlungsanleitung sein für die Politik.

Der Bericht wurde von einer unabhängigen Wissenschaftlergruppe erstellt. Federführend war dabei das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF). Der Bericht verarbeitet Daten des Statistischen Bundesamtes und der Statistischen Ämter der Länder. Am Dienstag wurde der Bericht in der Bundespressekonferenz vorgestellt. Anwesend waren die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, die KMK-Präsidentin Stefanie Hubig sowie Professor Kai Maaz, der Sprecher der Autorengruppe.

Fangen wir mit den guten Nachrichten an: Die Bildungsausgaben sind 2018 auf 310 Milliarden Euro gestiegen. Es gibt mehr Abiturienten und mehr Hochschulabsolventen als früher. Und besonders erfreulich ist, dass die Durchlässigkeit des ziemlich undurchlässigen deutschen Bildungssystems zugenommen hat. Bildungsentscheidungen, die früh im Leben der Schülerinnen und Schüler getroffen werden, wie zum Beispiel die Wahl der weiterführenden Schule, können im Lebensverlauf leichter korrigiert werden. Die Übergänge zwischen beruflicher und akademischer Bildung sind fließender geworden. Und mehr Erwachsene machen Ernst mit der Idee des lebenslangen Lernens.

Unter den schlechten Nachrichten ist eine, die zutiefst verstört: In allen Bildungsbereichen gibt es Menschen mit sehr geringen schriftsprachlichen Kompetenzen. Immer mehr Jugendliche verlassen die Schule, ohne einen Hauptschulabschluss erreicht zu haben. Im Jahr 2018 waren das 6,8 Prozent. 4,5 Prozent der jungen Männer zwischen 30 und 35 Jahren müssen ohne einen einzigen tauglichen Bildungsabschluss auf dem Arbeitsmarkt antreten. Welche dramatischen Konsequenzen das haben kann, ist ja inzwischen gut erforscht: Schlechtere Arbeitsmöglichkeiten, geringeres Lebenseinkommen, politisches Desinteresse, mangelhafte Ernährung und weniger Stabilität in ihren sozialen Beziehungen.

Nach wie vor spielt die soziale Herkunft eine zu große Rolle für den Bildungserfolg eines Kindes. Kinder aus sozial schwachen Regionen, Kinder mit Migrationshintergrund haben es schwer – eine große Herausforderung für die politischen Akteure. Deshalb will Bildungsministerin Karliczek auf den quantitativen und qualitativen Ausbau der Ganztagsschule setzen. Wie die Familienministerin Franziska Giffey plädiert sie für einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter.

Die Ganztagsschule verspricht Kindern aus bildungsfernen Familien mehr Förderung – und vielleicht sogar eine Art Wiedergutmachung für Eltern, die in der Corona-Krise mit extremen Belastungen zu kämpfen hatten. „Ein modernes Land, ein modernes Leben braucht die Ganztagsschule“, so Karliczek. „Auch, damit Familie und Beruf besser vereinbart werden können.“

Das Schwerpunktthema des Berichts ist „Bildung in einer digitalisierten Welt“. Doch entstand bei der Pressekonferenz der Eindruck, dass die Verfasser des Berichts von den Corona-Entwicklungen der letzten Wochen etwas überrollt worden sind. Auf dem Podium wurden deshalb drei sehr vernünftige, aber wenig überraschende Dinge gesagt. Was brauchen die deutschen Schulen? Eine bessere Ausstattung, kluge Konzepte und eine gezielte Fortbildung der Lehrer.

Diese Fortbildung soll mit einer Mischung aus Webinaren und Präsenzkursen geschehen. Die Länder wollen sich gegenseitig ihre Fortbildungsmodule zur Verfügung stellen. „Damit nicht 16mal das Rad neu erfunden wird“, sagte KMK-Präsidentin Hubig mit einem Anflug von Ironie. Auch will sie darauf dringen, dass die Schulträger die Gelder aus dem Digitalpakt schneller abrufen. „Es geht nicht, dass die Länder ständig krähen, sie bräuchten mehr Gelder vom Bund –  es dann aber nicht schaffen, das Geld zügig auszugeben.“

„Wir können Digitalisierung, aber andere können es besser“, sagte Professor Maaz, nach dem Vorsprung der skandinavischen Länder gefragt. Treffender hätte er es wahrscheinlich nicht formulieren können.