Christiane Habermalz, die Königin von Liliput, in ihrem 6-Quadratmeter-Garten 
Foto:  Benjamin Pritzkuleit

BerlinWer eine Hundehütte baut, stellt einen Fressnapf davor. Im Vogelhäuschen liegen Körner aus. Nur Insekten sollen in Hotels ziehen, in denen es nichts zu essen gibt. Hotel garnix. Diese Insektenunterkünfte sind gerade schwer in Mode. Wer demonstrieren will, wie naturverbunden er ist, hängt irgendwo ein Stückchen Holz mit Löchern drin auf. Doch was gibt es zu fressen, wenn die Hotelgäste morgens aufwachen? Giftige Thujahecken aus China, tödlichen Kirschlorbeer aus dem Baumarkt, blühende Forsythien – leider ohne Pollen und Nektar gezüchtet, genauso wie unser Flieder, die meisten Rosen und die Hortensien. Für Insekten sind unsere Gärten so künstlich, als würden wir einem Hund einen Knochen aus Plastik servieren.

Als die Hörfunkjournalistin Christiane Habermalz vor drei Jahren die Studien zum Insektensterben las, machte sie einen radikalen Schritt. Nach außen war sie weiterhin die nette Kollegin, Mutter und Nachbarin. Doch nachts mutierte sie zur Öko-Guerillera. Im Morgengrauen fuhr sie auf ihrem Fahrrad los, bewaffnet mit Setzlingen, Wasserflasche und Schaufel, um in Parks Unkraut zu säen und zu pflanzen. Sie warf Samenbomben mit den Keimlingen heimischer Pflanzen ab: auf Brachen, in den Gärten der Nachbarn und sogar vor dem Auswärtigen Amt. Ihr Waffenarsenal umfasst Schattenbomben, Wiesenbomben und Verkehrsinselbomben.

Wann immer die Öko-Guerillera in einem Baumarkt war, nahm sie statt Rosendünger oder Rasensamen eine Fünfziger-Packung Reptilienfutter mit: kleine Grillen, genannt Heimchen, denen sie auf ihrem Balkon die Freiheit schenkte – als freilaufendes Vogelfutter. Im ersten Guerilla-Sommer begann auf ihrem Balkon und auf denen der Nachbarn ein bis dahin unbekanntes lautes Zirpen, besonders nachts. Die Heimchen hatten noch eine weitere Eigenschaft, die sie nicht bedacht hatte. Im Winter ziehen sie sich gern ins Warme zurück, also in das Innere der Wohnungen: Heimchen am Herd.

Manche Mütter wollen Blumen, Habermalz will Insekten

Die Insektenliebe der Autorin ging so weit, dass sie die Mücken im Schlafzimmer nicht mehr totschlug, sondern mit dem Käscher nach draußen beförderte. All das auch zum Befremden der eigenen Familie. Während ihr Mann in philosophischer Distanz zu den neuen Aktivitäten seiner Frau bleibt, hat die 19-jährige Tochter mehr Verständnis. Sie macht gerade ein freiwilligen ökologisches Jahr auf dem Land. Als Habermalz zur Laus- und Madenbekämpfung ihres Pflaumenbäumchens Ohrwürmer braucht, bittet sie die Tochter, ihr welche mitzubringen. Manche Mütter wollen Blumen, Habermalz will Insekten. Die Antwort der Tochter: drei Smileys, die sich die Hand vor den Kopf schlagen.

Habermalz erzählt von ihren Metamorphosen mit viel Humor. Aus ihrem Guerilla-Kokon hat sie sich durch ein Buch befreit, einem Schmetterling von einem Buch. Es heißt „Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam. Bekenntnisse einer Guerillagärtnerin“.

Die Generation, die heute fünfzig ist, weiß noch, wie Motten ums Licht kreisten und wie ein Kartoffelkäfer aussieht. Die Frage ist, wie viel von diesem Wissen wir unseren Kindern weitergeben können. Die Aufklärung über das Artensterben macht auch das Vergessen bewusst. Löwen und Nashörner sind für Kinder heute weniger exotisch als Ameisenlöwen und Schwärmerraupen.

In zwanzig Kapiteln führt die Autorin uns ebenso unterhaltsam wie sachkundig durch die Welt der Lilienhähnchen, der Ohrwürmer und der eigenen Unwissenheit über die Symbiose von Pflanzen und Insekten. Ihr Buch ist mitten in der Corona-Krise herausgekommen; das war nicht geplant, und doch wirkt es wie eine Reaktion auf die Krise. Denn es ist eine Anleitung, sich mit dem Leben vor unseren Augen zu befassen, mit heimischen Pflanzen und Tieren, die sonst keine Beachtung finden oder sogar als Unkraut und Ungeziefer beseitigt werden.

