Der Gurkenkönig ist Auslöser für viele Turbulenzen.
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In diesem Buch ist alles im Wandel. Der Vater des Erzählers Wolfgang Hogelmann verwandelt sich von einem ordentlichen Familienmitglied in einen königstreuen Untertan. Die Mutter, die stets hingenommen hatte, bestenfalls an zweiter Position in der Familienhierarchie zu stehen, erweist sich im Konflikt mit Wolfgangs Lehrer als Streiterin für die Gleichberechtigung. Auch Wolfgang selbst, seine ältere Schwester und sein jüngerer Bruder stehen am Ende anders da als zu Beginn. Wenn man länger darüber nachdenkt, könnte man sagen, dass alle eine Art Pubertät durchlaufen. Doch nicht nur die Persönlichkeiten und ihre Plätze im sozialen Gefüge ändern sich: Im Hause Hogelmann kämpfen Systeme gegeneinander. Feudalismus, Diktatur und Demokratie kann man in dieser kleinen Zelle der Gesellschaft finden.

Kein Wunder also, dass ich selbst Christine Nöstlingers „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ nicht zu lesen bekam, als ich noch im entsprechenden Alter war. In der DDR konnte so ein Buch, das zum selbstbewussten Auftreten gegenüber Despoten ermuntert, nicht erscheinen.

Es fiel mir als schon etwas abgegriffenes Exemplar im Ferienhaus von Freunden in die Hände. Der Name der Autorin war mir theoretisch ein Begriff, praktisch hatte noch keinerlei Erfahrung mit ihr. Um sie kennenzulernen, nahm ich das Buch auf eine längere Autofahrt mit und begann unterwegs vom Beifahrersitz aus mit der Familienunterhaltung. Ich habe immer gern vorgelesen, nicht nur abends am Bett, sondern auch am Esstisch, in der U-Bahn, im Park. Der Tag mit dem Gurkenkönig, eigentlich einem schönen Ausflug gewidmet, war dann geprägt vom ständigen Ringen um Vorlesezeit.

Beim Warten im Gartenrestaurant erfuhren wir, wie „König Kumi-Ori das Zweit“ aus dem Keller des Hauses nach oben gekommen ist, vertrieben von seinen Untertanen. Er nannte in seinem umständlichen Deutsch den Vorgang einen Putsch. Der junge Erzähler berichtet: „Der Opa hat gesagt, das heißt nicht Putsch, sondern Revolution.“ Mit dem Streit der beiden geht der Spaß richtig los. Wie der Vater die keimenden Kartoffeln aus dem Müll rettet! Wie der kleine Bruder den Gurkenkönig im Puppenwagen spazieren fährt! Abends kamen wir zu der Stelle, da der Gurkinger des Diebstahls verdächtigt wird, aber behauptet: „Wir nix habst!“

Nach drei Tagen hatte ich die 180 Seiten vorgelesen. Wir haben uns die Bäuche gehalten vor Lachen. Wir haben uns auf Spaziergängen über die Familie unterhalten, mussten bei Sandspielzeug an das Kumi-Ori-Volk im Hauskeller denken. Und ich war froh, meinen Töchtern mit „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ ganz ohne Belehrung Unterricht in Demokratie gegeben zu haben.

Christine Nöstlinger: Wir pfeifen auf den Gurkenkönig. Beltz & Gelberg, 143 S., 4,79 Euro.