Aus jedem dieser Kapitel lässt sich schnell eine Exkursion für Kinder zusammenbasteln. Denn Insekten muss man nicht lange suchen, wenn man weiß, welche Pflanzen sie mögen. Man findet sie in Mauerritzen, auf Brachen und am Wegesrand. Wo wilde Lilien wachsen, lässt sich bald der Gesang der Lilienhähnchen hören – sie singen fast wie Zikaden, nur etwas leiser. Wer der Autorin folgt, fühlt sich bald wie Gulliver im Land Lilliput. Alles ist neu und anders, als man es bisher wahrgenommen hat. Die Habermalz-Reise beginnt mit wundersamen Namen: es geht um Waldziest, Natternkopf, weißen Mauerpfeffer und Ehrenpreis. Auf Verkehrsinseln zwinkert uns die Wegwarte zu, eine verzauberte junge Frau, die so lange auf den Liebsten wartete, bis sie Wurzeln schlug. Ihre blauen Augen öffnen sich für Insekten nur zwischen sechs und elf Uhr morgens.

Der Garten von Christiane Habermalz mitten in Berlin ist nur sechs Quadratmeter groß. Habermalz spricht von „ihren Ländereien“ und führt stolz wie die Königin von Lilliput ihre Festspiele vor. Der wunderschöne weiß-gelbe Aurorafalter legt seine Eier gern an die Knoblauchsranke. Dort fressen gerade blassgrüne Raupen die wenigen Blätter ab. Jeder normal tickende Gulliver-Gärtner würde die Winzlinge zermalmen. Aber dann gibt es auch keine Schmetterlinge. Wir Gullivers scheinen Spatzenhirne zu haben.

Den lila blühenden Natternkopf besucht gerade die Natternkopfmauerbiene, eine Spezialistin unter den Wildbienen, die tatsächlich den Weg in Habermalz’ Ländereien gefunden hat. Daneben lässt die Autorin Brennnessel wachsen, Raupen lieben das und danken es mit dem Flügelschlag der Tagpfauenaugen. In den Kelchen der nesselblättrigen Glockenblumen schlafen nachts Hummeln und Bienen. Oben auf dem Balkon blüht fliederfarben eine Wiesenwitwenblume. Natürlich blüht sie wiesenwitwenblumenfarben, aber das weiß nur die Knautien-Sandbiene, die sich ausschließlich von diesen Blüten ernährt. Bisher hat sie sich in den Lilliput-Ländereien noch nicht blicken lassen. Aber wenn sie kommt, ist der Tisch gedeckt.

Von den etwa 560 Wildbienenarten sind ein Drittel absolute Nahrungsspezialisten. Sterben die Arten, von denen sie sich ernähren, verhungern die Wildbienen. Um die Honigbienen dagegen muss man sich nicht sorgen, sagt Habermalz. Die könne man züchten wie Haustiere, denn Honigbienen essen alles. Die Spezialisten dagegen verschwinden. Auch Hummeln sterben ab jetzt den Hungertod, denn es gibt kaum noch Spätblüher. Und die letzten Oasen auf den Verkehrsinseln werden gerade ohrenbetäubend niedergemäht.

Habermalz zeigt auf das Salomonsiegel, eine Pflanze, die an Maiglöckchen erinnert. Auf ihren Blättern ruht sich gerade eine Salomonsiegelblattwespe aus. Diese seltene Blattwespe hat die drei Pflänzchen der Autorin entdeckt. Zum Lohn werden ihre Larven sie auffressen. „Genau dafür mache ich das“, sagt Habermalz. Sie gärtnert für Insekten.

Mit dem Facettenauge auf die Gärten blicken

„Ich wünsche mir, dass die Leute nach der Lektüre mit Facettenauge auf ihre Gärten blicken“, sagt die Königin von Lilliput. Und lässt dann doch den Kopf hängen. Denn die Artenkenntnis schwindet. Unsere Kinder sind es nicht mehr gewohnt, dass eine Wiese summt und brummt. Sie erschrecken sich vor Maikäfern, weil sie noch nie ein so großes Insekt gesehen haben. Und in Bayern kennen Kinder laut Umfrage nur noch fünf Vogelarten. Man sieht nur, was man weiß, das haben wir von Goethe gelernt. Und man schätzt nur, was man kennt. Außerdem sind Insekten unbeliebt. Die meisten Menschen mögen sie nicht. Dabei schmecken Äpfel besser, die von Insekten bestäubt werden. Doch wir danken es ihnen nicht.

Mit dem Buch in der Hand stehe ich nun in meinem Gulliver-Garten. Er ist um einiges größer als die Lilliput-Ländereien. Und er blüht gerade. Die Pfingstrosen waren prächtig, blauer Rittersporn hebt sich von roten Rosen ab, doch plötzlich erscheint mein Garten mir starr wie eine Skulptur. Nur aus einer Ecke brummt es. Dort blüht die Katzenminze, neben ihr entdecke ich eine Wiesenwitwenblume. Ich grüße die Bienen und greife zum Spaten. Mein erstes Opfer ist eine Hortensie. An ihrer Stelle wächst nun Schafgarbe, die einzige heimische Pflanze, die ich im Blumenladen gefunden habe.

Christiane Habermalz: Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam. Bekenntnisse einer Guerillagärtnerin. Heyne, München, 9,99 Euro